Dienstag, 16. Mai 2017

Der Nahe Osten, mit den Augen eines Kindes gesehen

Aus lauter Vorfreude auf den gerade erschienenen dritten und letzten Band von Riad Sattoufs DER ARABER VON MORGEN habe ich mir neulich gleich mal wieder die ersten beiden Teile dieser tollen Comicautobiografie durchgelesen.



Der französisch-syrische Künstler, der auch mal Pressezeichner bei Charlie Hebdo gewesen ist, erzählt uns "[e]ine Kindheit im Nahen Osten", zeitlich angesiedelt zwischen 1978 und dem Ende der 1980er.

Das macht er mit viel Witz und Wärme und erspart uns dabei auch verstörende Erfahrungen nicht. Er bleibt dicht an seinem kindlichen Ich, das die Umstände einfach als gegeben und normal hinnimmt, und führt uns auch immer wieder poetische Momente vor Augen, so zum Beispiel, wenn der kleine Riad in Syrien auf einem Hausdach steht und den Flug der allgegenwärtigen Plastiktüten bestaunt, die über den Himmel taumeln wie Quallen im Luftmeer.

Welche Befremdungen der Nahe Osten für europäische Erwachsene bereithält, vermittelt sich über Riads französische Mutter, die sich sehr am arabischen Nationalismus und Sozialismus sowie an den patriarchalischen Familienstrukturen abarbeitet, wähend der kleine Riad sich in der Schule und auf der Straße durchboxen muss, mit Begeisterung die hohe Kunst der abgestuften Beleidigung erlernt und sich fragt, was zum Geier denn Juden sind, von denen er nur mitbekommt, dass die beim Spielen mit Plastiksoldaten nie einer sein will.

Ab und zu geht es zurück nach Frankreich, das dem kindlichen Pendler zwischen den Kulturen allerdings auch nicht weniger verrückt vorkommt, nur anders.

Während der bewunderte syrische Vater, egal ob sich die Familie gerade in Frankreich oder im Nahen Osten aufhält, immer stiller wird. Für den erwachsenen Leser sind seine Entfremdung und Entwurzelung zunehmend offensichtlich; der kleine Riad hingegen wundert sich nur still.

Diese kindliche Perspektive ist also zugleich eng, weil nicht verstehend, und weit, weil offen für alle Kontraste und schroffen Unverständlichkeiten und die großen Momente im kleinen Alltag.

Herrliche Lektüre! Traurig, lustig, zum Haareraufen, zum Staunen.

Und sehr lebensnah - das lassen mich zumindest die Erzählungen meines zweitältesten Freundes A. vermuten, der ebenfalls, nur zehn Jahre früher und als deutsch-syrisches Kind, zwischen Orient und Okzident gependelt ist.

Die Wärme und runde Freundlichkeit seines Stils sowie sein sachlich-ruhiger Blick machen Riad Sattouf zu einem meiner liebsten Comickünstler.

Riad Sattouf, DER ARABER VON MORGEN 1 und 2 (F 2014 und 2015)
Mehr zu den Büchern, auch Leseproben, beim Knaus Verlag


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English summary for foreign readers: I really like Riad Sattouf's ARAB OF THE FUTURE - the French-Middle East comic artist always tells his partly grueling stories with a warm humour.

1 Kommentar:

RoM hat gesagt…

Sali, Frank.
Zwischen den Kulturen zu wandern kann Segen & Fluch sein - ganz wie einen die jeweilige Umgebung aufzunehmen bereit ist. Große Kunst mag entstehen wie sich auch die Abgründe aus Haß öffnen können.
Nicht wenige klagen dabei über ihre Entwurzelung...aber hängt nicht auch viel davon ab (anzukommen), sich als Individuum zu entscheiden!? Zwischen zwei Sühlen kann man/frau nicht sitzen, stimmt. Aber man/frau muß sich entscheiden sitzen zu wollen.

"Vermutlich bleibt es eine wesentliche Entscheidung im Leben, keine Machthaber zu verehren."
(Myrelle Minorier)
Das Zitat kam mir im Zusammenhang mit den beiden Covern in den Sinn.

bonté