Mittwoch, 26. April 2017

#PAN17 - Nachgedanken zu einer Veranstaltung, auf der ich nicht war

(Diesem Text ging eine detaillierte Kritik an einem Vortrag voraus. Sie findet sich hier.)


So. Während einige PAN-Mitglieder auf Deibel komm raus versuchen, mich zu unbedachtem Verhalten zu provozieren ...


... und ein Vorstandsmitglied von PAN mit Schlamm wirft in der Hoffnung, dass irgendetwas schon hängenbleiben wird, und dabei auch vor unwahren Behauptungen nicht zurückscheut ...



... wobei ihnen jeweils völlig egal zu sein scheint, wie sehr sie damit ihrem jungen Berufsverband schaden ...

... will ich noch einmal in aller Ruhe ein paar Punkte an der ganzen Geschichte darlegen, die mich beschäftigen.

1.

Ich verstehe nicht, was da vor Ort bei diesem Vortrag gelaufen ist.

Stellen wir uns einmal den umgekehrten Fall vor: Ein Science-Fiction-Autor wäre auf eine beliebige MINT-Tagung gefahren und hätte den anwesenden Ingenieuren haltlosen Blödsinn über Technikgeschichte und die Entstehung von Erfindungen erzählt.

Ich entstamme einer Familie von Handwerkern und habe vor meiner Zeit als freiberuflicher Autor und Übersetzer unter anderem in der Industrie gearbeitet, unter anderem als Assistent der Geschäftsführung. Einige langjährige Freunde und Bekannte sind Techniker. Mein Schwiegervater ist Werkzeugbauer im Ruhestand; er hat Fertigungsanlagen entworfen.

Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich mich in der Ingenieursbranche auskennen würde. Aber meine paar Einblicke lassen mich vermuten, dass dieser hypothetische anmaßende SF-Autor mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Anwesenden ausgelacht worden wäre oder sie seinen Vortrag höflich, jedoch kritisch kommentiert hätten - spätestens beim anschließenden geselligen Beisammensein.

Dass das hier ausgeblieben ist, wirft Fragen auf.

2.

Die Situation seit dem Wochenende ist so absurd, dass ich mir vorkomme wie in einem Märchentheater. Gegeben wird Andersens "Des Kaisers neue Kleider", mit mir in der Rolle des kleinen Kinds am Straßenrand.

Wobei die Pointe des Märchens nicht ist, dass das Kind als einziges die Nacktheit des Kaisers erkennt.

So erinnert man sich vielleicht an das Märchen, wenn die Lektüre lange her ist (oder man es nur als Sprichwort kennt).

Ich hab extra noch mal nachgelesen, weil ich der eigenen Erinnerung grundsätzlich misstraue. Andersen lässt sein Märchen so hier enden*:

"[...] und einer flüsterte dem anderen zu, was das Kind gesagt hatte. 'Aber er hat ja gar nichts an!', rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser; denn es schien ihm, sie hätten recht. Aber er dachte bei sich: Nun muss ich die Prozession durchhalten. Und so hielt er sich noch stolzer, und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war."

Den letzten Satz kann ich mir immer wieder auf der Zunge zergehen lassen: "[U]nd die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war."

Das entlockt mir immer wieder ein Lachen, und im selben Moment vergeht es mir. Weil die Herrschaften, die ich oben in meinem Blogeintrag zitiere, leider nicht einmal so viel Haltung zeigen.

3.

So sehr wir alle die Phantastik schätzen, zurück zur Realität.

Dass Widerspruch ausgeblieben ist, habe ich weiter oben geschrieben, wirft Fragen auf.

Da stellt sich also jemand hin, redet einen Haufen Blödsinn und kriegt danach Applaus, und Leute twittern ihre Inspiriertheit.

Einfachste, zu einfache Erklärung: Hat er sie vielleicht bei ihrer Eitelkeit gepackt?

Auf meine immer harscher werdende Live-Kritik hin kam im Wesentlichen, dass
  • der Vortrag "nett" und "kompakt" gewesen sei,
  • der gute Mann lustige Bilder an die Wand geworfen habe,
  • der Vortrag sich nicht um Genrehistorik gedreht habe, sondern darum, warum "die Gesellschaft" SF "brauch[e]".

Man wurde also gut unterhalten, und es wurde einem erzählt, man werde gebraucht.

Das ist schon sehr schmeichelnd, und wer lässt sich nicht gern schmeicheln?

Aber der Mensch ist ein denkendes Tier.

4.

Warum also hat nicht irgendwann im Laufe dieser unterhaltsamen halben Stunde oder wenigstens danach die Vernunft ihr schönes Haupt erhoben und gesagt: "Moooment mal"?

Naheliegende Erklärung: Weil die Anwesenden in ihrer Mehrheit gar nicht gemerkt haben, dass ihnen Bullshit erzählt wurde.

Wenn wir das einmal annehmen, stellen sich zwei Fragen.

Erstens: Wissen sie vielleicht nicht, was Bullshit ist und können ihn deshalb nicht erkennen?

Dafür spricht einiges, denn das ist vermutlich damit gemeint, dass ich den Vortragenden "beleidigt" hätte.

Dann kann ich nur sagen: Bullshit ist eine sprachkritische Kategorie, und das Buch von Harry Frankfurt sollte jeder, der mit Sprache arbeitet, zumal künstlerisch, kennen. Gutes Handwerk setzt Wissen um den Werkstoff voraus.

Zweitens: Kennen sie sich vielleicht selber mit Science Fiction nicht aus?

Auch dafür spricht einiges, denn diejenigen deutschen SF-Schaffenden, die ich persönlich kenne, und das sind doch einige nach inzwischen vierzig Jahren in der Szene, hätten rasch gemerkt, dass sich da jemand anmaßt, sie über ihr Genre zu belehren, und dabei haltlosen Quatsch absondert.

Einige von ihnen sind so nett oder zurückhaltend, dass sie niemals einen Vortrag unterbrechen würden, aber sie hätten sich hinterher geäußert. Und einige hätten, wie ich auch, wenn ich vor Ort gewesen wäre, eine Diskussion vom Zaun gebrochen. Aber hallo!

Da das ausgeblieben ist, dürfen wir davon ausgehen, dass entweder
  • keine (oder wenig) SF-Autoren im Publikum waren oder
  • zwar hinreichend SF-Autoren dort waren, diese aber wenig Ahnung vom Genre haben.

5.

Und damit wären wir bei den Problemen, die PAN wirklich hat.

Denn dieser Mittfuffziger hier ist, auch wenn das einige Leute aus dem Autorennetzwerk so zu sehen scheinen, ganz sicher nicht PANs Problem:

Liebe Leute, ich hatte 1986 meine ersten professionellen Veröffentlichungen und bin seither durchgehend in Verbänden Mitglied, zunächst im Verband deutscher Schriftsteller, wo ich auch eine Zeitlang im Berliner Vorstand mitgemischt habe, später und bis heute im Verband deutschsprachiger Literaturübersetzer. Ich stehe Autorenverbänden sehr aufgeschlossen gegenüber und habe zum Beispiel die erste Zeit von QUO VADIS, wo ich mit einem Gründungsmitglied befreundet bin, mit (hoffentlich hilfreichen) Anmerkungen begleitet.

Denkt also über das nach, was dieser schöne, grundgescheite, gerade richtig dicke Mann in seinen besten Jahren euch jetzt fragen will!

Erstens: Kann es sein, dass euer Verein nicht divers genug ist, was die Genres betrifft? Fehlt es euch an SF-Autoren?

Zweitens: Kann es sein, dass euer Verein nicht divers genug ist, was die Altersstruktur betrifft? Fehlt es euch an älteren, erfahreneren Mitgliedern?

Drittens: Kann es sein, dass es euch allgemein an Professionalität fehlt? Im Sinne von Wissen und Erfahrung darüber, wie Vereinsarbeit funktioniert oder freie Träger überhaupt funktionieren? Dass ihr noch keine Strukturen eingezogen habt, die für Qualitätssicherung sorgen?

Viertens: Kann es sein, dass es bei euch schlecht um die Diskussionskultur bestellt ist? Dass sich vielleicht vor Ort einfach niemand getraut hat, vor der ganzen Gruppe aufzustehen und (als vielleicht Einziger) seine Meinung zu sagen?

Aus meiner Warte müsst ihr bei allen vier Punkten dringend was tun.


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* Zitiert nach: Hans Christian Andersen, FLIEDERMÜTTERCHEN, Alex Taschenbücher, Der Kinderbuchverlag Berlin, DDR 2. Taschenbuchauflage 1979


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English summary for foreign readers: Some (hopefully helpful) thoughts on a young German speculative fiction writer's association

Kommentare:

Nis Jasper Nicolaisen hat gesagt…

Ich kann dir nur rundum zustimmen. Als ich 1999 begann, Amerikanistik zu studieren, war eine meine ersten Proseminar-Arbeiten eine zum Thema "SF als Social Fiction", und analysiert habe ich unter dieser Überschrift klassische Stories aus den 1930er Jahren. Dass die SF seit Shelley, seit Wells, über Delany, Le Guin und Gibson bis hin zu NK Jemisin und in Deutschland meinetwegen Dath nix anderes macht, als politische, soziale, psychologische Folgen in der Gegenwart sich andeutender Entwicklungen abzuklopfen, und damit auch wieder auf die Gegenwart zurückzuwirken, also im doppelten Sinne social fiction zu sein, das ist so ein alter, gähnender Hut, dass damit kein Feuilletinhund mehr hinter dem Atomofen hervorzulocken ist.

Von PAN habe ich bisher nur den Eindruck gewonnen, dass dort die Verfasser von mehr oder weniger guten Unterhaltungsromanen darüber greinen, dass sie nicht genügend in bürgerlichen Leitmedien gefeatured werden. Das ist ihr gutes Recht (und nichts gegen gute Unterhaltungsromane!), aber von der Notwendigkeit eines solchen Forums bin, gerade nach dieser Twitter-Episode, weniger denn je überzeugt. Aber ich bin ja zum Glück auch garkein echter Phantastik-Autor ...

Frank Böhmert hat gesagt…

Atomofen :-D

Frank Böhmert hat gesagt…

[Per Mail eingegangen, Autor: Yip vom SF-Netzwerk]

Du, Frank - das mit dem "gerade richtig dicken" Mann ist aber zu einem
Drittel Bullshit, oder? ];-)

Mir scheint das Ganze ist ein Beispiel von Hurra-Kultur, eine neue
gruppendynamische Erkenntnis, die mich gerade durchwächst, was die
wirtschaftlich etwas taumelnde Firma angeht, für die ich meist tätig bin:
Der gemeinschaftliche Boden ist rutschig, oder evtl., weil noch neu
gelegt, aus frischen Eiern bestehend, und, damit die Belegschaft nicht
dauernd nach unten schaut, und innerlich erschauert, loben die
Vortragenden die neue Epoche, die zufällig gerade jetzt anfängt, rühmen
die Chancen für alle und werfen die Arme hurrarufend empor. Und alle so
"hurra", auch... Wichtig ist aber, dass dann Kritik und schärferes Licht
auf Probleme, oder potenzielle Probleme, nicht "passt" - im Firmen-Fall
wirken die Leute oft verstört, und achten NUR noch auf meinen Ton, um
daran etwas auszusetzen. (Rhetorik-Trick 17: Wenn du das Streitgespräch
gerade verlierst, hebe es in die Meta-Ebene.)

Ich denke mal der Vortrag bzw. die ganze Konferenz sogar war evtl. so ein
Hurra-Erlebnis, das nicht gestört werden durfte durch dein "Mitmachen" im
leider (!) global zugreifbaren Medium Twitter. (Ich sehe frech in die
PAN-Zukunft: Bald wird sowas nur noch in einer geschlosseneren
Social-Media-Umgebung stattfinden, Facebook "for friends only" oder
Google-Gruppe.)

Frank Böhmert hat gesagt…

Ja, Yip, einer der belustigenderen Aspekte der ganzen Angelegenheit war ja, dass das Branchentreffen im Nachhinein als "nicht öffentlich" dargestellt wurde - so versuchte man, sich meine Kritik zu verbitten trotz Hunderter von Tweets, die natürlich komplett nach draußen gingen. (Auf Facebook wird's nicht anders gewesen sein.)

Den Rhetorik-Trick 17 kenne ich auch besser, als schön wäre. Früher lief er schlicht unter "So was sagt man aber nicht." Die Spießer werden nicht alle.

Frank Böhmert hat gesagt…

P.S. "Hurra-Kultur" gefällt mir!