Montag, 27. Februar 2017

Fundstück: Ernährungsregeln werden gespeist aus Abgrenzung und Aberglauben

Jede Gesellschaft hat ihre eigenen, willkürlich gewählten Nahrungstabus - sie sind eines der vielen Mittel, um sich von anderen Gesellschaften zu unterscheiden: Wir tugendhaft-sauberen Menschen verabscheuen jene ekelhaften Dinge, die irgendwelche anderen seltsamen Gestalten offensichtlich schätzen. Der bei weitem höchste Anteil dieser Tabus betrifft Fleisch und Fisch. [...]

Dass Fleisch und Fisch so häufig besonderen Tabus unterliegen, dürfte letztlich darin begründet sein, dass sich in ihnen viel schneller als in pflanzlichen Lebensmitteln Bakterien oder andere Einzeller vermehren, die uns eine Lebensmittelvergiftung oder Parasitenerkrankung einbringen, wenn wir sie zu uns nehmen.

aus: Jared Diamond, KOLLAPS (USA 2005)



Spannend daran finde ich die Einschätzung "willkürlich gewählt"; sie erklärt die große Varianz solcher Ernährungsregeln. Erfahrungswissen basiert auf Ausprobieren beziehungsweise Erleben und Weitererzählen, damit steigt bei einer Handlung, die sich leicht als tödlich erweisen könnte, zwangsläufig der Anteil abergläubischer Elemente in den Regeln.

Das Irrationale an solchen Abgrenzungslinien zwischen Gesellschaften plagt uns ja heute noch.

Dienstag, 21. Februar 2017

Man steigt nie zweimal in dasselbe Buch

Wer regelmäßig dieses Blog verfolgt, weiß, dass ich Bücher gern mehrmals lese. So, wie man nicht zweimal in denselben Fluss steigt, liest man auch nicht zweimal dasselbe Buch. Man selbst hat sich bei jeder Lektüre ein bisschen verändert, steckt in differierenden Lebensumständen, und mit etwas Abenteurerglück oder einer glücklichen Hand bei der Auswahl der Lektüre hat sich auch das Weltwissen um ein paar Fitzelchen erweitert.

Ein schönes Beispiel dafür hat sich heute Morgen gezeigt. Ich lese gerade KOLLAPS von Jared Diamond zum zweiten Mal, ein faszinierendes Buch über die These, wie Gesellschaften sich entscheiden, ob sie erfolgreich weiterbestehen oder versagen. Darin werden diverse Gesellschaften dargestellt, die überlebt haben oder eben untergegangen sind, darunter auch die Wikinger mit ihren Kolonien in Grönland und an der Küste Nordamerikas.

Bei der Erstlektüre wunderte ich mich über folgende Passage:

Ein weiterer Beleg für spätere Besuche der Wikinger in Labrador findet sich in der isländischen Chronik: Sie berichtet aus dem Jahr 1347 über ein grönländisches Schiff mit einer 18-köpfigen Besatzung, das Island erreichte, nachdem es auf der Rückreise von "Markland" seinen Anker verloren hatte und vom Kurs abgetrieben worden war. Der Bericht in der Chronik ist kurz und sachlich, als sei das Ereignis nichts Ungewöhnliches: "Dieses Jahr lautet die Neuigkeit, dass eines dieser Schiffe, die jeden Sommer nach Markland fahren, seinen Anker verloren hat, und ebenso schüttete Thorunn Ketilsdóttir auf ihrem Bauernhof von Djupaladur einen großen Eimer Milch um, und eines der Schafe von Bjorni Bollason ist gestorben, und das war alles, was es in diesem Jahr Neues gab, nur das Übliche."

Meine Verwunderung galt nichts Großem, ich hätte nur diese zitierte Passage aus der Chronik nicht als "kurz und sachlich" eingeordnet, sondern eher als spöttisch. Sie klang für mich doch sehr nach dem sprichwörtlichen Sack Reis in China. Außerdem konnte ich mir kaum vorstellen, dass es in jenem Jahr keine Hochzeiten gegeben hatte, keine Todesfälle, Geburten, Brände oder ähnliches.

Heute, bei der Zweitlektüre, blieb ich wieder daran hängen, und diesmal wusste ich mehr. Ich hatte ja neulich DIE WIKINGER von Anders Winroth gelesen, und darin finden sich mehrere Stellen, an denen Wikinger in schriftlichen Quellen ihre Erlebnisse durch absurde Vergleiche herunterspielen. Einen sehr gelungenen Vergleich habe ich neulich getwittert:



Jetzt, wo ich das weiß, kann ich den Bericht in der isländischen Chronik unmöglich noch als "kurz und sachlich" verstehen, sondern nur noch als (offenbar typisch) skandinavisches Understatement. Ich sehe da zwei Wikinger richtig vor mir.

Der eine ist der Chronist: "Und dann seid ihr doch im Herbst noch abgetrieben worden und wärt fast draufgegangen."

Darauf der andere: "Ach, jaja, und der Thorunn Ketilsdóttir ist ein Eimer Milch umgekippt."

Der Chronist: "Soll ich das schreiben? Ich schreib das!"

Und beide boxen sich lachend an die Schulter.

Irgendwie so.

Darum jedenfalls lese ich Bücher, auch und gerade Sachbücher, gern mehrmals.


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English summary for foreign readers: I like to read good books several times. You never step into the same book twice.

Freitag, 17. Februar 2017

Orte haben eine Geschichte, auch in der Science Fiction

In den ersten Wochen des Jahres sichte ich immer noch einmal die SF-Neuerscheinungen des Vorjahres, um zu schauen, ob meine angesammelten Nominierungsvorschläge für den Kurd-Laßwitz-Preis (hier die diesjährigen) so okay sind.

Dabei fiel mir auch diesmal wieder etwas unangenehm auf. Ich nenne keine Namen, aber manche Bücher packe ich immer rasch wieder weg, weil sie bestenfalls in Einkaufszentren-Kulissen spielen. Nix lebt, nix hat sinnlich spürbare Geschichte.*)

Aus diesem Grund wärme ich hier noch mal einen Schreibtipp auf, der schon einige Jährchen auf dem Buckel hat - passt ja.

Vor drei Jahren machte ich mit meiner Liebsten kurz Urlaub in einer Wellness-Anlage in Meckpomm. Das Hotel gehörte zu einer Kette; die Anlage war also voll zeitgemäß vom Standard her. Davor war das Gelände aber offensichtlich mal ein Erholungsheim der DDR gewesen - siehe die Tischtennisplatte, die wir abseits im sumpfigen Wald entdeckten, zusammen mit den Überresten einiger Laternen.


Noch davor war das Gelände ein Landgut gewesen, eine Art Künstlerkolonie um einen Schriftsteller herum, und noch davor wiederum vermutlich ein landwirtschaftlicher Betrieb.

Sämtliche Nutzungsformen waren noch spürbar. Einige gehörten sozusagen zur offiziellen Geschichte des Hauses - der Landsitz des Schriftstellers zuvörderst. Einige waren versteckt, leicht zu übersehen - die kleinen Ruinen wie diese Tischtennisplatte. Aber: Geschichtliche Zeugnisse waren für alle Epochen noch da.

So, liebe Leute, muss man auch erfundene Orte beschreiben, zumal in der Science Fiction.

Jedenfalls wenn man will, dass sie lebendig werden, glaubhaft, zum Anfassen.

Anderenfalls gehen natürlich auch Einkaufszentren-Kulissen.

Bloß: Preisverdächtig sind die in der Regel nicht.


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*) Das gilt umgekehrt auch für den Bau düsterer Welten: Hey, gibt's da keine Bautätigkeit? Träumt da keiner von Wiederaufbau, von neuer Architektur? Oder will wenigstens das, ähem, olle Stadtschloss wiederhaben?


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English summary for foreign readers: Science fiction cityscapes often lack history, that's no fun to read.

Donnerstag, 9. Februar 2017

Das 20. Jahrhundert im Spiegel des Polit-Thrillers

Neulich bin ich beim historischen Herumstöbern auf ein tolles sekundärliterarisches Buch gestoßen, das ich euch ans Leseherz legen möchte - auch weil es bei Erscheinen vor elf Jahren offenbar in der Flut der Neuerscheinungen untergegangen ist:

PHANTASTISCHE WIRKLICHKEIT von Hans-Peter Schwarz


Schwarz ist ein mehrfach ausgezeichneter Historiker mit dem Schwerpunkt Zeitgeschichte; er hat unter anderem zu Adenauer gearbeitet. Wann hat man das schon mal, dass jemand so Kompetentes dann Genre-Sekundärliteratur schreibt? Ich fand das Konzept, eine Literaturgeschichte des Polit-Thrillers mit seinen zeitgeschichtlichen Hintergründen zu verschränken, jedenfalls extrem spannend und habe mir das Buch sofort antiquarisch besorgt.

Wobei ich kein großer Leser von Polit-Thrillern bin; Sachbücher über Politik und Zeitgeschichte interessieren mich mehr. Von den dreizehn Autoren, die Schwarz in ausführlichen Kapiteln behandelt, habe ich nur vier gelesen, Graham Greene, Ian Fleming, John Le Carré und Paul E. Erdman, und davon nur Greene mit fünf Titeln etwas umfassender.

Gerade darum wollte ich mich schon lange etwas schlauer über dieses Genre machen.

Das geht mit Schwarz' Buch wirklich wunderbar. Er schreibt pointiert und offenbar sachkundig; diese Einschätzung Graham Greenes kann ich jedenfalls bestätigen:

"[...] lassen sich bereits einige Grundmuster erkennen, die dann bis zum Lebensende den Spion Graham Greene, aber ebenso den Thriller-Autor und Publizisten kennzeichnen: zwielichte Loyalität, tendenzielles Doppelagententum, individualistische Frechheit und ein Anflug von Absurdität."

Damit beschreibt er sehr schön, was Greene für mich so interessant macht.

Schwarz ist zwar Historiker, aber er hat diese Genreübersicht nicht im sachlich-neutralen Tonfall verfasst, sondern mit Entschiedenheit und Meinungsfreude. Ich mag es immer sehr, wenn der politische Standpunkt eines Autors auch deutlich vertreten wird; nichts ist schlimmer, als wenn jemand seine Vorstellungen hinter pseudoobjektiven Verallgemeinerungen versteckt und sie mir also unterzujubeln versucht. Nein, er soll seinen Blickwinkel deutlich darstellen und dann ordentlich und mit Redlichkeit vertreten! Nur so lohnt sich das.

Schwarz' Buch ist aus einem, ich würde sagen, liberalkonservativen Blickwinkel geschrieben. Schauen wir uns also abschließend an, wie er Tom Clancy beschreibt, der ja quasi das genaue Gegenteil zu dem "linken Großschriftsteller" Graham Greene ist:

"Clancy [...] verkörpert [...] die Entschlossenheit und die kriegerischen Instinkte des Rechtskonservativen [...]. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre hält er länger an dem Mißtrauen gegen die Gorbatschowsche Entspannungspolitik fest als selbst Ronald Reagan. Seit dem Untergang der Sowjetunion sucht er den Horizont unablässig nach neuen Feinden ab, um sie in virtuellen Kriegen zu vernichten. Je dicker seine Wälzer werden, umso länger werden bei ihm auch die politischen Predigten. Seine Botschaft ist stets dieselbe: Das große Amerika, Leuchtturm der Demokratie, ist von sehr gefährlichen Mächten umgeben. [...] In Clancys aufgeschwemmten Thrillern ist der amerikanische Glaube rechtsrepublikanischer Provenienz gewissermaßen im Breitwandkino zu besichtigen."

Mir hat Schwarz' mit knapp 350 Seiten auch erfreulich verdichtete Geschichte des Polit-Thrillers großen Spaß gemacht. Ich werde doch noch einige einschlägige Romane des Genres lesen müssen!


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English summary for foreign readers: I've read Hans-Peter Schwarz' fascinating history of "the 20th century in the mirror of political thrillers".

Samstag, 4. Februar 2017

Kampfnonnen! Sterbende Erde! Lernen fürs Leben!

Fischer-Tor-Lektor Andy Hahnemann hat ja neulich schon auf Twitter verraten, was ich derzeit für ein Buch übersetze,



also kann ich euch jetzt auch ein bisschen mehr dazu erzählen!

Das Original RED SISTER wird im April erscheinen, hier das Cover:


Ich bin ja eigentlich nicht so der große Fantasy-Leser. Warum also habe ich diesen fetten Auftrag angenommen? Und das nicht erst nach der Lektüre, sondern mittendrin?

Weil mir an dem Buch vieles sehr gefällt.
  • Das fängt bei der Sprache an. Mark Lawrence erzählt straff und fast schon im Krimi-Duktus. Er bleibt dicht an den Hauptfiguren, flicht aber gern auch mal ein Bonmot oder einen Aphorismus ein; wir sollen ja schließlich was lernen. Nahe am Kriminalroman, wie gesagt.
  • Mit Kampfnonnen kann man nix falsch machen! Jedenfalls nicht für diesen nur gelegentlichen Fantasyleser hier.
  • Die Hauptfigur ist ein junges, arg gebeuteltes Mädchen, das früh, sehr früh, erwachsen werden muss. Die Kleine macht nicht immer alles richtig, manchmal wollte ich sie schütteln. Aber sie ist zäh und hat ihren eigenen Kopf.
  • Vieles im Buch kommt sehr authentisch rüber, sinnlich und nachvollziehbar.
  • Die beschriebene Welt ist sehr merkwürdig, voller Artefakte vielleicht hochtechnologischen Ursprungs, dabei aber in einer langsamen Apokalypse befindlich, durchzogen von Endzeitstimmung, es wird dunkel und kalt. Im ersten Band klärt sich noch nicht viel; ich habe das Ganze jedenfalls unter "Sterbende Erde" subsumiert.

Neulich hat Mark Lawrence in seinem Blog noch ein alternatives Cover vorgestellt, das ich euch nicht vorenthalten möchte:


Für mich passt dieses Cover, so schön ich die Darstellung der Heldin oben finde, viel besser zum Buch: Darin findet sich die Härte wieder, darin schwingt auch dieses krimimäßig Sachliche mit - tatsächlich haben ja viele Krimis und Thriller eine solche Aufmachung.

Ich bin schon gespannt, was die Leute von Fischer Tor für einen Umschlag austüfteln werden!

Aber bis dahin bin ich erstmal mit Übersetzen dran.

Im Moment schwinge ich mich auf den Erzählton ein und kniffele vor allem mit den Namen und Begriffen herum. Immer eine schwierige Geschichte. Mal gelingt eine Eindeutschung, siehe Tolkien. Mal geht sie daneben, siehe die frühen Übersetzungen von George R.R. Martins Fantasyromanen.

Wir werden sehen.

Ich nehme das sportlich. Einfach die englischen Begriffe beibehalten kann ich immer noch.


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English summary for foreign readers: I just started translating RED SISTER by Mark Lawrence.