Samstag, 12. August 2017

Tee mit der Liebesmaschine

Hier kommt das Lustigste, was uns dieses Jahr auf dem Burg-Herzberg-Festival passiert ist:

Wir sitzen im Chai-Zelt, was ein schöner Ort zum zwischendurch Ausspannen ist. Am selben Tisch rauchen eine Frau und ein Mann, beide vielleicht dreißig, eine Shisha. Sie, Typ gepflegte Hardrock-Braut, sitzt neben meinem großen Sohn; er, Typ Wilder Mann mit langen Haaren und Rauschebart und mehr oder weniger freiem Oberkörper, sitzt neben mir. Wir hängen da so nebeneinander ab in friedlicher Koexistenz.

Plötzlich drückt sich mir eine Handkante an den Oberarm, und der Typ dröhnt mich an, mit einer vollen, warmen Stimme:

"HEY, DU MUSST RAUS AUS DEINEM GEFÄNGNIS! DU MUSST DICH VON DEINEM SELBST BEFREIEN!"

Das Folgende bekomme ich nicht mit, aber mein Sohn erzählt es mir später: Er und die Frau zucken voll zusammen und sehen einander unsicher an.

Ich habe mich schon während der Berührung am Arm zu dem Wilden Mann umgedreht, lege ihm eine Hand auf den Unterarm, und von irgendwo tief aus dem Bauch kommt ein Lachen, und ich sage:

"Ja, aber wir alle sind doch unser Selbst."

Worauf er mit dem Oberkörper ein bisschen nach hinten geht und weich wie ein Kind sagt:

"Och ... Und ich dachte, du kriegst jetzt einen Schreck."

***

Herrliche Szene. Natürlich unterhielten wir uns dann ein bisschen, und die Frau erzählte uns, dass er der Sänger einer Band namens Love Machine sei und die auf der Mental Stage auftreten würden.

Da mussten wir natürlich hin!

Eine wunderbare Liveband. Ihre Musik erinnert an die Doors, nur nicht düster, sondern voller Sonne und Honig. Die bis jetzt vorhandenen Youtube-Videos werden der souligen Kraft des Frontmanns nicht gerecht - auf dem Herzberg tanzte er wie ein Derwisch, trommelte in den Instrumentalpassagen auf einer Bongo, um das Energielevel zu halten, und warf zwischen den Songs Blumen ins Publikum.

Wilder Mann und kleener Junge zugleich - unwiderstehlich. Und getragen wird er von einer kompakten, locker aufspielenden Band.

Wenn aus denen nicht mindestens ein heißgefragter Festival-Act wird, versteh ich die Welt nicht mehr!




Freitag, 4. August 2017

Operation Act of Grace

My award-winning science fiction story "Operation Gnadenakt" now is available in an English translation, and you can read it for free! Just download Andromeda SF Magazin 155 over there.


And so my story begins:

One fine day early in the autumn of 2033, the president suggested to his defence minister that they conclude the weekly homeland security meeting with a private discussion at the picnic table on the South Lawn in front of the Oval Office.

The general, although he looked puzzled, simply replied, "Of course, sir."

A little later, they were seated opposite one another at the heavy wooden table. The Dyson dome held back the drizzle, and a multitude of anti-spying measures were in place. "Yes, Mr President? How may I be of assistance?"

"No need for such formality, please. Call me Liam."

"Of course, sir. How may I be of assistance, Liam? Would you like to hear my personal appraisal of the warm standby option?"

"Ah ... no," said the president, laughing briefly. It was not a positive laugh. "No, no. Nothing like that." He breathed in deeply. "Noah, I would like you to tell me about Operation Act of Grace."

"Forgive me for saying so, sir, but I don't think that's a good idea. Even the commander-in-chief of the armed forces himself doesn't need to know everything."

The president wagged his index finger. "Noah, Noah, Noah. I won't take that as an answer. This is the ..." He reached into the breast pocket of his jacket, pulled out a hand-written letter with the White House letterhead, and unfolded it. "This is the handover letter from my predecessor in office. It says here, and I quote word-for-word, "If you, my dear Liam, should ever find that continually staring into the abyss becomes too dark for you, and nothing seems to put things back into perspective, then ask your defence minister about Operation Act of Grace."" The president looked at him expectantly.

"I suppose it also says something along the lines of only considering it as a last resort. And I may add, sir, that your predecessor never even considered this last resort."

"He simply lived in less interesting times."

The general nodded and stood up. "We have to fly, Mr President."

For reading further, just download Andromeda SF Magazin 155! You will get a whole bunch of stories and essays from all around the contemporary German sf field, too.


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(English story translation by Richard Marsh)

Dienstag, 18. Juli 2017

Vor vierzig Jahren: Meine ersten ernsthaften Geschichten

Ich war fünfzehn, ging aufs Gymnasium und teilte mit meinem Schulfreund H. die Leidenschaft für fantastische Literatur in all ihren Ausformungen. Während H. sich vor allem in die große Welle von Marvel- und DC-Comics stürzte, mit der Williams damals den deutschen Markt überschwemmte, las ich alles an Science Fiction, was ich in Romantauschläden zusammenkratzen konnte: die schwarzen Heyne-Taschenbücher, Terra-Sonderhefte, Terra Astra, Utopia-Großband ... Hauptsache Abenteuer und Hauptsache, ich konnte jeden Tag eins runterschnurren.

In den Pausen und wenn wir in Sport gerade auf der Bank saßen, amüsierten wir einander mit Nacherzählungen der tollsten Geschichten, die wir gerade gelesen hatten. Das trug uns mit unserer überdrehten Fantasie dann durch die nächste langweilige Unterrichtsstunde.

Ich hatte früher schon gern bei Familientreffen meinen Cousinen und Cousins spontan erfundene Gruselgeschichten erzählt, hatte auch in der Grundschule ein selbstgezeichnetes Comic "herausgegeben": ein auf A5 gefaltetes A4-Blatt mit Titelcover und drei Fortsetzungsgeschichten von je einer Seite drin; eine Art selbstgemachtes Zack-Heft also, Auflage 2 oder 3 Exemplare.

Aber das war alles noch unter Spielen gelaufen.

Nun, 1977, mit fünfzehn, setzte ich mich erstmals an die hellblaue mechanische Reiseschreibmaschine meines Vater, um eine Geschichte zu schreiben, die ich tatsächlich an einen Verlag schicken wollte - wie ein richtiger Schriftsteller.

Damals erschien, witzigerweise in einem Kampfsportverlag, das SF-Magazin 2001, und die druckten in jeder Ausgabe Lesergeschichten ab.



Wie Kampfsport kommt mir Rückblick auch das Schreiben auf einer mechanischen Schreibmaschine vor: das kräftige Schlagen auf die Tasten (mit dem ich heute noch meine Laptoptastaturen strapaziere), das Zurückschieben des Schlittens am Ende jeder Zeile mit diesem dicken blanken Hebel. Tacktacktakakakakakakakakaklack srrrrrrrrrrrt! Und dann wieder tackaklack klack!

Das war der Klang des Schreibens damals.

Zwei Einseiter schrieb ich so, und als ich damit fertig war, tippte ich sie noch mal sauber ab, denn so machte man das damals, wenn eine Seite ordentlich aussehen sollte, und damit ich von der Geschichte noch ein Exemplar behielt, tippte ich sie "mit Durchschlag" ab, sprich: zwischen zwei Blätter Schreibmaschinenpapier kam ein Blaubogen, der bei jedem Anschlag auf das untere Blatt seine trockene Farbe stempelte. Da musstest du dann noch doller in die Tasten hauen.

Die erste Geschichte hieß "Monster", die zweite hieß "Frühling", und ich war so aufgeregt über das Einschicken, dass ich niemandem davon erzählte, nicht mal meinem Schulfreund H., der 2001 natürlich auch las.

Ich behielt diesen ersten Versuch, eine eigene Geschichte zu verkaufen, komplett für mich. Höchstens haben das, weil ich ja einen Briefumschlag und eine Briefmarke brauchte (zusätzlich zur Schreibmaschine und zum Papier und zum Blaubogen meines Vaters), noch meine Eltern mitbekommen. Aber beschwören würde ich es nicht.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Lesetipps in Sachen aktuelle Science Fiction

Karl Nagel bedankte sich neulich für ein geschenktes Belegexemplar von Daryl Gregorys AFTERPARTY in meiner Übersetzung und fügte hinzu:

Noch was: Ich bin für Lesetipps immer dankbar. Wenn ich vor dem SF-Regal meiner Buchhandlung stehe, bin ich meist ziemlich ratlos. Das meiste interessiert mich nicht. Ein Blick auf den Klappentext, und ... NEEE! Sternenreiche, monströse Raumschiffe, Reihen, Fantasy, geht mir alles am Arsch vorbei. Deshalb greife ich immer wieder auf altes Zeugs zurück. Zuletzt "Es stirbt in mir" von Silverberg. Ich weiß, daß vieles in kleineren Verlagen erscheint, aber da fehlt mir der Überblick.

Bevor ich diese Frage an euch weitergebe, damit ihr in den Kommentaren euren Senf dazugeben könnt, spaziere ich kurz mal durch meine Handbibliothek und präsentiere die Höhepunkte der letzten Jahre:

  • SOMETHING COMING THROUGH von Paul McAuley habe ich inzwischen zum zweiten Mal gelesen, und der knackige britische SF-Krimi aus dem Jahr 2015 gefällt mir immer noch sehr gut: Aliens sind zur Erde gekommen und haben der gebeutelten Menschheit Zugang zu fünfzehn Welten geschenkt, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen kann. Sehr freundlich, sehr hilfreich, doch erstens nehmen die Menschen ihre ganze fehlerbehaftete Geschichte mit, und zweitens "dringt etwas durch", sprich: Alien-Meme verwirren zusätzlich. Inzwischen hat McAuley einen weiteren Roman um diese Aliens folgen lassen; den habe ich aber noch nicht gelesen, und er scheint nur locker mit SOMETHING verknüpft zu sein. Eine deutsche Übersetzung ist nicht in Sicht.
  • THE DISESTABLISHMENT OF PARADISE von Phillip Mann erschien 2013, und ich habe den neuseeländischen Roman ebenfalls bereits zum zweiten Mal mit Genuss gelesen. Einer der schönsten und am besten konstruierten SF-Romane, die ich kenne! Ein Planet wird von Siedlern wieder aufgegeben, weil seine Fauna beständig feindseliger und giftiger wird. Nicht alle sind mit diesem "Rückbau des Paradieses" einverstanden, und so unternehmen wir eine immer schamanischere Züge annehmende Reise durch eine wieder menschenleere Welt. Ein Reiseroman, eine Liebesgeschichte, eine politische Erzählung. Komplex erdacht, mit leichter Hand erzählt. Für mich ein völlig unterschätztes Meisterwerk.
  • DAS UNIVERSUM NACH LANDAU von Karsten Kruschel, erschienen 2016 bei Wurdack, bündelt Kurzgeschichten vor gleichem Hintergrund. Kruschel ist für mich innerhalb der SF der einzige DDR-Autor, der erst nach dem Mauerfall seine richtig guten Sachen geschrieben hat. An den SF-Klassikern geschult, erzählt er straff und knackig seine Geschichten, mit einem Herz für Außenseiter, mit Lust an Pointen, ohne die Psychologie und Soziologie zu vergessen, mit Bildgewalt. Da spüre ich beim Lesen mein zwölfjähriges Herz wieder, ohne mich mit Nostalgie selbst verarschen zu müssen. Auch unser Vierzehnjähriger war davon sehr angetan. Drei in demselben Universum angesiedelte Romane liegen bereits vor.
  • Becky Chambers gab mit DER LANGE WEG ZU EINEM KLEINEN ZORNIGEN PLANETEN (USA 2014) eine Star-Trek-Variante zum Besten, die jemandem wie mir, dem Star Trek immer zu brav und angepasst und politisch korrekt war, großen Spaß gemacht hat: Wir begleiten eine multikulturelle Crew auf ihrem Flug in einer, hm, ich nenn's mal: bewohnbaren Bohrmaschine durchs All. Es gibt in der SF-Literatur wenige Welten, in die ich sofort würde reisen wollen: Das hier ist eine davon. Dabei geht es für jede Figur irgendwann ans Eingemachte, und doch ist es unterm Strich sogar ein heiterer Roman. Ein weiteres Buch aus diesem Universum liegt vor, hat aber andere Hauptfiguren.
  • Sylvain Neuvels GIANTS - SIE SIND ERWACHT (CAN 2016) dreht sich um einen irren archäologischen Fund, nämlich die seit sechstausend Jahren in der Erde liegende Hand eines Riesenroboters. Diese Mischung zwischen wissenschaftlichem Rätsel und Polit-Thriller besteht komplett aus Gesprächsprotokollen, was einen ganz eigenen Sog und einen befremdlichen Eindruck von Auslassungen erzeugt. Faszinierend! Eine Fortsetzung ist inzwischen erschienen, die habe ich mir aber verkniffen, weil ich mir davon nichts mehr verspreche.

Soweit mal meine fünf Lesehöhepunkte aktueller SF.

Jetzt gebe ich Karls Frage an euch weiter: Welche Tipps habt ihr auf Lager? Bitte daran denken: keine Sternenreiche, Riesenraumschiffe, Reihen, Fantasy - eher etwas, was neben Klassikern wie Robert Silverberg bestehen kann ...

Dienstag, 4. Juli 2017

London, 1984: Wie ich das erste Mal im Freien schlief



Ich weiß nicht mehr, in welchem Park die Jugendherberge lag, in der meine beiden westdeutschen Freunde aufschlagen wollten, sobald sie den Weg per Fähre und Bahn nach London geschafft hatten. Als Westberliner mit ordentlich Ersparnissen aus anderthalb Jahren Vollzeit-Bürojob gönnte ich mir jedenfalls einen Flug und kam einige Stunden früher bei der Jugendherberge an.

Zum ersten Mal in London, und dann zockelte ich gleich allein durch die Straßen! Ein herrliches Gefühl von Freiheit, wie überhaupt das ganze Jahr schon ein freies gewesen war. Nach Schule, Berufsausbildung und Angestelltendasein hatte ich zum Ende des vergangenen Jahres meinen Job gekündigt und lebte von den 14.000 DM, die ich angespart hatte. Ich war anderthalb Monate auf Sri Lanka gewesen, war dabei, mit einem Freund eine WG zu gründen, schrieb Kurzgeschichten und reiste viel durch Deutschland.

Als Peter und Viktor bei der Jugendherberge ankamen, hatte ich mich schon schlau gemacht: "Ist alles ausgebucht."

"Wir haben reserviert", sagten sie.

Allerdings nur für zwei, wie sich heraussstellte. Heute finde ich das komisch, wie auch die beiden sich wahrscheinlich darüber wundern dürften, aber damals war ich Anfang zwanzig, waren sie sogar noch Teenager, und in dem Alter ist man noch nicht so fit, was Logistik und Für-andere-mitdenken angeht. Zum Glück, manchmal.

"Was machst du denn jetzt? Willst du's noch woanders probieren?"

"Da isses bestimmt auch voll. Ich schlaf einfach gegenüber von der Herberge im Park. Hab mir schon eine Stelle ausgeguckt."

Ich zeigte sie ihnen. Auf der anderen Seite des asphaltierten Parkwegs kam, hinter einer niedrigen Wegbegrenzung, ein kleines Gehölz. Irgendwelche Nadelbäume, niedrige Büsche davor und innendrin ein efeuüberwuchertes Fleckchen, auf das bequem ein Schlafsack passte.

"Okay", sagten sie und nickten. Es klang leicht skeptisch, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, denn ich war durchaus nervös.

Die britische Großstadtnatur machte mir dabei wenig Angst. Ich war ja wie gesagt gerade erst auf Sri Lanka gewesen, und dort hatte es von ganz anderen Viechern gewimmelt als von Spinnen, Ratten und Tauben und vielleicht einem gelegentlichen Fuchs. Einmal war ich dort einem psychedelisch bunten Hundertfüßler begegnet, dem giftigsten Tier der ceylonesischen Fauna. Ein andermal hatte bei den Gastgebern ein hässliches Insekt neben einem gerahmten Bild an der Wand gesessen, und dann war hinter dem Bild ein noch hässlicheres Insekt hervorgekrabbelt und hatte das andere gefressen. In dieser Hinsicht war ich also abgehärtet.

Vor der Welt hatte ich nie besonders viel Angst gehabt, hatte mich im Gegenteil fast immer in ihr aufgehoben gefühlt, wohl aber vor den Menschen. Menschen, Fremde zumal, waren unberechenbar und wurden von den merkwürdigsten Leidenschaften angetrieben.

Deshalb wollte ich nicht auf einem Wiesenstück lagern, obwohl mir das von der Natur her viel besser gepasst hätte, sondern in diesem schlecht einsehbaren Gehölz.

Irgendwann wurde es dunkel, und ich verabschiedete mich für die Nacht von meinen Freunden und der hellen, trockenen Jugendherberge und richtete mich in meinem Versteck ein. Natürlich war ich für Nächte im Freien gar nicht gerüstet; waren wir alle drei nicht. Ich hatte einen Schlafsack und einen Seesack dabei, beides aus Bundeswehrbeständen gebraucht gekauft und nicht auch nur für eine Minute wasserdicht. Kein Tarp zum Biwakieren, nicht mal ein Stück Plastikplane. So weit hatte ich einfach nicht gedacht.

Nun lag ich da in meinem Schlafsack direkt auf dem Efeu, ein Stück des Seesacks zum Kopfkissen zurechtgeknautscht, und wartete darauf, dass ich einschlief. Ich war mir der riesigen fremden Stadt, die erkundet werden wollte, sehr bewusst, lauschte auf ihre fernen Geräusche, sah zum Himmel hoch, den ich nur vage zwischen den Bäumen ausmachen konnte, eine graue Fläche.

Ein paar Mücken nervten, ab und zu pitschte ein Tropfen auf ein Blatt oder auf meinen Schlafsack, doch es fing nie richtig an zu regnen.

Manchmal schreckte ich hoch, meist wenn Leute fünf Meter von mir entfernt auf dem Parkweg vorbeigingen. Niemand bemerkte mich dort in meinem Gehölz, davor schützte mich wohl auch das Licht der Jugendherberge, das die Leute nachtblind machte.

Irgendwann kehrte Ruhe ein, draußen im Park und drinnen in mir, und ich schlief. Flach zwar nur, wie ein Tier wohl, weil es irgendwann klamm wurde und kühl, doch es war ein unglaubliches Gefühl von Freiheit und In-der-Welt-sein statt in irgendeiner Blase.

Sehr früh wachte ich auf, es war kaum hell, und als ich mich aufsetzte, sah ich nicht nur den glänzenden Morgentau überall um mich herum, sondern auch, was in der Nacht immer wieder so gepitscht hatte.

Nicht Regentropfen.

Ich hatte mein Lager unter einem Baum aufgeschlagen, der von Vögeln bewohnt war: Sie hatten mir das Fußende des Schlafsacks vollgekackt.

Und das war auch schon alles, was mir in meiner ersten Nacht allein im Freien in einer fremden Stadt im Park an "Schlechtem" passiert war.

Paar Mückenstiche, bisschen Vogelkacke.

Ich saß dort still und friedlich auf meinem Schlafsack und genoss das Gefühl, ein Teil des Parks zu sein, genauso unbemerkt und dampfend feucht wie die Pflanzen und die kleinen Viecher um mich herum, und irgendwann ging ich rüber in die Jugendherberge, um mal zu schauen, ob schon ein Frühstück zu bekommen war.

(Ein anderes Gehölz, eine ähnliche Stimmung. Foto: Peter Müller oder Viktor Pavel - wenn ich das noch wüsste!)

***

Nachtrag vom 05.07. - Mal wieder ein Beispiel, warum manche Leute so gern von morphischen Feldern sprechen: Einen Tag nach dem Schreiben des Blogeintrags stoße ich auf folgendes Zitat von Robert Jungk.

Ich gehe in dem Versuch, dieses Ursprüngliche wiederzufinden, gelegentlich, wenn es Nacht ist, in solche Kulturlandschaften, in Wälder hinein. Da sind dann keine Menschen mehr. Da kriegt man die Angst wieder. Da muß man genau hören, denn da sind die Tiere wieder, die sich in der Nacht hervorwagen. Es gibt auch ein völlig anderes Gefühl, z. B. auf der Haut. Man spürt den Wind und am Morgen den Tau.

Quelle unbekannt, hier zitiert nach Toubab Pippa (Hg.), "ES IST ZWEIFELHAFT, OB ES ÜBERHAUPT FEINDE GIBT!" (Der Grüne Zweig 269), Seite 17

Dienstag, 27. Juni 2017

In eigenem Auftrag

Weil es jetzt schon die zweite Person wissen wollte:

Was schreibst du gerade?

Wieder einmal weiter an meinem Krimi.

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, weiß ja: Ich lese deutlich mehr Krimis als Science Fiction, und mein absoluter Lieblingsautor ist Robert B. Parker mit seinen Spenser-Romanen. Entsprechend versuche ich mich schon seit Jahren schubweise an der Böhmertschen Variante eines Privatdetektivromans, so richtig mit Ich-Erzähler und Milieugenauigkeit und allem Drum und Dran.

Kommerziell mal wieder völlig uninteressant, aber hey: In eigenem Auftrag schreibe ich natürlich Bücher, wie ich sie gern lese, und wenn ich irgendwann ins Grab falle, möchte ich, dass genau solche Bücher von mir übrigbleiben und nicht irgendein wenig persönlicher Kram, der so auch hätte von vielen anderen Autoren stammen können ...

Montag, 12. Juni 2017

Fundstück: Der Altruist und der Egoist

"Wenn es zwei Menschen gäbe, die beide mit demselben Wissen, derselben Klugheit und demselben Können ihren Weg gehen, von denen aber der eine von ausschließlich selbstischen Motiven getrieben wird, während der andere von rein menschenfreundlichen Beweggründen ausgehen würde, so würde der eine Anderen durch seinen eigenen Selbstdienst, der andere aber sich selber dadurch dienen, daß er den Anderen einen Dienst erwiesen hat. Der Altruist würde es für nötig halten, sich selber im Interesse der anderen zu erhalten, der Egoist aber würde finden, daß er die anderen in seinem Interesse erhalten müsse."
Hudson Maxim, 1910

... sage ich seit vielen Jahren, und nun finde ich es morgens beim Frühstück unversehens in einem über hundert Jahre alten Buch.

Nämlich in: Arthur Brehmer (Hg.), DIE WELT IN 100 JAHREN

Unterhaltsame, gruselige und witzige Lektüre.



Dienstag, 16. Mai 2017

Der Nahe Osten, mit den Augen eines Kindes gesehen

Aus lauter Vorfreude auf den gerade erschienenen dritten und letzten Band von Riad Sattoufs DER ARABER VON MORGEN habe ich mir neulich gleich mal wieder die ersten beiden Teile dieser tollen Comicautobiografie durchgelesen.



Der französisch-syrische Künstler, der auch mal Pressezeichner bei Charlie Hebdo gewesen ist, erzählt uns "[e]ine Kindheit im Nahen Osten", zeitlich angesiedelt zwischen 1978 und dem Ende der 1980er.

Das macht er mit viel Witz und Wärme und erspart uns dabei auch verstörende Erfahrungen nicht. Er bleibt dicht an seinem kindlichen Ich, das die Umstände einfach als gegeben und normal hinnimmt, und führt uns auch immer wieder poetische Momente vor Augen, so zum Beispiel, wenn der kleine Riad in Syrien auf einem Hausdach steht und den Flug der allgegenwärtigen Plastiktüten bestaunt, die über den Himmel taumeln wie Quallen im Luftmeer.

Welche Befremdungen der Nahe Osten für europäische Erwachsene bereithält, vermittelt sich über Riads französische Mutter, die sich sehr am arabischen Nationalismus und Sozialismus sowie an den patriarchalischen Familienstrukturen abarbeitet, wähend der kleine Riad sich in der Schule und auf der Straße durchboxen muss, mit Begeisterung die hohe Kunst der abgestuften Beleidigung erlernt und sich fragt, was zum Geier denn Juden sind, von denen er nur mitbekommt, dass die beim Spielen mit Plastiksoldaten nie einer sein will.

Ab und zu geht es zurück nach Frankreich, das dem kindlichen Pendler zwischen den Kulturen allerdings auch nicht weniger verrückt vorkommt, nur anders.

Während der bewunderte syrische Vater, egal ob sich die Familie gerade in Frankreich oder im Nahen Osten aufhält, immer stiller wird. Für den erwachsenen Leser sind seine Entfremdung und Entwurzelung zunehmend offensichtlich; der kleine Riad hingegen wundert sich nur still.

Diese kindliche Perspektive ist also zugleich eng, weil nicht verstehend, und weit, weil offen für alle Kontraste und schroffen Unverständlichkeiten und die großen Momente im kleinen Alltag.

Herrliche Lektüre! Traurig, lustig, zum Haareraufen, zum Staunen.

Und sehr lebensnah - das lassen mich zumindest die Erzählungen meines zweitältesten Freundes A. vermuten, der ebenfalls, nur zehn Jahre früher und als deutsch-syrisches Kind, zwischen Orient und Okzident gependelt ist.

Die Wärme und runde Freundlichkeit seines Stils sowie sein sachlich-ruhiger Blick machen Riad Sattouf zu einem meiner liebsten Comickünstler.

Riad Sattouf, DER ARABER VON MORGEN 1 und 2 (F 2014 und 2015)
Mehr zu den Büchern, auch Leseproben, beim Knaus Verlag


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English summary for foreign readers: I really like Riad Sattouf's ARAB OF THE FUTURE - the French-Middle East comic artist always tells his partly grueling stories with a warm humour.

Mittwoch, 10. Mai 2017

Gelesen: Vonda McIntyre, AM HOFE DES SONNENKÖNIGS (US 1997)

Worum geht's?

Einem Jesuiten und Naturphilosophen gelingt es, ein Meeresungeheuer zu fangen - Ludwig XIV erhofft sich, dass dieser darin das alchimistische "Organ der Unsterblichkeit" findet und dem Sonnenkönig zum Wohle der Nation ewiges Leben verschaffen kann.

Wie ist das Buch geschrieben?

Einfache Vergangenheit, dritte Person, mehrere Perspektiven. Das Ganze wird auf dem Umschlag als "historische[r] Fantasy-Roman" beworben, aber eigentlich ist es von der Haltung her ein astreiner SF-Roman: Was wäre, wenn es Meermenschen wirklich gegeben hätte und sie nur (wie manche indigenen Stämme) binnen kürzester Zeit ausgerottet worden wären? Insofern wundert mich der Nebula Award nicht.

Was gefiel nicht so?

  • Das Fürstengedöns
  • Einige Bastei-typische Lektoratsschlampereien, die sich aber in Grenzen halten

Was gefiel?

  • Eva Eppers ist eine Meisterübersetzerin. Das Buch liest sich wie auf Deutsch verfasst.
  • Nie habe ich die Bedrohung im Absolutismus so deutlich gespürt - über lange Passagen hinweg passiert eigentlich wenig, und doch habe ich um jeden gebangt.
  • Cool und seltsam der Erzählrhythmus: Fast zeitlupenhaft geht es voran, und dann kommen plötzlich äußerst spröde vermittelte Wendungen.
  • Sämtliche wichtigen Figuren, erfundene wie historische, handeln nachvollziehbar. Das gilt besonders für unsere Heldin, die Schwester des Jesuiten.
  • Bei dem zwergenwüchsigen Atheisten Lucien de Barenton, Comte de Chrétien, ist es geradezu schade, dass er keine historische Gestalt, sondern nur Erfindung der Autorin ist.


Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Hier einfach ein paar Zeilen der einleitenden Szene:

"Démons!" rief der Ausguck.

Yves hielt Ausschau nach dem, was der Mann entdeckt haben mochte, aber die Sonne war zu grell, die Entfernung zu groß. Das Schiff pflügte voran, am Bug rauschte und schäumte das Wasser und der Horizont hob und senkte sich mit der Dünung.

"Dort!"

Voraus, wohin der Bugspriet wie ein Finger wies, schien das Meer zu kochen. Leiber schnellten aus den Fluten, tauchten wieder ein, geschmeidige Geschöpfe tummelten sich Delphinen gleich in der Gischt.

Das Flaggschiff hielt auf den brodelnden Hexenkessel zu. Sirenengesang erfüllte die Luft. Die Matrosen verstummten in abergläubischer Furcht.

Yves beherrschte seine Erregung. Er hatte gewusst, er würde sein Wild finden, an diesem Ort, an diesem Tag, nie hatte er im geringsten an der Richtigkeit seiner Hypothese gezweifelt. Nun mußte er nur noch Würde und Gelassenheit bewahren.

"Das Netz!" Die Stimme von Kapitän Desheureux übertönte den Gesang. "Das Netz, ihr Tagediebe!"


Zu empfehlen?

Definitiv. Dieser Roman ist einzigartig. Ich kenne nichts Vergleichbares.

Wo aufgestöbert?

Zufallsfund in der Verschenkekiste unserer Bofinger-Bibliothek. Da ich McIntyres TRAUMSCHLANGE aus den 1970ern in sehr guter Erinnerung hatte, habe ich ihn mitgenommen:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 606 Seiten. Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach 1999)

Und sonst?

Die Übersetzung ist vor einiger Zeit in einer Neuausgabe unter dem deutlich besseren Titel DAS LIED VON MOND UND SONNE erschienen. Die Sonne, das ist natürlich Ludwig XIV; der Mond, da bietet allein schon der Text drei Interpretationsmöglichkeiten an: den Naturphilosophen, den königlichen Berater Lucien de Barenton und den tatsächlichen, von den Meerleuten verehrten Erdtrabanten.


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English summary for foreign readers: THE MOON AND THE SUN by Vonda McIntyre is a beauty of a science fiction novel, I never read something like this before.

Sonntag, 7. Mai 2017

Gelesen: Thomas Henseler, Susanne Buddenberg: GRENZFALL (D 2011)

Worum geht's?

Dies ist die Geschichte einiger Bürgerrechtler, im Stasi-Jargon "Staatsfeinde", die in den 1980er Jahren mit ihrer Untergrundzeitschrift Grenzfall die DDR aufmischten. Das Ganze wird an Peter Grimm angedockt, der als Schüler wegen seiner "moralisch-charakterlichen Grundhaltung" vom Abitur ausgeschlossen wurde und schließlich von der Schule flog.

Wie ist der Comic erzählt?

Schwarzweißer Sachcomic mit Grauwerten. Mischung aus Biografie und DDR-Doku, angereichert um ein Glossar.

Was gefiel nicht so?

./.

Was gefiel?

  • Mich überzeugte die erzählerische Umsetzung: Das liest sich von der Form her locker runter, zugleich ist alles Wichtige und Schmerzhafte drin.
  • Die Zeichnungen machen nicht auf Kunst, sondern sind sachlich-zurückhaltend.
  • Zielgruppe sind offensichtlich Jugendliche; entsprechend zugänglich und knapp-klar ist der Comic.

Gute Stelle?

Unterwegs werden einem viele Methoden der staatlichen Überwachung und Unterdrückung nahegebracht, die besonders perfide "Zersetzung" hingegen findet sich am besten im Glossar dargestellt. Bitte lasst folgenden Satz ein Minütchen auf euch wirken:

"Für die Betroffenen war oft nicht zu erkennen, dass hinter beruflichen und persönlichen Krisen oder Misserfolgen ein Plan der Staatssicherheit steckte."

Stellt euch das fürs eigene Leben vor!

Zu empfehlen?

Aber ja! Das ist eine ebenso beiläufige wie fundierte Einführung in die Bürgerrechtsbewegung und den Unterdrückungsapparat der DDR: schnell gelesen, bringt viel.

Wo aufgestöbert?

Zufallsfund in der immer wieder erstaunlichen Comicecke unserer kleinen Bofinger-Bibliothek:



Und sonst?

Mehr, auch Leseproben und Rezensionen, beim Avant-Verlag

Samstag, 6. Mai 2017

Gelesen: Kenneth Grahame, DER WIND IN DEN WEIDEN (GB 1908)

Worum geht's?

Dieser "Roman für Kinder" feiert das Leben der kleinen Leute ab, hier verkörpert vom Maulwurf und der Wasserratte. Sie erleben Abenteuer am Fluss und im "Wilden Wald".

Wie ist das Buch geschrieben?

Dritte Person, einfache Vergangenheit, mehrere Perspektiven. Der Autor und sein Übersetzer lieben es, sich von ihrer Wortbegeisterung hinwegtragen zu lassen.

Was gefiel nicht so?

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Was gefiel?

  • Der Roman hat weitgefächerten Humor: Es gibt heitere Szenen, klaumaukhafte, satirische.
  • An manchen Stellen wirkt das Buch fast wie ein Stück Science Fiction: Die Bezüge auf uns Menschen haben etwas Postapokalyptisches.
  • Auch dieser englische Roman steckt voller geradezu heidnischer Liebe zu Natur und Gärten.
  • Der Dachs, der alte Grantler!

Gute Stelle?

Wie wäre es mit einem kurzen Blick auf den "Pfeifer vor dem Tor zur Dämmerung"? Seite 142, Deutsch von Harry Rowohlt:

Der Maulwurf sah Ihn. Er war es, der Helfer und Freund: gebogene Hörner, die im Licht des jungen Morgens schimmerten; eine krumme Nase zwischen freundlichen Augen; bärtige Lippen zu einem freundlichen Lächeln verzogen; Muskeln, die sich auf Armen und Oberkörper kräuselten; zottige Glieder und empfindsame Hände, die eine Schalmei hielten. Es war Gott Pan persönlich [...] Der Maulwurf sah es. [...] Aber solange man lebt, wundert man sich.

"Ratte!", flüsterte er und schüttelte sich. "Hast du Angst?"

"Angst?", murmelte die Ratte liebevoll. "Angst? Vor Ihm? Niemals! Jedenfalls (wenn ich es bedenke) nur ein bisschen."

Zu empfehlen?

Aber ja! Ich habe den WIND neulich zum vierten Mal gelesen. Eins meiner erst spät entdeckten Lieblingsbücher; bei der ersten Lektüre war ich schon Ende dreißig.

Wo aufgestöbert?

Das weiß ich nicht mehr. Mein Exemplar habe ich damals jedenfalls neu gekauft:

(Taschenbuch, 252 Seiten. dtv junior Klassiker, 14. Auflage September 1999)

Und sonst?

Gilt wahrscheinlich das alte Bonmot, dass man dieses Buch in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen müsse, weil da im Original viel verloren gehe ...

Samstag, 29. April 2017

Gelesen: Tom Sharpe, PUPPENMORD (GB 1976)

Worum geht's?

Ein Berufsschullehrer fühlt sich gefangen und ergeht sich in Fantasien, als Befreiungsschlag seine Frau umzubringen. Ein Testlauf spitzt sich rasch zu.

Wie ist das Buch geschrieben?

Dritte Person, einfache Vergangenheit, mehrere Perspektiven. Der Humor hat die ganze Bandbreite von heiter über schmerzhaft bis satirisch.

Was gefiel nicht so?

./.

Was gefiel?

  • eindringliche Atmo
  • punktgenaue Milieudarstellung
  • Über die Figur der Ehefrau bekommt die Alternativkultur der 1970er Jahre ihr Fett weg. 
  • Der trotz allem sympathische Lehrer ist so deutlich gezeichnet in seiner Passiv-Aggressivität, mit seinen spießigen Selbstlügen, dass mir immer wieder Unzulänglichkeiten aus der eigenen Lebensgeschichte vorgeführt werden. Stets heilsam.

Gute Stelle?

Der Anfang ist einer meiner absoluten Lieblingsromananfänge. Deutsch von Benjamin Schwarz:

"Wenn Henry Wilt den Hund zu einem Spaziergang ausführte, oder richtiger, wenn der Hund ihn ausführte, oder um genau zu sein, wenn Mrs. Wilt beiden sagte, sie sollten bloß sehen, daß sie aus dem Haus kämen, damit sie ihre Yogaübungen machen könne, schlug er stets denselben Weg ein. Das heißt, der Hund folgte dem Weg, und Wilt folgte dem Hund."

Perfekt!

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich habe das Buch inzwischen neunmal gelesen.

Wo aufgestöbert?

Lief Ende der 1970er als Fortsetzungsroman im Stern; Mitte der 1990er fiel mir das Buch in einem Antiquariat in die Hände, und da erinnerte ich mich schlagartig an die Lektüre einiger Kapitel als Jugendlicher.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Broschur, 220 Seiten. Volk und Welt, Berlin 1990)

Und sonst?

Dieser unterm Strich Doch-noch-Krimi ist für mich Musterbeispiel, wie scharf und pointiert witzige Genre-Romane sein können. Etwas Derartiges ist mir im Bereich der Science Fiction oder der Fantasy bislang leider nicht begegnet; an irgendetwas hapert's dort immer.


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English summary for foreign readers: WILT by Tom Sharpe is one of my all-time favorites.

Mittwoch, 26. April 2017

#PAN17 - Nachgedanken zu einer Veranstaltung, auf der ich nicht war

(Diesem Text ging eine detaillierte Kritik an einem Vortrag voraus. Sie findet sich hier.)


So. Während einige PAN-Mitglieder auf Deibel komm raus versuchen, mich zu unbedachtem Verhalten zu provozieren ...


... und ein Vorstandsmitglied von PAN mit Schlamm wirft in der Hoffnung, dass irgendetwas schon hängenbleiben wird, und dabei auch vor unwahren Behauptungen nicht zurückscheut ...



... wobei ihnen jeweils völlig egal zu sein scheint, wie sehr sie damit ihrem jungen Berufsverband schaden ...

... will ich noch einmal in aller Ruhe ein paar Punkte an der ganzen Geschichte darlegen, die mich beschäftigen.

1.

Ich verstehe nicht, was da vor Ort bei diesem Vortrag gelaufen ist.

Stellen wir uns einmal den umgekehrten Fall vor: Ein Science-Fiction-Autor wäre auf eine beliebige MINT-Tagung gefahren und hätte den anwesenden Ingenieuren haltlosen Blödsinn über Technikgeschichte und die Entstehung von Erfindungen erzählt.

Ich entstamme einer Familie von Handwerkern und habe vor meiner Zeit als freiberuflicher Autor und Übersetzer unter anderem in der Industrie gearbeitet, unter anderem als Assistent der Geschäftsführung. Einige langjährige Freunde und Bekannte sind Techniker. Mein Schwiegervater ist Werkzeugbauer im Ruhestand; er hat Fertigungsanlagen entworfen.

Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich mich in der Ingenieursbranche auskennen würde. Aber meine paar Einblicke lassen mich vermuten, dass dieser hypothetische anmaßende SF-Autor mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Anwesenden ausgelacht worden wäre oder sie seinen Vortrag höflich, jedoch kritisch kommentiert hätten - spätestens beim anschließenden geselligen Beisammensein.

Dass das hier ausgeblieben ist, wirft Fragen auf.

2.

Die Situation seit dem Wochenende ist so absurd, dass ich mir vorkomme wie in einem Märchentheater. Gegeben wird Andersens "Des Kaisers neue Kleider", mit mir in der Rolle des kleinen Kinds am Straßenrand.

Wobei die Pointe des Märchens nicht ist, dass das Kind als einziges die Nacktheit des Kaisers erkennt.

So erinnert man sich vielleicht an das Märchen, wenn die Lektüre lange her ist (oder man es nur als Sprichwort kennt).

Ich hab extra noch mal nachgelesen, weil ich der eigenen Erinnerung grundsätzlich misstraue. Andersen lässt sein Märchen so hier enden*:

"[...] und einer flüsterte dem anderen zu, was das Kind gesagt hatte. 'Aber er hat ja gar nichts an!', rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser; denn es schien ihm, sie hätten recht. Aber er dachte bei sich: Nun muss ich die Prozession durchhalten. Und so hielt er sich noch stolzer, und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war."

Den letzten Satz kann ich mir immer wieder auf der Zunge zergehen lassen: "[U]nd die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war."

Das entlockt mir immer wieder ein Lachen, und im selben Moment vergeht es mir. Weil die Herrschaften, die ich oben in meinem Blogeintrag zitiere, leider nicht einmal so viel Haltung zeigen.

3.

So sehr wir alle die Phantastik schätzen, zurück zur Realität.

Dass Widerspruch ausgeblieben ist, habe ich weiter oben geschrieben, wirft Fragen auf.

Da stellt sich also jemand hin, redet einen Haufen Blödsinn und kriegt danach Applaus, und Leute twittern ihre Inspiriertheit.

Einfachste, zu einfache Erklärung: Hat er sie vielleicht bei ihrer Eitelkeit gepackt?

Auf meine immer harscher werdende Live-Kritik hin kam im Wesentlichen, dass
  • der Vortrag "nett" und "kompakt" gewesen sei,
  • der gute Mann lustige Bilder an die Wand geworfen habe,
  • der Vortrag sich nicht um Genrehistorik gedreht habe, sondern darum, warum "die Gesellschaft" SF "brauch[e]".

Man wurde also gut unterhalten, und es wurde einem erzählt, man werde gebraucht.

Das ist schon sehr schmeichelnd, und wer lässt sich nicht gern schmeicheln?

Aber der Mensch ist ein denkendes Tier.

4.

Warum also hat nicht irgendwann im Laufe dieser unterhaltsamen halben Stunde oder wenigstens danach die Vernunft ihr schönes Haupt erhoben und gesagt: "Moooment mal"?

Naheliegende Erklärung: Weil die Anwesenden in ihrer Mehrheit gar nicht gemerkt haben, dass ihnen Bullshit erzählt wurde.

Wenn wir das einmal annehmen, stellen sich zwei Fragen.

Erstens: Wissen sie vielleicht nicht, was Bullshit ist und können ihn deshalb nicht erkennen?

Dafür spricht einiges, denn das ist vermutlich damit gemeint, dass ich den Vortragenden "beleidigt" hätte.

Dann kann ich nur sagen: Bullshit ist eine sprachkritische Kategorie, und das Buch von Harry Frankfurt sollte jeder, der mit Sprache arbeitet, zumal künstlerisch, kennen. Gutes Handwerk setzt Wissen um den Werkstoff voraus.

Zweitens: Kennen sie sich vielleicht selber mit Science Fiction nicht aus?

Auch dafür spricht einiges, denn diejenigen deutschen SF-Schaffenden, die ich persönlich kenne, und das sind doch einige nach inzwischen vierzig Jahren in der Szene, hätten rasch gemerkt, dass sich da jemand anmaßt, sie über ihr Genre zu belehren, und dabei haltlosen Quatsch absondert.

Einige von ihnen sind so nett oder zurückhaltend, dass sie niemals einen Vortrag unterbrechen würden, aber sie hätten sich hinterher geäußert. Und einige hätten, wie ich auch, wenn ich vor Ort gewesen wäre, eine Diskussion vom Zaun gebrochen. Aber hallo!

Da das ausgeblieben ist, dürfen wir davon ausgehen, dass entweder
  • keine (oder wenig) SF-Autoren im Publikum waren oder
  • zwar hinreichend SF-Autoren dort waren, diese aber wenig Ahnung vom Genre haben.

5.

Und damit wären wir bei den Problemen, die PAN wirklich hat.

Denn dieser Mittfuffziger hier ist, auch wenn das einige Leute aus dem Autorennetzwerk so zu sehen scheinen, ganz sicher nicht PANs Problem:

Liebe Leute, ich hatte 1986 meine ersten professionellen Veröffentlichungen und bin seither durchgehend in Verbänden Mitglied, zunächst im Verband deutscher Schriftsteller, wo ich auch eine Zeitlang im Berliner Vorstand mitgemischt habe, später und bis heute im Verband deutschsprachiger Literaturübersetzer. Ich stehe Autorenverbänden sehr aufgeschlossen gegenüber und habe zum Beispiel die erste Zeit von QUO VADIS, wo ich mit einem Gründungsmitglied befreundet bin, mit (hoffentlich hilfreichen) Anmerkungen begleitet.

Denkt also über das nach, was dieser schöne, grundgescheite, gerade richtig dicke Mann in seinen besten Jahren euch jetzt fragen will!

Erstens: Kann es sein, dass euer Verein nicht divers genug ist, was die Genres betrifft? Fehlt es euch an SF-Autoren?

Zweitens: Kann es sein, dass euer Verein nicht divers genug ist, was die Altersstruktur betrifft? Fehlt es euch an älteren, erfahreneren Mitgliedern?

Drittens: Kann es sein, dass es euch allgemein an Professionalität fehlt? Im Sinne von Wissen und Erfahrung darüber, wie Vereinsarbeit funktioniert oder freie Träger überhaupt funktionieren? Dass ihr noch keine Strukturen eingezogen habt, die für Qualitätssicherung sorgen?

Viertens: Kann es sein, dass es bei euch schlecht um die Diskussionskultur bestellt ist? Dass sich vielleicht vor Ort einfach niemand getraut hat, vor der ganzen Gruppe aufzustehen und (als vielleicht Einziger) seine Meinung zu sagen?

Aus meiner Warte müsst ihr bei allen vier Punkten dringend was tun.


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* Zitiert nach: Hans Christian Andersen, FLIEDERMÜTTERCHEN, Alex Taschenbücher, Der Kinderbuchverlag Berlin, DDR 2. Taschenbuchauflage 1979


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English summary for foreign readers: Some (hopefully helpful) thoughts on a young German speculative fiction writer's association

Sonntag, 23. April 2017

Bullshit zur Science Fiction

(Ich habe diesem Text noch ein paar grundsätzlichere Überlegungen folgen lassen, diese finden sich hier.)


An diesem Wochenende fand das diesjährliche Branchentreffen des Phantastik-Autoren-Netzwerks statt.

Ich habe das Ganze, wie schon beim ersten Treffen, gelegentlich auf Twitter verfolgt, unter dem Hashtag #pan17. Das ist interessant, ich lerne was, und es macht immer Spaß, auf Fotos Freunde und Bekannte zu entdecken - oder überhaupt Leute, die mir bisher nur als Name was sagten.

Gestern dann hielt "Prof. Dr."* Volker Wittpahl, "freiberuflicher Produktinnovationsmanager"**, einen Vortrag, den ich sehr - na, sagen wir: diskussionswürdig fand. Er wurde kräftig auf Twitter gespiegelt, über rund achtzig Tweets hinweg.

Irgendwann schaltete ich mich ein. Zunächst konstruktiv ergänzend, weil Zuhörer Fabian Dombrowski von dem Konzept "Stadt am Stiel" so fasziniert war und ich das selber auch amüsant finde:




Dann aber fing ich an, den Thesen des Herrn Prof. Dr. zu widersprechen. Los ging's mit diesem Zitat hier - wenn ich mich nicht verzählt habe, der 48. Tweet zum Vortrag:


"Ofen" - "einfache Technologieerzählungen"; diese Koppelung war zu schön, um sie unkommentiert zu lassen.

Harmloser Scherz, wobei mich die enthaltene inhaltliche Behauptung schon wunderte. (Weiter unten mehr dazu.)

Auf Höhe von Tweet Nr. +-57 jedoch wurde es ernst. Bei seiner These "Science Fiction muss Social Fiction werden" fasste ich mir erstmals an den Kopf. Das war so unbeleckt von Wissen über das Genre, dass ich eine kleine Klassikerliste twitterte:



Auf Höhe Tweet Nr. +-64 wurde eine abfotografierte PowerPoint-Folie getwittert. Da war es für mich mit der Wertschätzung des Vortrags vorbei:



Hier die Folie (Originalfoto: Carola Wolff) für bessere Lesbarkeit als Ausschnitt und in verändertem Kontrast:


Auf Höhe Tweet Nr. +-70 kam noch eine zweite Folie (Originalfoto: Chris M. Schollerer), die vermutlich der oberen Folie vorausgeht, hier ebenfalls im kontrastverstärkten Ausschnitt:


Wer schon ein bisschen länger SF liest, die Klassiker auch, kann da nur mit den Ohren schlackern. Tatsächlich haben auch einige #pan17-Twitterer einiges anzumerken gehabt.

Protest zu meiner Bullshit-Einschätzung kam interessanterweise direkt von Seiten des PAN e.V. (Tweet Nr. +-75 zum Vortrag) ...


... sowie von dessen Vorstandsmitglied Diana Menschig, die sich im Laufe des, hrm, Diskurses nicht etwa über den Vortrag, sondern darüber, ob man als Nicht-vor-Ort-Gewesener ein solches Urteil fällen darf, bis hin zu Versalien und fünffachen Ausrufezeichen steigerte. (Nein, das dokumentiere ich hier nicht; wer vorm Bildschirm Popcorn futtern will, soll gefälligst selbst ein bisschen dafür arbeiten. Trimm dich!, wie es in meiner Jugend hieß.)

Souveräne Vorstandsarbeit geht anders. Aber egal. Jetzt jedenfalls: Butter bei die Fische.


Warum dieser Vortrag "von der Genrehistorik nicht gestützter Bullshit" war


Den Begriff "Bullshit" verwende ich hier im Sinne von Harry Frankfurt. Also verstanden als prätentiöses, leeres oder inhaltlich falsches Gerede über etwas, von dem man, zusätzliche Option, wenig weiß.

Im Einzelnen:

[Überschrift] "Wandel der Rolle des Science Fiction"

Grober Schnitzer, der auf beiden Folien vorkommt: Begriff Science Fiction mit männlichem Geschlecht. Seit dieses Substantiv in den Duden aufgenommen wurde, wird es durchgehend feminin verwendet. Denkbar schlechter Einstieg.

Und vor allem inhaltlich: Was bittschön soll "die" Rolle "der" Science Fiction sein?

Ich bin kein Literaturwissenschaftler, sondern nur informierter Leser, aber mir fallen auf Anhieb schon mal drei Traditionslinien der SF ein: erstens die Reise- und Abenteuerliteratur, zweitens die utopische Literatur mit ihrem negativen Zwilling, der Dystopie, drittens die sich auf eine Erfindung, ein Gadget konzentrierende Literatur - was der Vortragende "Technology Fiction" nennt. (Den Begriff hat er sich vermutlich bei Fraunholz/Woschech abgeguckt; allgemein verwendet wird der nicht.)

Für jede dieser (unvollständigen und sehr groben) Traditionslinien dürfen wir ungeniert eine eigene zuschreibbare "Rolle" annehmen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Romanwerke der SF gleich mehrere Traditionslinien fortführen.

  • Mary Shelleys FRANKENSTEIN, für viele der erste richtige SF-Roman, dreht sich um eine Erfindung, die Erzeugung künstlichen Lebens. Gleichzeitig befallen den Erfinder Skrupel, er plagt sich mit Gewissensbissen, auch sein Geschöpf gibt ethische Bewertungen ab; die Aussichten sind düster, das ist ein dystopisches Element. Erzählt wird von Verfolgung und Flucht, es geht bis in die Arktis: Reise, Abenteuer.
  • Jules Verne hat eindeutig Gadget-Geschichten geschrieben (U-Boot, Mondkanone); zugleich aber waren es immer Reise- oder Abenteuergeschichten; gesellschaftliche Auswirkungen (Utopisches/Dystopisches) hat er links liegen gelassen. (Interessanterweise war sein erster, postum veröffentlichter Roman jedoch eine astreine Dystopie.)
  • H.G. Wells bringt mit seiner Zeitmaschine ein Gadget; ihn interessieren die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser postulierten Erfindung nicht, er benutzt das Gadget aber gewissermaßen als Lupe, um über andere gesellschaftliche Entwicklungen zu schreiben. Ein dystopischer Roman, ganz klar, der lustigerweise auch Motive der Abenteuerliteratur benutzt (die "Wilden", die verlassenen Ruinen, Dschungelatmosphäre).

 Da wird es mit der jeweiligen "Rolle" der jeweiligen Traditionslinie dann schon schwieriger.

Und das ist noch nicht alles. Wir können ja Rollen zuweisen, als Leser, als "Gesellschaft", die SF "braucht", wie es in einem #pan17-Tweet behauptet wird. Der kreative Prozess ist jedoch anarchisch, siehe oben die Mischformen schon bei den einschlägigen Klassikern. Planung und Improvisation, Denken und Fühlen, Bewusstsein und Unterbewusstsein - drei Paare auf der Tanzfläche einer jeden entstehenden Geschichte ...

"Bis Mitte des 20. Jahrhunderts:
Science Fiction = Technology Fiction"

Bullshit, weil falsch: Die Traditionslinie Utopie/Dystopie auch in ihren Formen Social Fiction bzw. Soft SF war von Anfang an da. Tatsächlich gehören fast alle SF-Romane, die heute als Klassiker (auch der Weltliteratur) gelten, in diese Strömung. Siehe oben.

Bullshit, weil prätentiös und leer: "Technology Fiction". Siehe oben.

"Zur Jahrtausendwende:
Science Fiction = Diversifiziertes Genre mit Space Operas, Cyberpunk, ..."

Das mit der Jahrtausendwende ist Bullshit im Sinne von leeres Geschwätz oder Werbesprech, weil dieser Zeitpunkt der "Diversifiziert[heit]" nur wegen des schönen Klangs behauptet wird. Das Genre war von Anfang an divers, wie oben schon dargelegt. Mal ein paar der Wirklichkeit entsprechende Zeitpunkte für ausgewählte Subgenres:

  • 1920er Jahre - mehrfaches Auftreten von Space Operas; der Begriff setzt sich in den 1940er Jahren durch.
  • 1930 schreibt Olaf Stapledon FIRST AND LAST MEN, spätestens das ist eine astreine Future History; der Begriff wird 1941 geprägt.
  • 1930er Jahre - Hier tauchen erstmals einschlägige Alternativweltgeschichten in größerer Zahl auf.
  • 1950er Jahre - Viele Bücher werden als Science Fantasy angeboten.
  • 1958 erschien Robert A. Heinleins STARSHIP TROOPERS, spätestens da war Military SF gesetzt.
  • 1960er Jahre - die sogenannte New Wave; kein eigentliches Subgenre, eher SF mit betont experimenteller Schreibhaltung
  • 1980 wurde der Begriff Cyberpunk geprägt; 1984 kam mit William Gibsons NEUROMANCER der erste Klassiker dieses Subgenres raus.
  • 1980er Jahre - Parallel kommt der Steampunk auf.

(Cyberpunk als Subgenre ist übrigens nicht unumstritten: Im Grunde ist das ein Aufgreifen des Noir- oder des Hardboiled-Krimis durch die Science Fiction; da könnte man auch ganz andere Romane schlüssig und weniger eng zusammenfassen.)

Ich halte fest: Die "Diversifiziert[heit]" des Genres Science Fiction war noch vor dem Ende des Kalten Krieges und vor dem Anfang des Kriegs gegen den Terror weit fortgeschritten - also hey, praktisch in einem anderen Zeitalter. Die meisten unstrittigen Subgenres waren Jahrzehnte vor der "Jahrtausendwende" längst da.

"Herausforderungen für Science Fiction Autoren im 21. Jahrhundert"

Wieder dieses 21.-Jahrhundert-Werbesprech.

"Die meisten Technologievisionen sind nicht wirklich 'neu'"

Nichts Neues unter Sonne. Wird immer so lange behauptet, bis das nächste neue Ding einem ins Gesicht kracht.

Abgesehen davon: Als ob ein Mangel an Neuem Autoren und Leser in der Masse je gestört hätte.

Der größte Ausschlag des Bullshit-Detektors ergibt sich aber im Zusammenhang - noch einen Moment Geduld.

"Einfache Technologie-Erzählungen sind für die Leser nicht attraktiv genug"

So banal wie richtig. Deshalb gibt's die auch gar nicht - bestenfalls im Bereich der Kurzgeschichte. Das ist also eine komplett konstruierte "Herausforderung" - Bullshit eben.

"Die aktuellen technischen Entwicklungen sind so mannigfaltig und entwickeln sich exponentiell, dass kaum einer die Chance hat sie zu überblicken geschweige denn in die Zukunft zu prognostizieren"

Herrje. Die "Technologievisionen", siehe oben, sind also "nicht wirklich 'neu'", aber die technologische Realität überholt die Visionen in "exponentieller" Entwicklung?

Die ham da wat erfunden, Keule, det kannste dir nich ausdenken!

Ansonsten wird hier "die" Science Fiction wieder auf Zukunftsprognostizierung verengt, und die wirklich heftige visionäre aktuelle SF à la China Miéville oder Neal Stephenson scheint der Vortragende nicht zu kennen.

Die Spielwiese ist groß, sie wird mal ernsthafter, mal fröhlicher genutzt, und niemand, wirklich niemand von all den Schriftstellern, die je mit einem SF-Roman fertig wurden, hat sich hingesetzt und gesagt: "Ich will da alles drin haben!"

Das ist eine völlig irrige Vorstellung.

"Chancen für Science Fiction Autoren im 21. Jahrhundert"

Bullshit, weil 21.-Jahrhundert-Werbesprech.

"Menschen sind verunsichert über die Zukunft, ihre eigene und technologische"

Da ist was dran. Vollständige Zustimmung meinerseits (überrascht mich selber).

Allerdings ist das "nicht wirklich 'neu'". Alvin Toffler hat mit solchen Thesen in den 1960er und 1970er Jahren viel Geld verdient.

Hübsche Gegen-Streitschrift, aus dem 21. Jahrhundert übrigens: Matthias Horx, ANLEITUNG ZUM ZUKUNFTSOPTIMISMUS.

"Es fehlen Utopien und positive Visionen für unsere Technologie basierte Zukunft."

Einerseits stimmt das natürlich, andererseits "fehlt" Positives immer. Niemand wird sich je hinstellen und sagen: "Hey, wir haben jetzt wirklich Massen von Utopien und positiven Visionen, verdammt. Liebe Autoren, schreibt doch endlich mal was Negatives!" Das ist also ziemlich platt dahergeredet.

Dann sind wir Menschen leider so beschaffen, dass wir auf Negatives stärker reagieren als auf Positives. (Dieser Blogeintrag ist das beste Beispiel: Ich hätte mich an diesem freien Sonntag auch hinsetzen und ein Loblied auf irgendeinen tollen Roman singen können; hab ich aber nicht.) Folge: Durchaus vorhandene "Utopien und positive Visionen" verkaufen sich in der Regel deutlich schlechter. So etwas zu schreiben, stellt für Autoren unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten keine "Chance" dar, sondern ein Risiko, eine "Herausforderung".

"Im 21. Jahrhunderts:
Science Fiction = Social Fiction"

Bullshit aus diversen, weiter oben angeführten Gründen.

"Neue Fragestellung für Autoren:
Weniger: Welche Technik wird künftig sein?
Mehr: Welche Gesellschaft wird aufgrund der heutigen Technologien sich entwickeln?"

  • Die Fragestellung ist nicht neu.
  • Prognostizierung im Sinne von "Welche Technik wird künftig sein?" kann es kaum noch weniger geben, denn sie hat die wenigsten Autoren je interessiert. Sie haben lieber mit einer möglichen (oder unmöglichen) Technik dramaturgisch herumgespielt.
  • Oder sich eben, schon seit weit über hundert Jahren, den dadurch möglicherweise ausgelösten gesellschaftlichen Entwicklungen gewidmet.

"Mögliche Rolle für Science Fiction Autoren im 21. Jahrhundert:
Technologie-Folgenabschätzer für gesellschaftliche Entwicklungen"

[Loriot-Stimme] "Ach was."


Schlussbemerkung


John Clute hat einmal etwas sehr Schönes über das Schreiben von SF gesagt, das ging sinngemäß so: Der Autor weiß, am Ende angelangt, nie sauber zu trennen, was nüchterne Kalkulation und was Traum war.

SF wird immer ins Kraut schießen.

Das ist ihre Stärke.

SF-Autoren als gezielte "Technologie-Folgenabschätzer" - das ist eine Kopfgeburt, die in keiner Weise so funktionieren kann, wie der Herr Prof. Dr. Produktinnovationsmanager sich das vorstellt. Das zeigt schon ein so oberflächlicher Blick auf die Geschichte der SF wie dieser hier.

Die SF insgesamt, als Genre, in all ihren Ausprägungen, "albernen" wie "ernsthaften", "kommerziellen" wie "künstlerischen", spiegelt aber sehr schnell gesellschaftliche Entwicklungen. Darin liegt, und ich betone: in all ihren Ausprägungen, ihre tatsächliche Relevanz.

Amen.


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* Quelle: vdivde-it, nachgetragen am 25.04.
** Quelle: wittpahl-partners, nachgetragen am 25.04.


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English summary for foreign readers: Some rant on some lousy lecture

Freitag, 21. April 2017

Gelesen: Terry Pratchett, DAS LICHT DER FANTASIE (UK 1986)

Worum geht's?

Die Scheibenwelt nähert sich einem roten Stern. Apokalyptiker-Sekten finden rasch Zulauf. Mittendrin der verhinderte Zauberer Rincewind, den wir schon aus dem ersten Roman kennen.

Wie ist das Buch geschrieben?

Auktorialer Erzähler, einfache Vergangenheit, teils mit deutlichen Anleihen beim Drehbuch: Einige Szenen werden ausdrücklich mit Film-Vokabular beschrieben.

Was gefiel nicht so?

  • Pratchett scheint mir ein sympathischer alter Herr gewesen zu sein, aber auch der zweite Scheibenweltroman wirkt auf mich nicht sonderlich gut geschrieben. Viel bleibt wirr, ungenau, fahrig.
  • Insgesamt ist es weniger Satire als vielmehr Parodie oder heiterer Roman, sprich: lauwarm.
  • Viele Witze entstehen nicht aus der Zuspitzung einer Situation, sondern kommen gezwungen rüber, als Schenkelklopfer à la "Ein Versuch, so sei hinzugefügt, der tausendprozentig erfolgreich war" (Seite 7). Tausendprozentig, haha, prust. Das würde mich schon von einer Bühne herab langweilen, erst recht in Schriftform.

Was gefiel?

  • Im Gegensatz zum dahinplätschernden ersten Roman hat LICHT mit dem Endzeitmotiv eine richtige Handlung.
  • Die Witze sind schon ein bisschen schärfer; es gab Stellen, an denen ich lachte - sehr zur Freude meiner Mitpatienten im Krankenhaus.
  • Schön war das Spiel mit den Beschreibungsklischees, auf deren Benutzung harte Strafen stehen, weshalb die Dichter (und auch der Autor) auf immer absurdere "genauere" Beschreibungen ausweichen.

Gute Stelle?

Ich mag die poetischen Beschreibungen der großen Weltschildkröte. Ich mag auch die Beschreibungen des langsamen Lichts auf der Scheibenwelt. Deutsch von Andreas Brandhorst:

[Tag] Wenn Licht auf ein starkes magisches Feld trifft, vergisst es plötzlich, was Eile bedeutet. Es wird geradezu träge. Und auf der Scheibenwelt war die Magie  besonders stark. Deshalb glitt das mattgelbe Glühen der Dämmerung wie eine sanfte, liebkosende Hand über die schlafende Landschaft - goldenem Sirup gleich, wie manche Leute meinen. Es hielt inne, um Täler zu füllen. Es kroch müde an Berghängen empor. Als es Cori Celesti erreichte, das zehn Meilen hohe Massiv aus grauem Fels und grünem Eis in der Scheibenmitte, türmte es sich zu großen Haufen auf, um jenseits des Gipfels mit der eher bescheidenen Wucht einer ins Alter gekommenen Lawine durch die dunkle Landschaft zu rollen. (Seite 5)

[Nacht] Das silberne Licht des Mondes glitt mit einem leisen Knistern über die Ebene. (Seite 104)

Zu empfehlen?

Man muss wohl schon viel mittelmäßige Fantasy gelesen haben, um seinen ungebremsten Spaß mit den frühen Scheibenweltromanen haben zu können. Für mich taugen sie als angenehme Krankenbettlektüre.

Wo aufgestöbert?

Der gute Molosovsky ist treuer Pratchett-Leser. Das wundert mich immer wieder aufs Neue, und dieses Jahr will ich es einmal wissen! Band 3 liegt schon bereit - für die nächste Erkrankung.

Schöne Neuedition der ersten neun Romane übrigens!



Und sonst?

Habe ich danach zum Vergleich eine Satire gelesen (von Tom Sharpe) und einen heiteren Roman (von Kenneth Grahame), die beide ebenfalls britischen Ursprungs und mit Abstand besser geschrieben sind. Aber dazu ein andermal.


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English summary for foreign readers: After reading the first two discworld novels, I'm still sceptical.

Sonntag, 2. April 2017

Gelesen: Daryl Gregory, HARRISON SQUARED (USA 2015)

Worum geht's?

Es verschlägt den 16jährigen Harrison Harrison in das neuenglische Küstenstädtchen Dunnsmouth, wo seine Mutter, eine Meeresbiologin, Forschungen durchführen will. Seit einem Segelunfall, bei dem sein Vater umgekommen ist und Harrison, damals noch ein Kleinkind, zum Invaliden wurde, hat er traumatische Angst vor offenem Wasser. Als jetzt auch seine Mutter verschwindet, wird klar, dass sie hier noch eine alte Rechnung zu begleichen hatte. Fischige Einwohner, die örtliche Schule mit ihrer unmöglich zu durchschauenden Architektur und eine die ganze Stadt beherrschende Sekte machen dem Wasserscheuen, der verbissen darum kämpft, nach dem Vater nicht auch noch die Mutter zu verlieren, das Leben auch nicht gerade leichter.

Wie ist das Buch geschrieben?

Jugendbuch, Ich-Erzähler. Schlagfertig und pointiert, zugleich traurig, ernst und teils voller Wut.

Was gefiel nicht so?

Entfällt

Was gefiel?

  • Das ist eine schöne Lovecraft-Pastiche mit allem Drum und Dran!
  • Das Ende
  • Mit Harrisons Tante und seiner (wie der Schulklatsch behauptet) "Freundin" stecken zwei tolle Frauenfiguren im Buch, die beide auf ihre Weise mehr Durchblick haben als der Held und hinreißend gegen den Strich gezeichnet sind.

Gute Stelle?

Die Tante, reich, aber auch das schwarze Schaf der Familie, bugsiert sich im Laufe der Handlung einen örtlichen Taxifahrer so zurecht, dass er ihr Mädchen für alles wird. Hier fängt das an. Sie halten gerade vor einem Restaurant:

"I'll come pick you up after you're done," Saleem said.

"I told you, you're on retainer. You can't just leave us here. And I can't let you sit in the car. We're going to come out of there stuffed with food, and you're going to give me that look."

"What look?" he asked.

"Come on now," she said. "Table for three."

"I'm not going to let you buy me dinner," Saleem said.

"What I'm buying is a relaxed ride home with a happy, contented driver. Harrison, explain to Saleem that he is not going to win this."

"You're not going to win this," I said.

"Listen to him; he's a smart boy," Aunt Sel said.

Zu empfehlen?

Aber ja! Genau so mag ich meine unheimlich-fantastische Lektüre: stimmungsvoll, voller Entfremdung auch, aber immer mit einer Faszination am Fremden.

Wo aufgestöbert?

Nachdem ich zwei Romane von Daryl Gregory übersetzt hatte, AFTERPARTY und UNS GEHT'S ALLEN TOTAL GUT, wollte ich auch diesen hier noch lesen, der ja sogar in TOTAL GUT eine Rolle spielt.



Und sonst?

... frage ich mich, warum bis jetzt niemand dieses Buch auf Deutsch rausgebracht hat. Auch Fischer Tor nicht - dabei wären TOTAL GUT und HARRISON SQUARED das perfekte Doppelpack für ein anständiges Paperback!


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English summary for foreign readers: Reading HARRISON SQUARED by Daryl Gregory was much fun. Man, can this guy write everything?

Freitag, 31. März 2017

Gelesen: Jared Diamond, KOLLAPS (USA 2005)

Worum geht's?

Das sagt der amerikanische Untertitel am besten, auf Deutsch: Warum Gesellschaften sich entscheiden, ob sie scheitern oder gelingen.

Der deutsche Untertitel hingegen geht vor lauter Schicksalsschwere in die Knie der Ohnmächtigkeit: "Warum Gesellschaften überleben oder untergehen".

Wie ist das Buch geschrieben?

Bei aller Länge und Komplexität erstaunlich übersichtlich: Diamond nimmt einen immer wieder an die Hand und sagt, wo es jetzt hingeht. Auch kommt er immer wieder als Ich-Erzähler vor: Er hat ja als Anthropologe viele Weltgegenden besucht und weiß entsprechend zu berichten.

Was gefiel nicht so?

Die Neuauflage wird beworben mit "Erweitert um ein großes Kapitel über Angkor Wat". Das ist Bullshit: 648 alte Seiten geteilt durch sechzehn alte Kapitel macht durchschnittlich 40 Seiten pro Kapitel. Das Angkor-Wat-Kapitel ist 18 Seiten kurz. Eine hübsche Ergänzung, mehr nicht.

Was gefiel?

Alles andere.

  • Diamond schreibt gut und streitbar;
  • er lässt Widersprüche nicht unter den Tisch fallen, sondern arbeitet sie heraus;
  • er hält nichts von Lagerdenken.
  • Das Buch ist mit einem anständigen Anhang von fuffzich Seiten ausgestattet: ausführliche Leseempfehlungen für jedes Kapitel plus Register; es lässt sich also auch bestens als Nachschlagewerk nutzen.

Gute Stelle?

Ich fand ja diesen Spruch hier cool, und er fasst die Haltung Diamonds gut zusammen:



(Die sich "sehnen" hätte es natürlich heißen müssen.)

Und diese Landschaft hier würde ich als alter Zimmergärtner und junger Schrebergärtner gern mal mit eigenen Augen sehen:



Zu empfehlen?

Aber ja! Eines der wichtigsten Sachbücher in meiner Handbibliothek.

Und sonst?

Diamonds ARM UND REICH will ich endlich auch mal lesen!



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English summary for foreign readers: I've read, for the second time, COLLAPSE by Jared Diamond. One of the most important books in my reference library!

Dienstag, 28. März 2017

Gelesen: von Kummant und von Eckartsberg, GUNG HO Bände 1 und 2 (D 2013/2015)

Worum geht's?

Wenn ich das wüsste! Jedenfalls treiben sich "[i]rgendwo in Europa" seltsame weiße Raubtiere herum, die in Horden jagen, und die Menschen haben sich in befestigte Städte zurückgezogen. Wir begleiten zwei schwer erziehbare Jugendliche.

Wie ist der Comic erzählt?

  • Wunderbar atmosphärische Zeichnungen zwischen Stilisierung und Naturalismus
  • Knackige Dialoge, nachvollziehbare Figurenzeichnung

Was gefiel nicht so?

Das Worldbuilding überzeugt mich nicht. Hier beispielhaft nur das schwerwiegendste Problem: Große Räuber waren überall auf der Welt das Erste, was Menschen ausgerottet oder zumindest in entlegene Gebiete abgedrängt haben. Warum das ausgerechnet heute mit modernen Waffen nicht mehr gelingen sollte, bleiben die Autoren schuldig. Die Biester müssten sich, um die Zivilisation gefährden zu können, so schnell vermehren wie Insekten; es sind aber offensichtlich große Säuger.

Zwei von geplanten fünf Bänden sind erschienen - um wirklich ein Panorama dieser Zukunftswelt aufzufächern, schreitet die Geschichte viel zu langsam voran. Das deutet mir darauf hin, dass die Autoren im Wesentlichen einen Actionreißer mit tollen Monstern, jugendlichen Draufgängern und ein bisschen Sex und Drogen hinlegen wollen. Ist in Ordnung, ist nur nicht meins. Mich interessiert bei Science-Fiction-Stoffen immer, wie sich eine Gesellschaft unter bestimmten, nachvollziehbaren Bedingungen verändert und wie Leute versuchen, ihr Umfeld Richtung Freiheit und gutes Leben zu drehen.

Was gefiel?

Stimmung, wechselnde Erzähltempi und den Mikrokosmos der "Siedlung Nr. 16" haben die beiden Bayern wirklich toll hinbekommen! Das kann dem internationalen Vergleich locker standhalten und hätte damals gut ins Schwermetall-Magazin gepasst.

Gute Stelle?

Ich mochte den derben Streich, der den Neuankömmlingen in Band 1 gespielt wird - mehr sage ich hier nicht. Da musste ich jedenfalls laut auflachen.

Zu empfehlen?

Mir bleibt alles zu sehr in den Genrekonventionen stecken, ich hätte mir mehr erzählerische Radikalität, mehr Wildheit gewünscht - irgendwas, wo ich wirklich gesagt hätte: Wow, das hat jetzt 'ne Konsequenz, die ist heftig. Für so ein Endzeit-Dingens bleibt mir alles, so seltsam das klingen mag, zu harmlos, zu sehr nette Unterhaltung.

Das könnte vor allem daran liegen, dass mich das Worldbuilding nicht überzeugt: Es lässt das Geschehen theaterhaft wirken; ich rieche die Baustoffe der Kulissen.

Andererseits fehlt mir auch irgendwie ein subversives Element - das bringt nicht mal die fast durchgängige Jugendlichen-Perspektive hinein.

Unterm Strich also: Die beiden Bände ließen sich gut weglesen, aber mich zieht's kaum zu Band 3, der noch in diesem Jahr erscheinen soll.

Wo aufgestöbert?

In unserer kleinen Manfred-Bofinger-Bibliothek; die hat in der Comicecke die unglaublichsten Sachen rumstehen.




Und sonst?

In diesem Stil eine Erzählung von Samuel R. Delany oder einem ähnlichen Kracher umgesetzt - das wär's!



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English summary for foreign readers: German comic GUNG HO is beautiful to look at, but I'm sceptical about the worldbuilding and I really don't know, after two of five books, where the artists want to go with their story. Well, perhaps I'm simply too old for that kind of stuff.

Montag, 27. März 2017

Gelesen: Franquin, DER GANZE GASTON Buch 1 (F 1957-1963)

Worum geht's?

Bürobote Gaston begegnet dem Arbeitsalltag mit Fantasie, Faulheit und unermüdlichem Erfindergeist.

Wie ist der Comic erzählt?

Klassische Halb- beziehungsweise Einseiter mit kleinem Figurenensemble und fröhlichen Variationen von Standardsituationen, in der hier gesammelten Anfangszeit noch etwas kratziger im Strich und nicht ganz so virtuos mit den gerade erst gefundenen, bald klassisch werdenden Elementen umgehend

Was gefiel nicht so?

Die meines Wissens hier erstmals abgedruckten Prosageschichten fallen gegen die Comics doch deutlich ab.

Was gefiel?

  • Schön dickes Papier, gefällige Kolorierung, klares Lettering
  • Die meisten redaktionellen Texte bieten angenehm aufbereitete Hintergrundinfos. Es war eine Freude, diesen Chaotencomic einmal als Kunstwerk wahrzunehmen.

Gute Stelle?

Andreas C. Knigge schreibt in der Einleitung des ersten Bandes, auf Franquins lebenslangen Kampf mit der Depression anspielend:

Franquin hat mit seinem Alter Ego Gaston Lagaffe das Kunststück vollbracht, uns von der Verlorenheit, von der er ein Vierteljahrhundert lang Woche für Woche erzählte, kein Stück merken oder auch nur erahnen zu lassen, ganz im Gegenteil: Gaston ist eine vor Lebenslust sprühende Hommage an den unbeschwerten Geist, an eine Leichtigkeit des Seins, die Franquin selbst viele Jahre nur am Zeichentisch erfahren konnte. Und zeitweise nicht einmal das.


Zu empfehlen?

Aber ja! Gaston ist ein Comic, das mich seit der Kindheit begleitet. Vermutlich der erste Anarcho, dem ich je begegnet bin. Damals in Fix und Foxi, das ein Freund sammelte. Da hieß Gaston noch Jo-Jo und hat gestottert, eine von Kaukas vielen kleinen Fehlentscheidungen - die jedoch gegen die Leistung verblassen, frankobelgische Comics überhaupt erst nach Deutschland geholt zu haben.

Wo aufgestöbert?

Weihnachtsgeschenk meiner Eltern und meiner Liebsten

(Hardcover, 208 Seiten im Albumformat. Carlsen Comics, Hamburg 2015)

Und sonst?

Leser meiner gesammelten besten Kurzgeschichten, EIN ABEND BEIM CHINESEN, könnten meinen, die Story "Die Hubschrauber" sei von Gaston beeinflusst; dem ist aber nicht so. Ich hatte die Freude, in meinem Berufsleben mit mindestens zwei Büro-Hilfskräften befreundet gewesen zu sein, die echte, leibhaftige Gastons waren ... mit allem Drum und Dran.



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English summary for foreign readers: Gaston is one of my all-time favourite comics.

Freitag, 24. März 2017

Veränderung bei Golkonda



Und weil ich schon gefragt worden bin: Ich fühle mich derzeit durchaus unbetroffen von diesem Wechsel in der Führung meines Hausverlags. Bevor ich anfange, mir Gedanken zu machen, was der Verkauf für den Nachfolgeroman von BLOSS WEG HIER heißt, will der erstmal geschrieben sein. Da beschäftigen mich ganz andere, persönliche Umstände.

Heute bin ich Hannes Riffel schlicht dankbar, dass er meinem zweiten Roman eine Chance gegeben und ihn seit sechs Jahren lieferbar gehalten hat, und wünsche ihm nur das Beste für seine Zeit als Kopf von Fischer Tor. Damit hat selbst ein Arbeitstier wie Hannes nun wirklich genug zu tun!

Der Rest wird sich zurechtruckeln.


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English summary for foreign readers: Golkonda Verlag, an important and cool small German publisher, will go to Europa Verlag as an imprint next week.

Dienstag, 21. März 2017

Eingetrudelt: Christina Diaz Gonzalez, MOVING TARGET - DAS SCHICKSAL SCHLÄGT ZURÜCK

Vor einigen Wochen sind hier auch die Belegexemplare einer aktuellen Übersetzung eingetroffen. Im Gegensatz zum ersten Band der Abenteuergeschichte von Christina Diaz Gonzalez, den ich allein übersetzt hatte, habe ich mir die Arbeit aus Termingründen diesmal mit Leena Flegler geteilt. Sie hatte den ersten Band schon lektoriert; die Geschichte, die damit abgeschlossen ist, blieb also komplett in denselben Händen.


Umschlagtext

Durch eine einzige Berührung des Speers hat Cassie das Schicksal der Welt aus dem Gleichgewicht gebracht - die Menschheit scheint dem Untergang geweiht. Doch der magische Speer liegt nicht länger in ihren Händen. Nun ist es an Cassie, ihn so schnell wie möglich wiederzufinden, um alles in Ordnung zu bringen! Zusammen mit Asher begibt sie sich auf eine atemlose Jagd durch ganz Italien. Nahe eines dunklen Waldes außerhalb von Rom stoßen sie in einer mysteriösen Villa auf ein Gemälde voller Symbole und Hinweise. Gelingt es Cassie rechtzeitig, den Code zu entschlüsseln und ist sie selbst stark genug, sich dem Schicksal erneut entgegenzustellen?

Mehr beim Verlag


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English summary for foreign readers: I translated, co-working with Leena Flegler, RETURN FIRE by Christina Diaz Gonzalez.

Sonntag, 19. März 2017

Gelesen: Eric Frank Russell, DIE GROSSE EXPLOSION ("US" 1962) bzw. PLANET DES UNGEHORSAMS ("US" 1951)

Wie ihr schon an der Überschrift sehen könnt, ist es mit Eric Frank Russell immer ein bisschen kompliziert - aber immer auf die schönste, sympathischste Weise. Das fängt schon damit an, dass er Brite war, aber oft für einen Amerikaner gehalten wurde. Einmal, weil seine Geschichten oft zuerst in den Staaten rauskamen, und dann, weil er anscheinend ein richtiges Schlitzohr gewesen ist; eine Eigenschaft, die eher mit einem Amerikaner als mit einem Briten assoziiert wird, siehe auch John Clutes schöne Beschreibung seines Werks in der illustrierten SF-Enzyklopädie:

[...] schildert die Möglichkeiten des Weltraums mit allem optimistischen Schwung, den amerikanische Leser von den Nachkriegsautoren erwarteten. [...] Geschichten über trottelige Aliens, die es nicht schaffen, die Gerissenheit der auf die Galaxis losgelassenen Privatunternehmer zu begreifen, gibt es bei ihm in Massen. Seine Erzählungen sind vergnüglich und wecken Nostalgie nach den längst vergangenen Zeiten solch optimistischer Naivität.

Das von mir kürzlich wieder einmal gelesene Doppelpack hier hat jedoch mit solchen schlitzohrigen Unternehmern auf fremden Welten nicht gar so viel zu tun.

Worum geht's?

Ein Überlichtantrieb wurde erfunden. Während der "Großen Explosion" sind Abermillionen von Sektierern, Abweichlern, Querulanten, Fanatikern ins Weltall aufgebrochen, um auf anderen Welten ihr jeweiliges Utopia zu bauen. Einige Jahrhunderte später begleiten wir ein Raumschiff der Erde auf seiner diplomatischen Rundreise zu diesen Welten, um die "Kolonien" heim ins inzwischen gegründete Terranische Reich zu holen. Das geht jedesmal gründlich schief, aus immer anderen Gründen.

Der letzte Teil des Buches basiert dabei auf einer viel früheren Erzählung, "And Then There Were None" (Und dann war'n sie alle futsch) von 1951. Das Diplomatenschiff landet auf dem "Planet[en] des Ungehorsams", einer durch und durch anarchistischen Welt, und das setzt der Reise fast ein Ende.

Wie sind die Bücher geschrieben?

EXPLOSION ist ein humoristischer bis satirischer Episodenroman. PLANET konzentriert sich auf das ebenso humorvoll geschilderte Aneinanderrasseln von terranischer Bürokratie und generationenlang erprobter anarchistischer Praxis - die Grundzüge der Theorie lernt man nebenbei mit.

Was gefiel nicht so?

Ich würde mir eine anständige Neuedition der EXPLOSION wie auch des PLANETEN wünschen; sämtliche deutschen Ausgaben, die ich davon bis jetzt gesehen habe, lassen zu wünschen übrig.

Was gefiel?

Der freche Witz, die Schlitzohrigkeit, die würzige Kürze, der (vordergründig) naive Optimismus. Mister Russell dürfte seinen Spaß am Leben gehabt haben.

Gute Stelle?

Hierarchiebeschreibung gleich vom Anfang des PLANETEN. Übersetzung ungenannt:

In welcher Reihenfolge die Männer das Schiff zu verlassen hatten, war genau festgelegt. Als erster durfte der Botschafter aussteigen; dann der Kommandant des Schiffes; als dritter der Kommandeur der Bodentruppen; und als vierter der Chef der Zivilverwaltung.

Diese Reihenfolge setzte sich natürlich bis in die unteren Ränge fort: als nächster kam der Privatsekretär seiner Exzellenz des Botschafters, dann der Zweite Offizier des Raumschiffs, der stellvertretende Kommandeur der Bodentruppen und schließlich der oberste Federfuchser der Verwaltung.

Anders erging es den untersten Chargen dieser Hierarchie: dem Barbier, Schuhwichser und Kammerdiener seiner Exzellenz; den Rekruten mit dem niedrigsten Dienstgrad, den Nullen und Strohköpfen von der Truppe und den auf Zeit angestellten Aktenschleppern und Bleistiftspitzern, die von dem Tag träumten, wo sie eine Lebensstellung und einen eigenen Schreibtisch bekamen. Diese kleinen Steine im Gebäude der hierarchischen Pyramide mußten an Bord bleiben und hatten striktes Rauchverbot.

Wären sie jedoch auf einer feindlich gesinnten Welt gelandet, die sie mit gefährlichen Waffen empfangen hätte, wäre die Reihenfolge des Ausstiegs umgekehrt gewesen, getreu dem Versprechen der Bibel, daß die ersten die letzten und die letzten die ersten sein sollen.

Zu empfehlen?

Aber ja! Ein großer Spaß für Leute, die gern über Autoritäten lachen. Die EXPLOSION habe ich mehrfach gelesen, den PLANETEN sogar inzwischen zum zehnten Mal; dieses Buch begleitet mich (in diversen Ausgaben) seit meinem 19. Lebensjahr.

Wo aufgestöbert?

Den PLANETEN 1981 als Raubdruck in irgendeinem Laden in irgendeinem besetzten Haus - those were the days! UFA-Fabrik, schätze ich mal. Die EXPLOSION erst vor vielleicht zehn, fünfzehn Jahren, als ich begriff, dass Russell noch mehr von diesem Raumschiff erzählt hat ...

(Eigenhändige Scans der gelesenen Exemplare. Terra Taschenbuch 101, 159 Seiten. Moewig, München 1965. Broschur, 88 Seiten. Verlag Wolfgang Reuschle, Berlin 2. Auflage 1984)

Und sonst?

In meinem Perry-Rhodan-Roman DIE STERNENHORCHER (2003) habe ich diesem Buch, das zu meinen Lieblingsbüchern zählt, an mehreren Stellen Reverenz erwiesen. In Erinnerung habe ich noch den Doktor Mimo Serleach, wie er gegen Ende auf seinem Fahrrad sitzt und zusieht, wie das Raumschiff von der Erde wieder abfliegt - ohne ihn ...


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English summary for foreign readers: Eric Frank Russell's novelette "And Then There Were None" is one of my all-time favourites. I read it first when I was 19 and just read it for the 10th time.