Mittwoch, 21. Dezember 2016

Krähe im Park

Алексей К. Саврасов - Грачи прилетели (1871).jpg
Von Alexei Kondratjewitsch Sawrassow - dic.academic.ru, Gemeinfrei, Link


Eben hatte ich mal wieder eine tolle Begegnung mit einer Krähe.

Ich mache auf dem Weg zum Einkaufen einen Schlenker durch den kleinen Park auf dem ehemaligen Todesstreifen. Nirgendwo in der Nähe sind Leute, aber am Wegrand versucht eine Krähe, eine Walnuss zu öffnen, schlägt sie mit dem Schnabel auf den gefrorenen Boden.

"Na, da hast du aber ganz schön zu ackern", sage ich im Vorbeigehen zu ihr. (Ich rede schon immer mit Krähen.)

Sie hüpft einen Meter weg und sieht mich an.

Als ich an ihr vorbei bin, fliegt sie plötzlich von hinten auf Kopfhöhe an mir vorbei, so dicht, dass ihre Schwungfedern fast meine Pudelmütze berühren.

"Hey, du freches Ding!", sage ich lachend.

Sie steigt ein paar Meter vor mir hoch, lässt die Nuss fallen, landet daneben.

Ich bleibe stehen. "Na, willst du, dass ich dir helfe?"

Ich gehe zu der Nuss, die Krähe hüpft ein, zwei Meter weg und sieht mich an; sie wirkt jetzt ein bisschen nervös.

Ich zertrete die Nuss mit dem Absatz und ziehe mich rückwärts zurück.

Die Krähe beobachtet mich.

Also wende ich mich ab und gehe weiter.

Nach zehn Metern sehe ich nach hinten, und die Krähe frisst die Nuss jetzt, behält mich aber sicherheitshalber im Auge.

Geniale Viecher!


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English summary for foreign readers: In the park, a crow just asked me to crack the walnut she found by throwing it at my feet. I did, and she ate it. Incredible critters!

Freitag, 16. Dezember 2016

Bald geht's uns allen total gut!

Auf der Website von Fischer Tor ist noch nichts zu finden, aber da der Titel bei Amazon bereits angekündigt wird, halte ich mich nicht länger zurück, euch auf dieses von mir übersetzte Kleinod aufmerksam zu machen:


Die preisgekrönte Horrornovelle von Daryl Gregory erscheint im Februar, und zwar als E-Book.

Werbetext

Harrison ist ein Geisterjäger mit Schlafproblemen. Stan wurde einmal – zur Hälfte – von einer Gruppe Kannibalen verspeist. Barbara hatte eine unangenehme Begegnung mit dem Scrimshander, der ihr eine sehr persönliche Botschaft in die Knochen geritzt hat. Ob Greta nur ein wenig mysteriös oder eine Massenmörderin ist, weiß niemand mit Bestimmtheit. Und Martin? Martin nimmt seine Sonnenbrille nicht ab. Nie.
›Uns geht’s allen total gut‹ von Daryl Gregory ist nicht nur ein sehr, sehr furchteinflößender Horror-Roman, sondern auch unfassbar komisch. Phantastisches Lesefutter für einen langen, einsamen Abend – ein Buch, das einen, so oder so, um den Schlaf bringt.
Joe R. Lansdale schreibt: »Daryl Gregorys ›Uns geht's allen total gut‹ ist einfach der Hammer. Absolut strange und ein wenig irre, wie ein Motorradsprung durch einen brennenden Reifen – mit nacktem Hinterteil. Loved it.«

Das Tollste an dem Buch ist seine Struktur: Es spielt um eine therapeutische Selbsthilfegruppe von Leuten herum, die Übersinnliches überlebt haben; viele Szenen sind wie ein Kammerspiel im Gruppenraum. Wer sich schon immer gefragt hat, was später aus den Leuten wird, die am Ende eines Horrorfilms noch leben, findet hier Antworten. Und die sind ebenso lustig wie traurig wie gruselig.

Ein verdienter World Fantasy Award 2015!


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English summary for foreign readers: My translation of Daryl Gregory's horror gem WE ARE ALL COMPLETELY FINE will hit the German ebookstores in February.

Freitag, 9. Dezember 2016

Weihnachtsrummel

Doch, ich springe immer gerne auf das Weihnachtskarussell.

Einmummeln. Reif im Bart. Schlitten vom Hängeboden holen. Adventslagerfeuer auf dem Bauspielplatz. Glühwein. Auf ausgedehnten Einkaufsbummeln nach Weihnachtsgeschenken stöbern. "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" gucken. Noch ein Adventslagerfeuer auf dem Bauspielplatz. Immer wieder einmummeln. Eiskratzen. Eislaufen gehen. Glühwein. Blasen vom Eislaufen pflegen. Den weltbesten Stollen meiner Mutter futtern. Kaffee trinken. Die weltbesten Plätzchen meiner Schwiegermutter futtern. Geschenke einpacken. Geschmückten Weihnachtsbaum bewundern. Geschenke auspacken. Adventskranz fast abfackeln. Mit einem Glas geschenktem Rotwein in den Büchergeschenken schmökern. "Wunder einer Winternacht" gucken, am besten mit der ganzen Bande. Grünkohl futtern. Die Weihnachtsgans meiner Eltern futtern. Brettspiele spielen. Abends in der molligen Wohnung sitzen und in die sich drehende Weihnachtspyramide gucken und träumen.



Ja. Mag ich. Sehr.

Überhaupt die Zeit zwischen den Jahren.

Genießen wir sie, so gut wir irgend können! Irgendwann wird ein Jahr unser letztes sein.


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("Weihnachtsrummel" und Foto: alter Blogeintrag aus dem Dezember 2010, der mir noch zu schade zum Löschen war)


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English summary for foreign readers: I really like Advent season. I really do. And the time between Christmas and New Year, too!

Freitag, 2. Dezember 2016

Horrorgeschichte kommt gut an


SAG NIE IHREN NAMEN von James Dawson hat, wie ich hier im März schon schrieb, drei Auflagen in der Klappenbroschur erreicht.

In der neuen Carlsen-Vorschau, die eben eintrudelte, wird auch eine Zahl genannt: 12.000 verkaufte Exemplare. Das freut diesen Übersetzer hier!

Kein Wunder, dass nun im September 2017 auch noch eine Taschenbuchausgabe erscheinen wird - dann unter James' neuem Vornamen Juno.

  • Mehr zum Buch, auch eine Leseprobe, beim Verlag
  • Sämtliche Blogeinträge zu diesem Auftrag hier


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English summary for foreign readers: My German translation of SAY HER NAME by James/Juno Dawson sold 12,000 copies!

Dienstag, 29. November 2016

Hillary Clinton, die "Macht der Bilder" und die "Frauenfeindlichkeit"

Meine Berliner Übersetzerkollegin Nora Lachmann machte neulich auf einen interessanten Gastkommentar in der Zeit zum Scheitern Hillary Clintons aufmerksam:



Interessant und sehr gelungen finde ich den Artikel in seinen chronologischen Details; die Schlussfolgerungen teile ich nicht.

Ich könnte es knapp mit einem Bonmot von Stefan Niggemeier ausdrücken, das sich ebenfalls auf Twitter findet:



Ausführlicher gesprochen: Diejenigen Bilder, die Hillary Clinton meiner Meinung nach entscheidend geschadet haben, bei der breiten Wählerschaft, stammen alle von ihr.

Es sind:

  • die engagierte Streiterin für Frauenrechte, die sich von ihrem Mann erst demütigen ließ und dann mit ihm zusammenblieb - das hat damals keine einzige Frau in meinem Bekanntenkreis verstanden, und es wurde entweder zynisch (mit Machtgründen) oder psychopathologisch interpretiert;
  • die Außenministerin, die sich weigerte, politische Verantwortung für Bengasi zu übernehmen - es sind Minister aus deutlich schadensärmeren Gründen zurückgetreten. Und statt die Kritik der Republikaner dann wenigstens auszusitzen, rechtfertigt sie sich noch zwei Jahre später in ihrer zweiten Autobiografie auf Aberdutzenden von Seiten;
  • die Gesunde und Fitte, die öffentlich zusammenbricht - hier wurde argumentiert, dass es ja auch schon Männern so ergangen wäre, gerade mit Lungenentzündungen. Der Punkt ist, dass diese aber praktisch nie öffentlich zusammengebrochen sind; deren Selbstinszenierung hat gehalten.

Was unterm Strich die These betrifft, dass Hillary Clinton an weitverbreiteter Frauenfeindlichkeit gescheitert ist, so stimmt natürlich, dass die Neurechte extrem frauenfeindlich rumgekeift hat.

Aber so unangenehm groß die Neurechte tut, sie ist eine Minderheit.

Und Frauen in obersten Regierungsämtern sind nun wirklich nichts Neues mehr auf dem Globus. Warum sollte das Geschlecht ausgerechnet in den USA, die schon 1933 einen Rollstuhlfahrer und vor acht Jahren einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt haben, ein Problem darstellen?

Als das Gallup-Institut 1999 die US-Bürger fragte, ob sie eine ansonsten gut qualifizierte Person ins höchste Amt wählen würden, wenn es sich um eine Frau handelte, gaben 96 Prozent ja an*. Die höchste Kategorie überhaupt. Haben die alle gelogen?

Ich bezweifle es.

Und sobald einmal eine Frau antritt, deren Persönlichkeit weniger "hakelig" ist, sagen wir eine Frau vom Format Madeleine Albright (erste Außenministerin, demokratisch, 1997-2001)** oder Condoleezza Rice (erste schwarze Außenministerin, republikanisch, 2005-2009, davor Nationale Sicherheitsberaterin), wird diese auch gewählt werden; da bin ich ganz sicher.



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* Richard Dawkins, DER GOTTESWAHN, Ullstein Taschenbuch, 5. Auflage 2009, S. 16
** Sie dürften die Teilnehmer an der Gallup-Studie bei ihrer Antwort vor Augen gehabt haben. 

Montag, 21. November 2016

Wie mir Winston Churchill auf einen Schlag unsere ganzen Putinversteher erklärte

... und zwar linke wie rechte:

"Auf den Deutschen ruht eine immense Verantwortung für ihre Unterwürfigkeit unter den barbarischen Gedanken der Autokratie. Dies ist die Hauptbeschwerde der Geschichte gegen sie - dass sie trotz ihrer Intelligenz und ihres Mutes die Macht anbeten und sich an der Nase herumführen lassen."

aus: "The Ex-Kaiser", 1930; zitiert nach Kielinger, S. 211/212

Henry Kissinger hat zu unseren Putinverstehern/NATO-Kopfschüttlern auch noch was zu sagen:

"Wenn die Erhaltung des Friedens - Frieden gedacht als Verhinderung des Krieges - oberstes Ziel eines Staates oder einer Staatengruppe [ist], [hängt] das Schicksal des internationalen Systems von dem rücksichtslosesten Mitglied der internationalen Gemeinschaft ab."

aus: "A World Restored", 1957; ebenfalls zitiert nach Kielinger, S. 223


Mittwoch, 16. November 2016

... und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte

"Auf den Gerechten fällt der Regen,
auch auf den ungerechten Mann.
Vor allem auf den Gerechten, wegen
Des Schirms, den ihm der andre nahm."

- Charles Bowen


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Quelle: Richard Dawkins, DER GOTTESWAHN (GB 2006), Ullstein 5. Auflage 2009, S. 476

Montag, 7. November 2016

Lese ich gerade zum zweiten Mal und könnte dutzendweise daraus zitieren

"Durch das Versprechen des Märtyrerparadieses vor der Angst geschützt, verdient der echte Gläubige in der Geschichte der Waffenentwicklung einen Ehrenplatz gleich neben Langbogen, Schlachtross, Panzer und Streubombe."

- Richard Dawkins, DER GOTTESWAHN (GB 2006), Seite 429



"Das Christentum lehrt ebenso nachdrücklich wie der Islam, dass unhinterfragter Glaube eine Tugend ist. Man braucht für das, was man glaubt, keine Begründung. Wenn jemand verkündet, dieses oder jenes gehöre zu seinem Glauben, ist die gesamte Gesellschaft - unabhängig davon, ob sie demselben Glauben angehört oder nicht - aufgrund einer tief verwurzelten Sitte dazu verpflichtet, dies ohne weitere Fragen zu 'respektieren'; es wird respektiert, bis es seinen Ausdruck eines Tages in einem entsetzlichen Blutbad findet [...] Dann setzt auf einmal der große Chor der Distanzierer ein: Geistliche und 'Führer von Gemeinschaften' [...] erklären reihenweise, der Extremismus sei eine Perversion des 'wahren' Glaubens. Aber wie kann es eine Perversion des Glaubens geben, wenn der Glaube selbst, dem ja die objektive Rechtfertigung fehlt, gar keine handfesten Maßstäbe besitzt, die man pervertieren könnte?"

- ebenda, Seite 428

"Da jeder neuen Kindergeneration beigebracht wird, religiöse Vorschriften müssten nicht wie alle anderen Regeln gerechtfertigt werden, ist die Zivilisation immer noch von den Armeen des Absurden belagert. Noch heute bringen wir uns wegen antiker Literatur um."

- Sam Harris


Dienstag, 25. Oktober 2016

Längst im Buchhandel: Christina Diaz Gonzalez, MOVING TARGET - DIE SPUR DER GEJAGTEN


Seit zwei Monaten ist meine aktuelle Übersetzung jetzt im Handel - wollen wir mal schauen, was die Amazon-Leserschaft so zum Stil zu sagen hat, an dem der Böhmert Frank ja nicht ganz unschuldig ist?

Na, und ob wir mal schauen wollen!

"Die Sprache ist natürlich jugendbuch-mäßig eher einfach gehalten, aber ich finde, dass sie auch älteren Lesern schöne Lesestunden bescheren kann." (CabotCove)

"Den Erzählstil der Autorin fand ich sehr angenehm" (Strandkrabbe)

"Christina Diaz Gonzalez hat schon mehre Preise für ihre Werke erhalten und man merkt schnell, das Diese ihr zu recht gegeben wurden. Die Geschichte wird in der ersten Person von Cassandra erzählt, und die eher flapsige, unbeschwerte Art stimmt einen schnell ein, weiter zu lesen." (Michael Reinsch)

"Die Sprache ist sehr gelungen, man nimmt der Figur ab, dass sie eine Jugendliche ist ;-)" (Carla)

"Die Sprache ist verständlich und modern, aber dennoch nicht zu einfach." (Nefret)

"locker und leicht zu lesen" (Stefanie K.)

"Schreibstil für ein Jugendbuch angemessen, wenngleich dieser zu Anfang gewöhnungsbedürftig ist" (Karlheinz)

Na, da kann ich doch zufrieden sein!

Am zweiten Band sitze ich übrigens gerade.

  • Mehr, auch eine Leseprobe, beim Verlag
  • Sämtliche Blogeinträge zur Arbeit an der Übersetzung hier


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English summary for foreign readers: German readers like the style of MOVING TARGET by Christina Diaz Gonzalez and her translator, yours truly.

Samstag, 15. Oktober 2016

SCHÖN SCHÖNER TOT von Roxanne St. Claire jetzt in der zweiten Auflage

Die Taschenbuchausgabe meiner Übersetzung dieses Jugendbuchthrillers ist gerade in die zweite Auflage gegangen.


Umschlagtext

"Wer? Wer ist gestorben, Mom?"
"Jemand namens Chloe."
"Chloe Batista." Ich krächze ihren Namen.
"Kennst du sie?"
"Sie ist ..." O Gott. Die Zweite.
Und ich bin die Fünfte.

Kenzie ist ein Latein-Nerd, schlau, ehrgeizig - und auf der Liste der zehn heißesten Mädchen der Schule! Sie versteht die Welt nicht mehr. Die Partyeinladungen häufen sich, alle wollen mit ihr befreundet sein und gleich zwei süße Jungs flirten mit ihr. Doch dann passieren mysteriöse Unfälle. Das erste Mädchen auf der Liste stirbt ... kurz darauf Nummer zwei. Alles nur Zufälle? Oder ein düsterer Fluch? Für Kenzie beginnt ein mörderischer Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner. Und die Uhr tickt, denn sie ist die Nummer fünf auf der Liste!

Wollen wir mal schauen, was die Amazon-Kunden in letzter Zeit so zum Stil sagen, der ja vom Übersetzer mitverschuldet ist?

"leicht und flüssig zu lesen" (Saika84)

"liest sich sehr gut" (Lesefieber-Buchpost)

  • Mehr, auch eine Leseprobe, bei Carlsen
  • Die gebündelten Blogeinträge zu meiner Übersetzung hier


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English summary for foreign readers: My translation of Roxanne St. Claire's THEY ALL FALL DOWN just went into second printing.

Freitag, 7. Oktober 2016

Musiktipps für einen befreundeten Buchhändler, die ich ebenso gut online stellen kann [aktualisiert]

Es geht um freakige Musik im Geist der 1960er Jahre.

Aus Germany, genauer Dresden, die prächtigen Wucan, die gerade auch live überzeugen:



Aus Schweden die nicht mehr ganz so jungen Root Rocker mit dem passenden Namen, Siena Root:



Bei diesem Konzert im Bassy war ich selbst dabei. Der Gesang kommt auf dem Video nicht so gut raus, dafür erkennt man gut das geschmeidige Zusammenspiel der Band.

Und zu guter Letzt die SEHR freakigen Beardfish, die sich im vergangenen Sommer leider aufgelöst haben, ebenfalls from Sweden:



Alle drei Bands habe ich schon mehrfach im Konzert genossen, drinnen und draußen.

Dauert gar nicht mehr lange bis zur AFTERPARTY!

Neulich habe ich den Umbruch meiner Übersetzung von Daryl Gregorys AFTERPARTY durchgesehen. Das sah dann so aus:



Diesen Arbeitsschritt zelebriere ich, wie ihr seht, immer gern! Zum ersten Mal lese ich das Geschriebene oder Übersetzte, als wäre es ein fremder Text; ich merke erstmals, wie es mit ein bisschen zeitlichem und "optischem" Abstand auf mich wirkt. Das ist immer wieder ein spannender Moment.

Und Gregory - der Kerl kann einfach schreiben! Hier beispielhaft ein paar coole Sätze:





Wenn ich so einen Roman zum vierten, fünften Mal durchgehe, wirken die witzigen Stellen natürlich nicht mehr witzig; das liegt einfach an der intensiven Beschäftigung damit. Bei AFTERPARTY war aber interessant, dass mich die traurigen Stellen auch bei diesem letzten Durchgang immer noch erwischt haben: Da sitze ich dann mit Tränen in den Augen da und denke: Scheiße, ist das gut!

So cool und locker das Buch auch erzählt ist, einzelne Passagen gehen mir echt an die Nieren.

Entsprechend gespannt bin ich jetzt schon, wie Gregorys Roman auf dem deutschen Markt ankommen wird, wenn er Ende Januar erscheint!



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English summary for foreign readers: My translation of Daryl Gregory's awesome AFTERPARTY will hit the German bookstores at the end of January. I just read the novel for the fifth time and was still enthralled.

Montag, 26. September 2016

Und, sehen wir uns auf dem Buchmessecon?


Am gestrigen Sonntag habe ich meine Fahrt zum BuCon, dem wichtigsten Treff der deutschsprachigen Fantastikszene, organisiert. Die Messe selbst verkneife ich mir auch diesjahr wieder. Genächtigt wird bei Molosovsky; einem unterhaltsamen Wochenende steht also nichts im Weg.

Sagt hallo, falls wir uns über denselben laufen!

Montag, 19. September 2016

Lasst mich mal eben von einem Fantasy-Comic schwärmen!

Das erste Mal aufmerksam auf BRAN von der französischen Texterin Flora Grimaldi und der deutschen Zeichnerin Maike Plenzke wurde ich im April durch die Leseprobe im Alfonz Comicreporter. Dort sprang mir gleich ins Auge, was das hervorstechendste erzählerische Merkmal dieses Comics ist: dass auch das "unwichtige" Dazwischen miterzählt wird.

(Eigenhändiger Scan, Ausschnitt der Leseprobe im Alfonz Comicreporter)

Eine Hauptfigur, die im Freien unter einer Decke übernachtet hat, freut sich, dass es aufgehört hat zu regnen, bringt ihr Feuer wieder in Gang und trinkt etwas Heißes. Uns das zu zeigen, braucht nicht viel Platz, vier Bilder nur; es braucht vor allem ein Bewusstsein dafür.

Und natürlich eine geschickte Hand.

Trotzdem habe ich mir den Comic da noch nicht zugelegt - es gibt einfach zu viele Neuerscheinungen, und ich fange ungern Serien an; zumal ich die meisten wieder abbreche.

Dann aber kam in meinem zweiten Leib-und-Magen-Magazin auch noch eine positive Rezension. Sonja Stöhr schrieb im aktuellen Phantastisch! unter anderem:

"Bran" ist eine kleine Perle. [...] Szenaristin Flora Grimaldi hat ein mittelalterlich anmutendes Inselreich entworfen, in dem grimmsche und keltische Gestalten nur einen Baumstamm entfernt auf die überheblichen, menschlichen Bewohner warten. Plenzkes Zeichnungen lassen diese Welt lebendig, bunt und vielfältig erscheinen

"Kleine Perle", "lebendig" und "vielfältig" - das hat mich endgültig überzeugt.

Und der Comic ist toll. Wer weiß, vielleicht stellen wir mit Band 2 sogar fest, dass sich da eine ganze Perlenkette ankündigt?

Der titelgebende Bran ist ein reichlich unsympathischer Prinz, der mit einem Fluch belegt wird und in der Folge versucht, durch eine Heilerin wieder von ihm befreit zu werden. Klassischer Märchenstoff soweit und damit nicht falsch. Zu etwas Besonderem wird er durch den Erzählton und die Zeichnungen.

Obwohl's auch mal gehörig düster wird und das Team Spaß am Erschaffen bizarrer Wesen hat, atmet der ganze Comic vor allem unglaubliche Lebensfreude. Die Heilerin Macha (nach ihr wird der zweite Band betitelt sein) lässt's sich gutgehen, packt kräftig an, hat ihren Spaß am Schäkern und versteht, auf sich aufzupassen. Sie bewegt sich durch die wilde Welt wirklich wie jemand, der sich dort auskennt. Abgehärtet, aber nicht verhärtet.

Das Ganze kommt weder aseptisch-kunstmärchenhaft noch dark'n'gritty daher, sondern bietet schlicht das Yin-Yang-Gesamtpaket des Lebens in Fantasygestalt.

Wunderbar.

Ganz wunderbar.



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English summary for foreign readers: I really love BRAN, the first comic by German artist Maike Plenzke!

Donnerstag, 8. September 2016

Ein Haiku nach der Gartenarbeit



Meine gesammelten Gedichte gibt's unter EIN COOLER HUND übrigens als E-Book auf den einschlägigen Plattformen. Für zwofuffzich.


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English version for foreign readers:

Montag, 29. August 2016

Daryl Gregorys AFTERPARTY bald auf Deutsch

Ich habe hier noch gar nicht erwähnt, dass die Übersetzung von Daryl Gregorys tollem SF-Roman AFTERPARTY inzwischen fertig ist. Neulich habe ich sogar schon das Lektorat gegengelesen - und auf Twitter freudig aus der Mail des Lektors zitiert:



Derzeit ist das Buch im Satz.

Erscheinen soll es im Januar 2017.

Wollen wir mal die Cover vergleichen?

Hier das Original:


Und hier das deutsche Cover:


Mir gefallen sie beide. Interessant finde ich die farbliche Übereinstimmung.

Vorschautext:

Die gute Nachricht: Gott ist eine Droge.
Die schlechte: Wir sind auf Entzug.

Seit der Smart-Drug-Revolution kann jeder mit Chemjet und Internetverbindung seine Lieblingsdroge einfach zu Hause ausdrucken. Der Hit der Saison: Numen. Wer sich das einwirft, erlebt den ultimativen Trip - und findet seinen ganz persönlichen Gott …
Die Neurochemikerin Lyda, die an der Entwicklung von Numen beteiligt war, versucht verzweifelt, die Ausbreitung der Droge zu verhindern. Schließlich wurde sie selbst davon an den Rand des Wahnsinns getrieben …

Ein längerer Text, ein Interview mit dem Autor sowie eine ausführliche Leseprobe finden sich gedruckt im Tor-Vorschaureader.

Mehr beim Verlag


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English summary for foreign readers: My translation of Daryl Gregory's AFTERPARTY will hit the German bookstores in January.

Montag, 22. August 2016

Die Preisverleihung neulich

... war ein schönes Erlebnis! Es hat gutgetan, vor einem gefüllten Saal zu sitzen und mir die Laudatio auf meine Kurzgeschichte anzuhören - mitzuerleben, wie meine Schreibe abgefeiert wird.

Mein erster Literaturpreis!

Den Scheck zu kriegen, war natürlich auch fein.

Es war zudem sehr erfreulich, den großen Kollegen Andreas Brandhorst kennenzulernen, von dem ich schon als Teenager Romane gelesen habe (Terranauten!) sowie immer mal wieder eine Übersetzung.

Hier ein paar Schlaglichter, die ich neulich gezwitschert habe:



Rechts Ralf Boldt, stellvertretend fürs Preiskomittee. Zwischen uns Martin Stricker, der vor Ralf das Preiskomittee geleitet hat.



Ein inspirierendes Wochenende mit tollen Begegnungen, für das ich Ralf Boldt und seinem Team vom MediKonOne zu danken habe!


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English summary for foreign readers: I really enjoyed getting German SF Prize for Year's Best Story at MediKonOne! It was an honour, and fun.

Montag, 15. August 2016

Michael Moorcocks Dschungelbücher

Wenn der Sommer in Berlin einmal wieder so richtig heiß und dampfig ist, überkommt mich unweigerlich eine eigentümliche Leselaune!




Das Witzige daran ist, dass Moorcocks Bücher ja gar nicht in subtropischen Gegenden spielen - GLORIANA beginnt sogar in einem bitterkalten Londoner Winter. Dennoch atmen sie für mich Dschungelatmosphäre. Das liegt vor allem an ihrer Lebendigkeit, an ihrer Unübersichtlichkeit, an ihren alle Handlung durchdringenden und überwachsenden wildwuchernden Details. Ein Schritt nur führt dich vom Duft des Lebens zum Gestank des Todes, oder auch mal umgekehrt, und was dich in drei, vier Schritten Entfernung erwartet, siehst du nicht.

So wirken Moorcocks Bücher auf mich, und GLORIANA macht da keine Ausnahme.

Gloriana, die "unerfüllte Königin", regiert nach der Schreckensherrschaft ihres Vaters als ein fleischgewordenes Symbol der Friedfertigkeit und Größe Albions. Doch nun droht Krieg, und verschiedene Interessen und persönliche wie gesellschaftliche Traumata erschweren eine Ausgleichspolitik enorm.

Das ist alles komplex und spannend und spitzt sich auch schön dramatisch zu, aber um Handlung geht es mir bei der Lektüre von Moorcock kaum. Die Sprache ist's, die Beschreibung, die Erzählweise. Sie nehmen mich mit, hauchen mich an mit diesem Dschungelatem, hauen mich um.

Das Spektrum reicht von kleinen Aphorismen ...



... über wilde Vergleiche ...



... bis hin zu herrlich absurden, stimmungsvollen Vignetten und Schlenkern innerhalb der Haupthandlung:

Hinter den zugeschnittenen Büschen zur Rechten erscholl ein Schrei, und ein langbeiniges Wesen, dem Anschein nach gepanzert, rannte über den Weg, durch eine weitere Hecke und auf eine Wiese. Die Königin und ihre Damen blieben erschrocken stehen und ihre Verblüffung nahm noch zu, als drei Männer der Palastwache in wehenden Wappenröcken und mit verrutschten Baretten auftauchten, die in wilder Verfolgung der gepanzerten Gestalt hinterherstürzten, die blanken Degen in den Fäusten, während ein gutes Stück hinter ihnen ein keuchender Meister Tolcharde in fleckigem Arbeitskittel in Sicht kam, das Samtbarett in der Hand, und immer wieder rief: "Halt! Wartet! Tut ihm nichts!"

"Meister Tolcharde!"

Die Stimme der Königin brachte den Erfinder stolpernd zum Stillstand und er wandte sich mit einer linkischen Verbeugung den drei Damen zu, während sein Blick noch den Wachsoldaten und ihrer Beute folgte.

"Wer ist das, Sir?" Die Königin war hoheitsvoll, aus Gewohnheit oder vielleicht, um ihre beiden Begleiterinnen zu erheitern. "Wen verfolgen die Leute, Meister Tolcharde?"

Er schnappte nach Luft und versuchte zu sprechen. Er wedelte hilflos mit den Händen, offensichtlich in höchster Not. "Majestät! Eine kleine Adjustierung ... mehr ist nicht nötig. Vergebt mir ..."

"Einer von euren Gehilfen? Ein Gefangener des Than?"

"Nein, Majestät, kein Diener und kein Gehilfe. Ach du meine Güte!" Er war außerstande stillzuhalten und konnte kaum erwarten, die Verfolgung fortzusetzen. Ängstlich und besorgt blickte er immer wieder zu der blitzenden, bunten Gestalt hinüber, die um eine große Eibe rannte, ein Beet mit Stiefmütterchen zertrampelte und einen der Soldaten, der ihr mannhaft den Weg vertrat, über den Haufen warf.

[...]

"Wer ist es, Sir?", fragte die Königin.

"Ein Harlekin, Majestät."

"Ein Komödiant? Was hat er mit Euch zu schaffen?"

"Es ist mein Harlekin, Majestät. Von mir gemacht. Ein mechanisches Geschöpf, Majestät. Ich wollte ihn Euch in einer .... Ich werde ihn Euch später vorführen, Majestät. Ich bitte Euch nur, sagt den Wachen, sie sollen ihn nicht beschädigen. Die Maschinerie ist kompliziert."

"Und leicht durcheinander zu bringen?", fragte die Königin belustigt.

"Gegenwärtig noch, aber das wird in Ordnung gebracht. Wenn Ihr mich nun entschuldigen wollt, Majestät ..."

"Bemüht Euch, nicht den ganzen Garten zu verwüsten, Meister Tolcharde."

Der Erfinder verbeugte sich hastig und dankbar und lief schon weiter, um den Männern der Palastwache zuzurufen: "Halt! Halt! Ihr werdet ihn nur noch mehr beschädigen! Lasst mich nur an den Hebel, dann bleibt er stehen!"

(Seiten 312/313, Deutsch von Walter Brumm und Rainer Michael Rahn)

Falls ihr auf so etwas steht, gönnt euch dieses sehr britische Stück Multiversum! Mir hat es großen Spaß gemacht.

Nun geht der Sommer, und Moorcock verschwindet ein weiteres Mal in meiner Handbibliothek nach unten.

Aber nächstes oder übernächstes Jahr, wenn wieder einmal ein paar heiße und dampfige Berliner Sommertage kommen, schwinge ich mich garantiert irgendwann auf mein Rad und klappere Antiquariate ab*), um das nächste von Moorcocks Dschungelbüchern zu erstehen!


P.S. Hier noch die beste GLORIANA-Titelillustration, die ich gefunden habe; für die russische Neuausgabe. Das Cover von Heyne in der Reihe "Meisterwerke der Fantasy" ist leider nicht so doll.




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*) Wobei die ELRIC-Bücher jetzt tatsächlich auf Deutsch neu aufgelegt werden, bei Mantikore und sogar mit zahlreichem Zusatzmaterial.


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English summary for foreign readers: Michael Moorcock's novels are jungle books for me. I only read them in Summer.

Dienstag, 9. August 2016

Gelesen: Ursula K. LeGuin, PLANET DER HABENICHTSE (USA 1974)

Worum geht's?

Nach einer niedergeschlagenen Revolution durften die Anarchisten zum Mond eines Planeten auswandern. Hundertsechzig Jahre später lebt dort ein Physiker, dessen Ideen nicht geschätzt werden und der daher zum wissenschaftlichen Austausch auf den kapitalistisch-imperialistischen Mutterplaneten zurückkehren will. Diese Reise wird zwei Gesellschaften erschüttern.

Wie ist das Buch geschrieben?

Klar und einfach im Kleinen, komplex im Großen. Mit einem Hauch von Zen.

Was gefiel nicht so?

Die Übersetzung hakelt manchmal - aber so richtig stört mich das nicht, siehe unten.

Was gefiel?

  • die Mehrdeutigkeit dieser Utopie (siehe auch den Untertitel des Originals: "An Ambiguous Utopia")
  • die tollen Männer-, Frauen- und Kindergestalten
  • LeGuins Stil, der sehr dicht an den Dingen dran ist

Gute Stelle?

Das Buch kommt für mich einer Bibel noch am nächsten; da finde ich überall gute Stellen. Nach dem Zufallsprinzip den Daumen reingesteckt - Seite 133, Deutsch von Gisela Stege:

Shevek lachte; Atros Späße belustigten ihn. Aber der Alte meinte es ernst.

So kippt in diesem Buch die Wahrnehmung ständig.

Zu empfehlen?

Aber ja. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher! Als junger Mann habe ich es geradezu als Trostbüchlein genossen, wann immer mir die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, zu groß und zu schmerzhaft war. Dabei kein Traumbuch, sondern sehr konkret, sehr an Widersprüchen interessiert.

Wo aufgestöbert?

Wahrscheinlich schon 1976 die deutsche Erstausgabe in der tollen Taschenbuchabteilung von Karstadt am Hermannplatz damals. Ich besitze aber eine Ausgabe aus den 1980ern:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 351 Seiten. Heyne, München 1989)

Und sonst?

Anlass fürs Wiederlesen war die Leseprobe der Neuübersetzung bei Fischer Tor, die nächstes Jahr unter dem schönen Titel FREIE GEISTER herauskommen wird, der dann endlich die Dostojewski-Anspielung des Originals widerspiegelt (The Dispossessed - The Possessed - Die Besessenen bzw. Böse Geister - Freie Geister).

Ich las diese Leseprobe und hatte große Schwierigkeiten mit dem neuen Sound. Die neue Übersetzung ist bestimmt besser als die alte, aber ich wollte ständig rufen: Halt, das geht so nicht!

Einfach weil ich dieses Buch in seiner alten Fassung über Jahre hinweg passagenweise auswendig konnte.

Das wird eine spannende, nervenzerrende Neulektüre nächstes Jahr! Ich freue mich schon darauf.


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English summary for foreign readers: I've read for the sixth time THE DISPOSSESSED by Ursula K. LeGuin - one of my all-time favourites!

Samstag, 6. August 2016




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English summary for foreign readers: I know you wanna know how my sour cherry liqueur went - it ripened to this nearly black delicacy here!

Donnerstag, 4. August 2016

Gelesen: William L. Shirer, AUFSTIEG UND FALL DES DRITTEN REICHES (USA 1960)

Worum geht's?

Dieser 1000-Seiten-Wälzer war fünfzehn Jahre nach Kriegsende einer der ersten Versuche, den Nationalsozialismus historisch zu fassen.

Wie ist das Buch geschrieben?

Sachlich, der Zeit entsprechend auch mit einer gewissen Knorrigkeit. Politischer Blickwinkel: bürgerlich-liberal. Ergänzt um einen ausführlichen Anmerkungs- und Quellenapparat.

Was gefiel nicht so?

Einige Mutmaßungen oder Darstellungen sind inzwischen von der Forschung widerlegt worden. Aber das versteht sich bei einem solchen Klassiker von selbst.

Beispiel: Georg Elser wird noch als dümmlicher, beschränkter Einzeltäter dargestellt und der Attentatsversuch als mögliche Säuberungsaktion innerhalb der NSDAP. Erst vier Jahre später sind dann Dokumente aufgetaucht, mit denen solche Theorien nicht länger haltbar waren.

Was gefiel?

  • Wie dem sehr um Objektivität bemühten Autor immer mal wieder die Hutschnur platzt und er emotionelle Zwischenbemerkungen à la "(endlich!)" einfügt, ist - bei diesem fürchterlichen Thema - herzerwärmend.
  • Dass der Autor als Zeitzeuge und Journalist die meisten von Hitlers großen Reden selbst im Saal oder vor dem Volksempfänger gehört hat; das Buch enthält viele Berichte aus erster Hand.

Gute Stelle?

Ich habe mir keine notiert. Hier darum die offenherzige Selbstverteidigung des Autors aus dem Vorwort, Deutsch von Wilhelm und Modeste Pferdekamp:

Viele meinen, es sei zu früh, eine Geschichte des Dritten Reiches zu schreiben, und man solle diese Aufgabe einer späteren Generation überlassen, die die Dinge dann aus einem größeren Zeitabstand betrachten könnte. [...]

Diese Ansicht hat viel für sich. Die meisten Historiker warteten fünfzig, hundert oder mehr Jahre, ehe sie über ein Land, über ein Reich, über eine Epoche schrieben. Aber geschah dies nicht hauptsächlich deshalb, weil es solange dauerte, bis die einschlägigen Dokumente, die ihnen das erforderliche Material lieferten, ans Licht kamen? Der Abstand war dann vorhanden. Aber war es nicht auch ein Verlust, daß die Autoren die Atmosphäre und die Gestalten der Epoche, über die sie schrieben, nicht aus persönlichem Erleben kannten?

Im Falle des Dritten Reiches - und das ist ein einzigartiger Fall - stand nach dem Untergang fast das gesamte Dokumentenmaterial zur Verfügung. Es wurde bereichert durch Aussagen aller überlebenden politischen und militärischen Führer, auch derjenigen, die später hingerichtet wurden. Angesichts dieses unvergleichlichen und so bald zugänglichen Quellenmaterials sowie angesichts meiner noch frischen, starken und lebendigen Erinnerung an das Leben im nationalsozialistischen Deutschland, an das Auftreten, das Verhalten und den Charakter seiner führenden Männer, vor allem Adolf Hitlers, beschloß ich, auf alle Fälle den Versuch zu unternehmen, die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Dritten Reiches niederzuschreiben.

Zu empfehlen?

Aber ja! Mir als jemand, der nach der über dreißig Jahre zurückliegenden Schulzeit dann Dutzende Bücher über bestimmte Einzelheiten der NS-Zeit gelesen hat, tat es sehr gut, einmal wieder eine Übersicht zu erhalten - und diese Übersicht hier ist mit tausend Seiten keine oberflächliche!

Wo aufgestöbert?

Dieses Buch hat damals bei den 68ern sehr eingeschlagen und ist entsprechend oft in Lebenserinnerungen oder politischen Sachbüchern erwähnt worden. Das hat mich immer neugieriger gemacht, und schließlich habe ich mir antiquarisch ein Exemplar besorgt.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Lizenzausgabe Komet, 1174 Seiten. Ohne Jahrgang.)

Und sonst?

Hat mich das Buch daran erinnert, dass ich schon lange eine Churchill-Biografie lesen will. Vielleicht diese dort.


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English summary for foreign readers: I've read for the first time the historical classic THE RISE AND FALL OF THE THIRD REICH from 1960 by William L. Shirer. Lacking in some aspects but still a good, readable book!

Freitag, 22. Juli 2016

Mal wieder eine Fanzine-Veröffentlichung

Als ich Ende der 1970er, Anfang der 1980er mit dem Schreiben und Veröffentlichen losgelegt habe, gab es überall Fanzines. Das waren kleine Fan-Magazine, zumeist im A5-Format gedruckt und in dreistelliger Auflage von den Herausgebern persönlich oder per Post vertrieben. Mit dem Aufkommen des Internets und der sozialen Netzwerke hat diese Publikationsform ihr Ende gefunden.

Bis auf ein paar Leute, die sozusagen aus ästhetischen Gründen an der Form festhalten.

In München zum Beispiel sitzt das "Phantastische Quartett", eine Herrenrunde, die sich auf Szenebühnen zusammenfindet, um à la Literarisches Quartett fachmännisch und pointiert über Science Fiction und andere Fantastik zu plaudern. Mit !Alois haben die vier nach !Xaver gerade ihr zweites Fanzine rausgebracht, im klassischen A5-Format, aber mit schicker Gestaltung durch Hardy Kettlitz, der sonst als Allrounder für Golkonda tätig ist.

  • Für ihre Lyrik-Sparte haben sie diesmal eines meiner Gedichte aus dem COOLEN HUND ausgewählt, "Freunde" von 1982.
  • Außerdem habe ich einen kurzen Beitrag für "Perlen der Science Fiction I: Übersetzer-Perlen" geliefert, wo, einige können es sich schon denken, Übersetzer kurz eines ihrer Bücher vorstellen, das ihnen besonders am Herzen liegt.

Mal wieder in einem Fanzine veröffentlicht zu haben, ist mir eine Freude!

Ich zähle nämlich auch zu diesen schrulligen Ästheten, die lieber fröhlich durch ein Printfanzine blättern, als in irgendwelchen Netzwerken durch Postings zu scrollen ...

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Wer wissen möchte, was der gute !Alois sonst noch so bietet, und das sind einige sehr feine Sachen, klicke den Scan an. Unten finden sich auch Bezugspreis und Kontaktmöglichkeit:



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English summary for foreign readers: German print fanzine !Alois just published two texts by yours truly.

Freitag, 15. Juli 2016

Gelesen: Luz, KATHARSIS (F 2015)

Worum geht's?

Der ehemalige Charlie-Hebdo-Zeichner arbeitet sich am Attentat des 7. Januar 2015 ab.

Wie ist das Buch gezeichnet?

Locker, mitunter offen verkrampft. Vielfältig in den zeichnerischen Mitteln, bis hin zur Aquarellmalerei. Zumeist aber schwarzweiß mit Stift oder Feder.

Was gefiel nicht so?

Der Auslöser natürlich. Das Buch ist top.

Was gefiel?

  • Wie offen Luz den Schmerz zeigt, die Symptome einer Traumatisierung
  • Wie oft er es schafft, das Ganze mit Humor zu nehmen
  • Wie er ein Hochlied auf die Kraft der Liebe singt
  • Wie verletzlich und kindlich manche Passagen sind, albern sogar
  • Wie sehr er sich Erklärungen und Rationalisierungen verweigert; er zeigt einfach, was da ist, was mit ihm passiert, wie er sich abstrampelt, ohne das kopfmäßig kontrollieren zu wollen. Das ist wahrer menschlicher Mut. "Naked Angels" nannten die Beat-Autoren solche Leute, nackte Engel. Und lustigerweise ist "Engel" auch der Kosename, den Luz von seiner Freundin erhalten hat.

Gute Stelle?

Seite 70, Luz erzählt dem toten Charb von der Grabrede, die er für ihn gehalten hat. Deutsch von Uli Aumüller und Grete Osterwald:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Erschienen bei S. Fischer)


Da steckt alles drin, was die Charlie-Hebdo-Rasselbande ausmacht: das Politische, das Respektlose, das "unreif" Alberne!

Zu empfehlen?

Aber ja! Verfallt nach dem jeweils aktuellen Terroranschlag nicht in den sozialen Netzwerken in Schockstarre, sondern lest so ein Buch, das die Liebe und die Freiheit feiert!

Und der gute Luz kann jeden Euro brauchen für sein Fest des Lebens und seine geliebte Camille - wenn jeder, der "Charlie" war, so'n Buch kaufen würde, wäre der M'sjö Milljonär, verdammt!

Wo aufgestöbert?

Seit Alfonz darüber berichtet hat, wollte ich mir das zulegen. Nach Luz' "Dankesrede" zum Max-und-Moritz-Preis in der neuen Ausgabe bin ich dann gleich zum Buchladen an der Ecke gezockelt.

Was noch?

Charbs BRIEF AN DIE HEUCHLER will ich demnächst auch noch lesen.


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English summary for foreign readers: Do read CATHARSIS by ex Charlie Hebdo cartoonist Luz! It's sad and it's painful, but it's also a feast of life, and love.

Dienstag, 12. Juli 2016




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English summary for foreign readers: You can work on your novel after calling it a day. Or you can make liqueur from sour cherries and grappa. Hm, liqueur!

Samstag, 9. Juli 2016

Ohne Nachrichtenwert, aber wichtig - und wohltuend

Abt. Geschichten, wie sie viel zu selten weitererzählt werden

Kontext: Nach den tödlichen Schüssen auf zwei Schwarze durch die Polizei und dem Racheakt, bei dem fünf Polizisten erschossen und weitere verletzt wurden

Quelle: Getwittert von K.D. Lang, die wiederum die Facebookseite von Natasha Howell zitiert; übersetzt von mir

NATASHA HOWELL (schwarz) Ich ging also heute früh in einen Laden, um mir einen Proteinriegel zu kaufen. Beim Eintreten fiel mir auf, dass zwei weiße Polizisten (einer in meinem Alter, der andere ein paar Jahre älter) am Tresen standen und sich mit der Kassiererin (einer älteren Weißen) über die Schießereien unterhielten, die in den letzten Tagen passiert sind. Sie sahen mich alle an und verstummten. Ich kümmerte mich um meinen Kram und ging den einen Gang hinunter, und als ich das Gesuchte gefunden hatte und mich wieder umdrehte, stand der ältere Polizist vorn im Gang und sah mich an. Als ich näherkam, fragte er mich, wie es mir ging. "Gut", sagte ich. "Und Ihnen?" Er sah mich an und machte ein komisches Gesicht und fragte: "Wie geht es Ihnen wirklich?" Ich sah ihn an und sagte: "Ich bin müde." Seine Antwort war: "Ich auch." Dann sagte er: "Ist für uns beide zur Zeit nicht leicht, wir zu sein, stimmt's." Ich sagte: "Nein, ist es nicht." Dann umarmte er mich, und ich weinte. Ich hatte diesen Mann noch nie im Leben gesehen. Ich hatte keine Ahnung, was ihn dazu bewegte, mit mir zu reden. Ich weiß aber, dass er und ich heute früh einen Moment teilten, der total schön war. Keine Urteile, keine Rechtfertigungen, einfach nur zwei Menschen, die einen Moment teilten. #Fandeinenmomentderklarheit


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English summary for foreign readers: I translated a piece K.D. Lang twittered into German.

Sonntag, 26. Juni 2016

Die Science Fiction und ich

Diese Woche habe ich mal wieder was geschrieben. Keine Geschichte, sondern einen kurzen Text über die Science Fiction und mich - so wurde das kürzlich angefragt, für das Conbuch des MediKonOne in Oldenburg. Ihr wisst ja, ich bin mehr oder weniger Gelegenheitsschriftsteller.

Also habe ich die Gelegenheit ergriffen, erst ein bisschen in Nostalgie zu machen (welche SF-Romane waren meine ersten, wo habe ich sie gelesen, und was ist dabei mal herrlich Peinliches passiert), um dann der Leserschaft nahezulegen, warum SF was Tolles ist und mich nie ermüdet. Den dritten Punkt von dreien will ich hier mal kurz anreißen.


Natürlich gebe ich bei der Gelegenheit auch ein halbes Dutzend Lesetipps - nichts ist schöner, als die Leute auf Bücher heiß zu machen, die ich richtig gut finde!

Also wenn es um Gespräche über Literatur geht. Ansonsten ist es zum Beispiel schöner, mit so einem guten Buch an einem knallheißen, möchtegerngewittrigen Sommertag im Biergarten zu sitzen, wie ich das heute getan habe.


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English summary for foreign readers: I will be attending MediKonOne in August and wrote a little piece for their con book this week.

Dienstag, 14. Juni 2016

Mal wieder ein Auftritt

In den letzten Jahren bin ich nur noch selten aufgetreten. Das hat sich irgendwie so ergeben. Dafür waren es dann meist spannende, hochkarätige Termine. Ich erinnere mich noch gern an den ebenso seltsamen wie schönen Auftritt auf dem Burg-Herzberg-Festival 2009 zurück, wo ich zur Freak City Band den Michael Moorcock gegeben und kurze Science-Fiction-Texte in die Musik gesprochen habe. Oder an das Liveübersetzen auf der Frankfurter Buchmesse 2013, das an sich schon spannend genug gewesen wäre, wo wir dann aber wegen eines Technikausfalls heftig improvisieren mussten.

Nun kann ich wieder mal einen Auftritt vermelden, den ersten, vielleicht einzigen für dieses Jahr. Ich werde es mir nämlich gönnen, meinen Deutschen SF-Preis auf dem MediKonOne persönlich entgegenzunehmen.


Will ja schließlich die Laudatio hören! Die Preisverleihung wird mit einer Lesung verbunden sein. Ob noch mehr passiert, wird sich zeigen; das zurrt sich alles erst fest.

Wie man hört, wird auch Andreas Brandhorst, der Sieger in der Sparte Roman, seinen Preis persönlich entgegennehmen.

Wenn ihr also am zweiten Augustwochenende in Oldenburg seid, würde es mich freuen, euch die Hand zu schütteln!


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English summary for foreign readers: I will be attending MediKonOne in Oldenburg to grab my German SF Award. Say hi if you're there!

Dienstag, 7. Juni 2016

Demnächst: Christina Diaz Gonzalez, MOVING TARGET - DIE SPUR DER GEJAGTEN

Neulich trudelte das Vorabexemplar meiner letzten Übersetzung ein:


Ist schön geworden, oder?

Umschlagtext

Cassandras Leben ändert sich für immer, als ihr Vater auf offener Straße niedergeschossen wird. Mit letzter Kraft flüstert er ihr zu, dass sie in einem nahe gelegenen Kloster Zuflucht suchen soll. Der alte Mönch Gregorio eröffnet Cassie jedoch, dass sie zu den letzten Nachfahren einer geheimen Blutlinie gehört und den verschollenen Speer des Schicksals beschützen muss. Mit diesem sagenumwobenen Artefakt ist Cassie als Einzige dazu in der Lage, die Zukunft zu beeinflussen - ein Segen, aber auch ein Fluch, denn das Jagdfieber anderer ist geweckt. Verfolgt von Unbekannten begibt sich Cassie auf die gefährliche Suche nach dem Speer, der das Leben ihrer Familie, ihrer Freunde und ihrer Welt für immer verändern könnte!

Das temporeiche, farbige Buch, das gerade für den Latino Book Award nominiert worden ist und dessen Übersetzung mir großen Spaß gemacht hat, erscheint Mitte August beim Thienemann-Esslinger-Imprint PLANET!; dort könnt ihr auch schon mal in die Geschichte reinlesen.


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English summary for foreign readers: I've translated MOVING TARGET by Christina Diaz Gonzalez. It will hit the German bookstores in August.

Mittwoch, 1. Juni 2016

Jetzt als E-Book: EIN ABEND BEIM CHINESEN

Im Zuge des Deutschen SF-Preises für meine Story "Operation Gnadenakt" hat p.machinery meine im Print vergriffene Sammlung mit den besten Geschichten der Jahre 1981 bis 2009 jetzt erstmals als E-Book herausgebracht:


Sehr erfreulich!

Mit knapp 4 Euro seid ihr dabei, beim Anbieter eures Vertrauens.

Das Gleiche gilt für die Gedichte:



Da seid ihr mit knapp zweifuffzich dabei.

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English summary for foreign readers: After I won German SF Award for my last story, one of my publishers just made e-book version of out-of-print collection EIN ABEND BEIM CHINESEN (2009, Eating Chinese) with my best stories from nearly thirty years. Also for the first time in e-book: the collected poems EIN COOLER HUND (2011, One Cool Dog).

Sonntag, 29. Mai 2016

Das war TOLL!

Es ist schon eine Woche her, und ich finde gerade keine Zeit zum Bloggen, aber ich will es wenigstens kurz vermelden:



Dass wir da zu fünfzehnt beim Grillen und am Lagerfeuer meinen Deutschen SF-Preis gefeiert haben, war ein Geschenk von der unbezahlbaren Sorte.

Wenn ihr mehr wissen wollt, geht rüber zu Lapismont.

Montag, 23. Mai 2016

SCHÖN SCHÖNER TOT jetzt auch als Taschenbuch

Meine Übersetzung von Roxanne St. Claires Jugendbuch-Thriller ist neulich auch in einer Taschenbuchausgabe erschienen:

(Quelle: Carlsen)

Umschlagtext

"Wer? Wer ist gestorben, Mom?"

"Jemand namens Chloe."

"Chloe Batista." Ich krächze ihren Namen.

"Kennst du sie?"

"Sie ist ..." O Gott. Die Zweite.

Und ich bin die Fünfte.

Kenzie ist ein Latein-Nerd, schlau, ehrgeizig - und auf der Liste der zehn heißesten Mädchen der Schule! Sie versteht die Welt nicht mehr. Die Party-Einladungen häufen sich, alle wollen mit ihr befreundet sein und gleich zwei süße Jungs flirten mit ihr. Doch dann passieren mysteriöse Unfälle. Das erste Mädchen der Liste stirbt ... kurz darauf Nummer zwei. Alles nur Zufälle? Oder ein düsterer Fluch? Für Kenzie beginnt ein mörderischer Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner. Und die Uhr tickt, denn sie ist die Nummer fünf auf der Liste!

Wollen wir mal schauen, was die Leserschaft auf Amazon zum Stil, an dem der Übersetzer ja nicht ganz unschuldig ist, zu sagen hat?

"sehr gut und schnell zu lesen" (leseratte)

"leicht zu lesen" (Katrin Jansen)

"spitzenklasse geschrieben" (Amazon Kunde)

"Der Schreibstil transportiert diese Spannung stellenweise doch ganz gut und lässt sich sehr flüssig und einfach lesen." (lapancho)

"Der Schreibstil hat es mir sofort angetan. Flüssig, spannend, jung und abwechslungsreich" (Samy86)

"sehr flüssig zu lesen" (N Bercht)

Mir hat die Übersetzung letztes Jahr großen Spaß gemacht.


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English summary for foreign readers: My German translation of THEY ALL FALL DOWN by Roxanne St. Claire now out as a paperback

Dienstag, 17. Mai 2016

Mein erster Preis

Mit fünfzehn Jahren beschloss ich, Schriftsteller zu werden.

Mit einunddreißig Jahren hörte ich auf, anderweitig mein Geld zu verdienen, und lebe seitdem von der Textarbeit, hauptsächlich Übersetzungen.

Jetzt, mit vierundfünfzig Jahren, bekam ich zum ersten Mal einen Literaturpreis.

Da ich es über Twitter erfuhr, könnt ihr nachlesen, wie es mir in dem Moment ging:




Voll der abgeklärte alte Hase, der Böhmert.

Hier die offizielle Pressemitteilung:

Das Komitee zur Vergabe des Deutschen Science-Fiction-Preises freut sich, die Preisträger des DSFP 2016 bekanntzugeben. Für den DSFP 2016 sind alle im Original in deutscher Sprache im Jahr 2015 erstmals in gedruckter Form erschienenen Texte des Literaturgenres Science-Fiction relevant.

Der Deutsche Science-Fiction-Preis 2016 wird am Samstag, den 13.08.2016, auf dem MediKonOne dem JahresCon des Science Fiction Club Deutschland e.V., in Oldenburg vergeben. Der DSFP ist mit 1.000 Euro je Kategorie dotiert.

Das Komitee beglückwünscht die Preisträger und Platzierten zu ihrem Erfolg und bedankt sich bei den Herausgebern und Lektoren, den Verlagen und ihren Mitarbeitern für die Unterstützung der deutschsprachigen Science-Fiction. Besonderer Dank gilt den Autoren und Verlagen, die die Arbeit des Komitees durch Überlassung von Leseexemplaren unterstützt haben.

Kategorie »Beste deutschsprachige Kurzgeschichte«

Der Deutsche Science-Fiction-Preis 2016 für die beste Kurzgeschichte geht an:

»Operation Gnadenakt« von Frank Böhmert. In: phantastisch 57. Atlantis-Verlag. Ausgabe 1/2015. ISSN 1616-8437

Die weiteren Platzierungen:

»Der heilige Wasserabsperrhahn« von Uwe Hermann. In »Das Amt für versäumte Ausgaben: Kurzgeschichten - Band 4«. Createspace 2015. ISBN 978-1-517-55210-7

»Tremolo« von Gabriele Behrend. In: NOVA 23. Amrun-Verlag. 06/2015. ISSN 1864-2829

»Le Roi est mort, vive le Roi!« von Guido Seifert. In: NOVA 23. Amrun-Verlag. 06/2015. ISSN 1864-2829

»Der Zwillingsfaktor« von Christian Weis. In: Exodus 33. 09/2015. ISSN 1860-675X

»Ein glücklicherer Ort« von Boris Koch. In: Exodus 33. 09/2015. ISSN 1860-675X

»Diese verdammten Alienzombieroboterviecher« von Frank Lauenroth. In: »Die Magnetische Stadt: 2014 Collection of Science Fiction Stories«. Verlag für Moderne Phantastik, Radeberg 2015, ISBN 978-3-98169-295-2.

»Shamané« von Norbert Stöbe. In NOVA 23. Amrun-Verlag. 06/2015. ISSN 1864-2829.

Kategorie »Bester deutschsprachiger Roman«

Der Deutsche Science-Fiction-Preis 2016 für den besten Roman geht an:

»Das Schiff« von Andreas Brandhorst. Piper 2015. 544 Seiten. ISBN: 978-3-49270-358-1

Die weiteren Platzierungen:

»Meran« von Dirk van den Boom. Atlantis Verlag 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-86402-282-1

»Paradox« von Phillip P. Peterson. Bastei Lübbe 2015. 478 Seiten. ISBN 978-3-404-20843-2

»Feuer am Fuß: Die Maeva-Trilogie 3« von Dirk C. Fleck. p.machinery 2015. 356 Seiten. ISBN: 978-3-95765-037-5

»Das Licht von Duino« von Frank W. Haubold. Atlantis Verlag 2015. 450 Seiten. ISBN 978-3-86402-274-6

Kleefeld den 16. Mai 2016

Für das Komitee zur Vergabe des Deutschen Science-Fiction Preises

Ralf Boldt

Vorsitzender

  • Mehr zum Deutschen Science-Fiction-Preis findet ihr dort, und
  • das Magazin mit der Story könnt ihr gedruckt beim Verlag und als E-Book bei Beam erstehen.


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English summary for foreign readers: My story "Operation Gnadenakt" (Operation Act of Grace) about a secret US army project after the fall of Nazi Germany just won the German Science Fiction Prize for best short story. Yay!

Montag, 9. Mai 2016

Icke auf Holländisch

Neulich trudelte hier eine nette Überraschung ein:


DIE RATTEN DER JERSEY CITY ist nicht nur ein bei den deutschen Fans sehr beliebter Perry-Rhodan-Roman, sondern wahrscheinlich auch mein gelungenster Gastbeitrag. DIE STERNENHORCHER mag ich am liebsten, aber auf die RATTEN bin ich am stolzesten - und das, obwohl ich am Ende des Schreibens damals so ausgepowert war, dass mir der geplagte Chefredakteur die letzten Kapitel kurz vor Drucklegung seitenweise aus der Nase ziehen musste.

Was finde ich selber so toll an der Geschichte?

Der inzwischen verstorbene Exposéautor Robert Feldhoff hatte sie als Tragödie angelegt, und ich hab die Schraube damals noch einen Tick weitergedreht, indem ich der Leserschaft von Anfang an klargemacht habe, dass diese Geschichte böse ausgehen wird und sie den Helden nur dabei wird zusehen können, wie sie sich vergeblich abstrampeln, um am Leben zu bleiben.

In Kapitel 1 lernen wir die eine Hauptfigur kennen, eine Soldatin auf dem Schlachtschiff JERSEY CITY, die irgendeine noch unklare persönliche Krise hat und trotz offensichtlich guter Leistungen zur Insubordination neigt.

Kapitel 2 dann liefert das Ende:

Aus einem vorläufigen Bericht an Reginald Bull zu den Vorkommnissen um den Untergang der JERSEY CITY:

Der Residenz-Minister für Verteidigung erbat eine möglichst rasche chronologische Aufzeichnung der Ereignisse vom 8. April des Jahres, um kurzfristig eventuelle Sicherheitslücken schließen zu können. Lasst mich vorab - und mit Bedauern vorgebracht! - meine Überzeugung ausdrücken, dass

a) sich eine solche Katastrophe in naher Zukunft nicht vollständig wird vermeiden lassen können, weil davon auszugehen ist, dass die entscheidenden Handlungen und Umkehrpunkte weit vor Eindringen der JERSEY CITY in die Charon-Wolke stattfanden, und

b) die mehr als mangelhafte Faktenlage uns weder jetzt noch in Zukunft gestatten wird, zweifelsfrei feststellen zu können, welche Faktoren für den Untergang der JERSEY CITY und damit für die vorübergehende Gefährdung des terranischen Stützpunkts auf Jonathon ausschlaggebend gewesen sind. Der Interpretationsmöglichkeiten sind viele, bis hin zu einem Eindringversuch seitens der Chaosmächte, aber der entscheidende Punkt ist: Wir wissen nicht auch nur ansatzweise, was sich an Bord der JERSEY CITY auf dem Weg nach Charon abgespielt hat - und was genau dort vor sich ging, als die JERSEY CITY im Luftraum von Jonathon ihre merkwürdigen Manöver ausführte, die enorme Verheerungen des örtlichen Ökosystems zur Folge hatte. Ich wiederhole: Wir wissen es nicht, und wir werden es auch nie wissen.

Zum Hergang, chronologisch:

Am 7. April 1345 NGZ erreichte die JERSEY CITY, ein LFT-Schlachtschiff der APOLLO-Klasse, offensichtlich zum verabredeten Zeitpunkt den geheimen Treffpunkt an der Charon-Schranke. Dort wurde wie geplant die Strukturdolbe PIKARU angedockt, Kommandant: Kango Au'Deran (Charonii, maSgW verstorben). Von den Charonii überlassene Aufzeichnungen des Funkverkehrs lassen lediglich den Schluss zu, dass zu diesem Zeitpunkt keine besonderen Vorkommnisse an Bord des Schlachtschiffes erkennbar waren.

Als diensthabender Kommandant der JERSEY CITY wird in den Protokollen Flor Langer (Terraner, 26 Dienstjahre, maSgW verstorben) genannt; dies entspricht den Angaben der Mannschaftsliste, nicht jedoch den ursprünglichen Dienstplänen, denen zufolge Kommandant Langer am 7. April zwei Freischichten gehabt hätte. Da Kommandant Langer bei seinen Untergebenen einen väterlichen Ruf genossen hat und als ebenso neugierig wie verantwortungsbewusst galt, steht zu vermuten, dass er sich nachträglich für den 7. April eingetragen hat, um den Durchflug des Strukturgestöbers selbst zu befehligen.

Kurz vor Eindringen in das Gestöber meldeten Aufklärer der Charonii das Auftauchen mehrerer Traitanks; jedoch war die JERSEY CITY offensichtlich nie in Gefahr, da das feindliche Geschwader in zu großer Entfernung materialisierte, um den Einflug noch verhindern zu können.

Nach einem Tag Flug erreichte die JERSEY CITY am 8. April Jonathon und wurde vom Kontrollzentrum zum Anflug des Raumhafens Photon-City angewiesen. Auch hier wurde als diensthabender Kommandant Flor Langer gemeldet, ohne besondere Vorkommnisse (siehe Protokollzelle).

Dem widerspricht eine offensichtlich automatisch abgesandte Meldung, die nach Austritt aus dem Strukturgestöber vom Kommandanten der Strukturdolbe an seine Vorgesetzten gemacht wurde. Darin heißt es, an Bord der JERSEY CITY sei eine Seuche ausgebrochen, die einen direkten Kontakt zwischen terranischer Besatzung und Charonii verbiete. Bezeichnung der Krankheit nach Charonii-Angaben: Weit-Reise-Fleck-heiß - mutmaßlich durch Mehrfachübersetzung verstümmelt. Eine Aufzeichnung der Originalaussage vermutlich von Seiten Kommandant Langers liegt bedauerlicherweise nicht vor. (Eine Anfrage an die Herkunftshäfen der JERSEY CITY bezüglich Ansteckungsgefahr wurde getätigt, Antworten stehen noch aus.)

Jedenfalls wäre diese unbekannte Seuche eine Erklärung dafür, dass die Kommunikation vor und innerhalb der Charon-Wolke allein durch Kommandant Langer getätigt wurde. Über den Zustand der Besatzung zu diesem Zeitpunkt ist nichts bekannt.

Damit sind auf Seite 6 von 59 die Fakten auf dem Tisch - nun geht es nur noch darum, ob sie stimmen beziehungsweise was sie zu bedeuten haben.

Jawoll, auf diesen Kniff - und auf einiges mehr - bin ich auch nach zehn Jahren noch stolz!

  • Mehr zum Roman, der sich auch für Nicht-Perry-Leser eignet, beim Verlag


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English summary for foreign readers: DIE RATTEN DER JERSEY CITY (Rats of the Jersey City), probably my best Perry Rhodan novel, just came out in the Netherlands as DE RATTEN VAN DE JERSEY CITY.

Freitag, 6. Mai 2016

Neulich beim SF-Dinner

... erklärte uns Stargast Dirk van den Boom, dass es Lektüre gäbe, die sei "unter meinem Niveau". Hier das Gesicht, dass er dabei machte:

(Böhmert und Boom im Mirchi Kreuzberg, Foto: Ralf Steinberg)

Wenn er so weitermacht, kommt er noch ins Feuilleton!


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English summary for foreign readers: At last Berlin SF Dinner, author Dirk van den Boom, notorious for his maxim "Good sf needs aliens, spaceships and tits", talked about certain books not meeting his level. Bloody hell, is he trying to get into arts section?

Dienstag, 3. Mai 2016

Noch ein paar Worte zur Feuilleton"diskussion"


Am 21. und 22. April fand in Köln das erste Branchentreffen des neugegründeten Autorenverbands PAN statt.

Ich bin in den 1980ern so schnell in den Verband deutscher Schriftsteller eingetreten, wie der mich überhaupt aufnehmen konnte, und halte entsprechend wenig von solchen kleinen, durch ihre Spezialisierung zwangsläufig zum Provinziellen neigenden "Berufsverbänden".

Nein, das ist kein Vorurteil - sondern eine seit dreißig Jahren, in denen ich mich stets sowohl in der allgemeinen Literatur als auch in diversen Genres getummelt habe, immer wieder bestätigte Meinung.

Trotzdem war ich neugierig und habe am bezeichneten Wochenende mehrmals gespannt verfolgt, was unter dem Hashtag #1stPANBT getwittert wurde. Das hat, so aus der Ferne, Spaß gemacht - zumal erfreulich viele Beteiligte fleißig geschrieben und auch Bilder und sogar gut gemachte Videos geteilt haben!

An einer Stelle, wo es darum ging, warum im Feuilleton "wenn überhaupt, nur US-Autoren besprochen" würden, hat sich mir dann allerdings, wieder einmal, die Stirn gefurcht, und ich habe mich ins Gezwitscher eingeschaltet.



Ich kann das wirklich nicht mehr hören.

Wie gesagt, ich bewege mich seit dreißig Jahren in beiden Szenen. Ich bin sowohl zu Cons gefahren und habe in SF-Magazinen veröffentlicht und einige Perry-Rhodan-Romane geschrieben als auch für meine allgemeine Literatur Stipendien erhalten, Literaturnächte für den Berliner VS mitorganisiert, wo ich auch mal Beisitzer im Vorstand gewesen bin, habe bei Vernissagen und auf Probebühnen gelesen und und und.

In all den Jahren habe ich immer wieder Klagen von Genreautoren erlebt, wie sehr doch die Fantastik vom bösen Feuilleton ignoriert werde.

Hey, das stimmte in dieser Schärfe nicht einmal Ende der 1970er, Anfang der 1980er! Ich war damals Abonnent der SF-NACHRICHTEN bzw später SF-NOTIZEN. Dabei handelte es sich um einen ungefähr 14tägig verschickten Newsletter, in dem Herausgeber Kurt S. Denkena unter anderem dokumentierte, was im Feuilleton über SF/Fantasy/Horror geschrieben wurde. Er hatte in praktisch jeder Ausgabe irgendwelche Zeitungsausschnitte drin, für den Berliner Raum oftmals geliefert von mir.

Leute, die über das ach so ignorante Feuilleton jammerten, kannten - ich brauche es kaum zu sagen - Kuddels Fanzine in der Regel nicht.

Zurück zu #1stPANBT. Auf diese Ignoranz seitens der Genreleute dem Feuilleton und der "Hochliteratur" gegenüber ging ich meinem nächsten Tweet dann auch ein:



Und als jemand dann gänzlich unbeleckt von entsprechendem Wissen behauptete, im Feuilleton fände Fantastik nicht etwa zu wenig oder aus zu hochnäsiger Warte, sondern schlicht und einfach gar nicht statt:



Da wollte ich dann, weil Gegenreden kamen à la dass meine Behauptung nicht stimme, sei doch "offensichtlich", einen Beleg nicht schuldig bleiben:














Dass darauf von Seiten der #1stPANBT-Twitterer dann nicht weiter eingegangen wurde, versteht sich fast von selbst. Die einzigen ernsthaften Gegenreden kamen von Leuten, die selbst Feuilleton lesen und meine Schärfe zu einseitig fanden.

Einen Tag später kaufte ich mir aus anderweitigem Interesse die erste Ausgabe der FAZ-Woche und konnte gleich noch eine Probe aufs Exempel machen:





Soweit also meine Meinung zur Feuilleton"diskussion".

Eine Pointe habe ich auch noch:

Ich bin in meinem Autorenleben bis jetzt - von Kurzmeldungen wie Stipendiatenaufzählungen oder Veranstaltungshinweisen einmal abgesehen - genau zweimal im Feuilleton gewesen.

Einmal in der Berliner Zitty, nicht schlecht, und einmal, hey überregional, im Stern.

Beide Male ausgerechnet mit meinen Romanen für, ta-taa, Perry Rhodan.


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English summary for foreign readers: German sf/fantasy writers often whine newspapers and magazines would ignore the fantastic, but that's not true. What newspapers do ignore, is a) mediocre sf/fantasy b) nobody talks about.