Dienstag, 30. Juni 2015

Gelesen: Saladin Ahmed, THRONE OF THE CRESCENT MOON (USA 2012)

Worum geht's?

Um Zeiten des Umbruchs in einem Schmelztiegel des magischen Orients, wie wir ihn zum Teil aus TAUSENDUNDEINE NACHT kennen. Wir begleiten im Wesentlichen einen Magier, der auf das Jagen von Ungeheuern spezialisiert ist, aber langsam alt wird.

Es handelt sich um den ersten Band eines Zyklus - davon habe ich aber nichts gemerkt; das Buch taugt gut als Einzelroman.

Wie ist das Buch geschrieben?

Farbig, flüssig, mit souveräner Hand

Was gefiel nicht so?

Das Buch beginnt mit einer Folterszene.

Was gefiel?

  • die Vielfalt an Stimmungen
  • der traurige Grundton
  • der Witz
  • die Frische und Farbigkeit
  • die Modernität; das ist kein altertümelndes Buch, sondern der Autor ist sich sehr der heutigen Zeit bewusst
  • die würzige Kürze

Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Hier der Anfang des ersten Kapitels mit der Einführung des alternden Magiers:

Dhamsawaat, King of Cities, Jewel of Abassen
A thousand thousand men pass through and pass in
Packed patchwork of avenues, alleys, and walls
Such bookshops and brothels, such schools and such stalls
I've wed all your streets, made your night air my wife
For he who tires of Dhamsawaat tires of life

Doctor Adoulla Makhslood, the last real ghul hunter in the great city of Dhamsawaat, sighed as he read the lines. His own case, it seemed, was the opposite. He often felt tired of life, but he was not quite done with Dhamsawaat. After threescore and more years on God's great earth, Adoulla found that his beloved birth city was one of the few things he was not tired of. The poetry of Ismi Shihab was another.

Zu empfehlen?

Aber ja! Ich habe das Buch aus Recherche- bzw. Vergleichsgründen angefangen, weil ich ja selbst gerade mit unter anderem einer modernen Variante eines Motivs aus TAUSENDUNDEINE NACHT beschäftigt bin - aber ich habe sehr schnell aus purem Vergnügen weitergelesen.

Dichter hat mich schon lange kein Buch mehr an den knallbunten Spaß herangebracht, den mir als Teenager Fritz Leibers Geschichten um Fafhrd und den Grauen Mauser bereitet haben; zuletzt hatte das Barry Hughart mit DIE BRÜCKE DER VÖGEL geschafft. Ist verdammt lange her.

Wo aufgestöbert?

Während der letzten Frankfurter Buchmesse bei meinem Übernachtungsgastgeber Molosovsky, der mir eine seiner Ausgaben dann gleich geschenkt hat. Ich habe noch in Frankfurt mit der Lektüre angefangen und war binnen weniger Tage durch:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 275 Seiten. Gollancz, London, 2013)

Und sonst?

Könnt ihr euch schon auf die Übersetzung freuen!

Ich hatte das Buch gleich nach der Lektüre dem Heyne-Verlag zur deutschen Veröffentlichung empfohlen und von dort die Rückmeldung bekommen, dass bereits ein Berliner Kollege an der Übersetzung sitzen würde.

Die Vorankündigung für das im Februar 2016 erscheinende, vom wortgewaltigen Simon Weinert ins Deutsche gebrachte Buch findet ihr dort.

(Bildquelle: Heyne)


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English summary for foreign readers: THRONE OF THE CRESCENT MOON by Saladin Ahmed is big fun! Colourful, fluent, written with a sure hand. It brought back the feeling of my teenage happy reading hours with Fritz Leiber's Fafhrd and, as a twen, Barry Hughart's Master Li.

Freitag, 26. Juni 2015

Kurd-Laßwitz-Preis 2015 - die Preisträger

Der Vollständigkeit halber hier auch noch die Ergebnisse des Science-Fiction-Preises der Profis, garniert mit einigen persönlichen Anmerkungen:

Bester Roman
Das wundert mich nicht; der war eigentlich gesetzt, auch wenn ich mich übers Jahr immer wieder mit Leuten unterhalten habe, denen wie mir so ein Near-Future-Krimi, auch wenn er gut geschrieben ist, nicht reichte.

Hier hatte ich mit "Kein Preis" gestimmt und Hillenbrand, Dath und Boldt gesondert als interessant erwähnt - das deckte sich dann doch wieder mit dem Mainstream; Hillenbrand hat gewonnen, Boldt hat den zweiten Platz gemacht und Dath kam, obwohl er einen so spröden Stil pflegt, immerhin noch auf Platz 4.

Interessant noch: In dieser Kategorie ging alles sehr, sehr knapp aus. Da hätten zwei, drei Abstimmende mehr das Bild schon verändern können.

Beste Erzählung
Bei der kurzen Form bin ich Ignorant und enthalte mich daher immer.

Bestes ausländisches Werk
Das hat mich verblüfft; hier war DER MARSIANER von Andy Weir, dem ich meine fünf Punkte gegeben hatte, für mich eigentlich gesetzt, auch wenn ich mich übers Jahr immer wieder mit Leuten unterhalten habe, denen im Gegensatz zu mir die Hauptfigur zu "oberflächlich" gezeichnet war, was ich immer noch nicht nachvollziehen kann, weil bei diesem augenscheinlich glasklaren Problemlös-Roman sehr viel zwischen den Zeilen stattfindet - man beachte mal einfach nur die vielen Lücken im Tagebuch. Egal, Weir kam dicht folgend auf den zweiten Platz.

Vier Punkte hatte ich Iain Banks gegeben, für DIE WASSERSTOFFSONATE. Der landete, mit gerade noch halb so viel Punkten wie die Preisträgerin, auf dem vierten Platz. Ist mir recht. Denn an dieser Stelle hatte ich einen Fehler gemacht und Punkte vergeben, obwohl ich das Buch noch nicht ausgelesen hatte. So etwas hatte ich bisher noch nie getan und werde es auch in Zukunft nicht mehr machen. Denn irgendwo nach Seite 220, beim gefühlt fuffzichsten witzig-banal-hintergründig ausschweifenden Dialog zwischen zwei Raumschiff-KIs, pfefferte ich das Buch auf die Aussortierstapel. Meine Lesegeduld reicht nicht für Banks' Romane - ich habe im Laufe der Jahre vier Stück probiert und viermal abgebrochen.

Also, Frank, merken: Wieder nur für Bücher abstimmen, deren Lektüre vollständig war und schon sacken konnte!

Beste Übersetzung
  • Justin Aardvark und Jürgen Zahn für die Übersetzung von Ian Doescher, WILLIAM SHAKESPEARES STAR WARS, punktgleich mit
  • Horst Illmer für die Übersetzung von Ursula K. LeGuin, VERLORENE PARADIESE
(Vergabe durch Jury)

Beste Graphik
Der war für mich gesetzt - aber so was von! Kein Wunder bei dem mächtigen Motiv.

(Bestes Hörspiel
Ergebnis liegt noch nicht vor)
(Oha! Ist die Jury-Sekte am Zerfallen? Sollten wir die Marines in den Dschungel schicken?)

Sonderpreis einmalige Leistungen
  • Bernd Kronsbein, Elisabeth Bösl, Christian Endres und Sebastian Pirling für ihre Arbeit als Redakteure von www.diezukunft.de
Ich bin nicht Zielgruppe, aber da haben die Webseitenmacher offenbar einen guten Start hingelegt.

Meine fünf Punkte gingen an die Macher der frisch gestarteten Werkausgabe von Herbert W. Franke, und sie kamen auf den zweiten Platz.

Vier meiner Punkte flossen bei "Kein Preis" mit ein; das wurde dann auch sozusagen Platz 4.

Sonderpreis langjährige Leistungen
  • René Moreau, Olaf Kemmler und Heinz Wipperfürth für die Herausgabe des SF-Magazins Exodus und die Förderung der SF-Kurzgeschichte
Schluchz! Mein Favorit Jürgen "Josefson" Doppler, der beste deutschsprachige SF-Rezensent aller Zeiten, abgeschlagen auf dem sechsten Platz. Hier bin ich offensichtlich so gar nicht Mainstream. Dringend geboten: mehr Josefson-Verehrung! Vielleicht Fan-T-Shirts wie bei Rockbands? Mit einem von Molosovsky gezeichneten Portrait? Oder müssen wir gar, Himmel hilf!, eine Sekte gründen?

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So, das war's für dieses Jahr. [Streckt sich und gähnt] Irgendwelche Anmerkungen eurerseits?


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English summary for foreign readers: The winners of this year's Kurd Laßwitz Preises. Plus remarks by yours truly.

Dienstag, 23. Juni 2015

Gelesen: Neil MacGregor, EINE GESCHICHTE DER WELT IN 100 OBJEKTEN (GB 2010)

Worum geht's?

Dies ist die Buchfassung einer Reihe von viertelstündigen Radiobeiträgen, in denen der Leiter des British Museum uns mit Hilfe seiner Experten anhand beispielhafter Objekte einmal quer durch die Weltgeschichte führt.

Wie ist das Buch geschrieben?

Sauber und elegant, also verständlich. Viele Zitate beziehungsweise O-Töne. Fotos von jedem Gegenstand. Ausführlicher Anmerkungs- und Übersichtsapparat.

Was gefiel nicht so?

Entfällt

Was gefiel?

  • Die Idee, eine Weltgeschichte in Schlaglichtern zu erzählen, die auf Gegenstände fallen, ist ebenso einleuchtend wie bestrickend.
  • Es wird nicht nur Geschichte anhand dieser Gegenstände erzählt, sondern auch die Geschichte der Gegenstände selbst - ihre Entdeckung, ihr Schicksal bis zu dem Zeitpunkt, wo sie im British Museum gelandet sind. So guckt man in jedem Kapitel zugleich zurück in ihre Entstehungszeit und in die Geschichte ihrer weiteren Nutzung oder Umformung oder Rezeption. Das ist spannend!
  • Sprachlich ist das Buch erste Sahne. Auch an der Übersetzung, an der immerhin drei Leute beteiligt gewesen sind, hatte ich während der Lektüre nie etwas auszusetzen.

Gute Stelle?

Einer der faszinierendsten Beiträge befasst sich mit der Indus-Kultur, von der ich bis dahin nicht einmal etwas gehört hatte! Seite 115ff, Deutsch von Andreas Wirthensohn:

Vor rund 5000 Jahren floss der Indus, wie er das bis heute tut, von der Hochebene Tibets bis ins Arabische Meer. In den üppigen, fruchtbaren Überschwemmungsebenen entwickelte sich die Indus-Kultur, die auf ihrem Höhepunkt rund eine halbe Million Quadratkilometer umfasste.

Ausgrabungen dort haben die Pläne ganzer Städte zutage gefördert, aber auch deutliche Hinweise auf ausgedehnte internationale Handelsstrukturen. [...]

[...]

Marshalls Team fand bei Harappa die Überreste einer riesigen Stadt und entdeckte anschließend in der Nähe noch viele weitere Städte, die sich alle auf die Zeit zwischen 3000 und 2000 v.Chr. datieren lassen. Damit reichte die indische Kultur viel weiter zurück, als man bislang angenommen hatte. Nach und nach wurde deutlich, dass es sich um ein Land mit hoch entwickelten urbanen Zentren, Handel, Industrie und sogar Schrift gehandelt hatte. Zeitlich und vom Entwicklungsstand her stand es auf einer Stufe mit dem alten Ägypten und Mesopotamien - und war vollkommen in Vergessenheit geraten.

Die größten Städte im Industal wie Harappa oder Mohenjo-Daro hatten zwischen 30 000 und 40 000 Einwohner. Sie waren streng nach schachbrettartigen Entwürfen angelegt und verfügten über sorgfältig ausgearbeitete Wohnungsbaupläne und fortgeschrittene Sanitärsysteme, zu denen sogar hauseigene Toiletten gehörten; für einen modernen Stadtplaner müssen sie ein Traum gewesen sein.

So weit erst einmal zur Übersicht - und jetzt kommt's! Behaltet dabei im Blick, dass wir hier über eine Gesellschaft reden, die vor vier- bis fünftausend Jahren existiert hat, also in der Bronzezeit:

Wie wir im Falle von Ägypten und Mesopotamien gesehen haben, bedurfte es für den Sprung vom Dorf zur Stadt gewöhnlich eines dominanten Herrschers, der Zwang ausüben und Ressourcen nutzen konnte. Unklar ist aber gerade, wer diese hochgradig organisierten Städte im Industal regierte. Es gibt keine Hinweise auf Könige oder Pharaonen - oder überhaupt auf irgendwelche Anführer. [...]

Die Überreste dieser großen Städte der Indus-Kultur liefern uns keine Anhaltspunkte dafür, dass wir es hier mit einer kriegführenden oder vom Krieg bedrohten Gesellschaft zu tun haben. Man hat nur wenige Waffen gefunden, und die Städte scheinen nicht befestigt gewesen zu sein. Es gibt große Gemeinschaftsgebäude, aber nichts, was wie ein Königspalast aussieht, und zwischen den Häusern der Reichen und denen der Armen bestanden offenbar keine großen Unterschiede. Wir haben es also, so scheint es, mit einem deutlich anderen Modell städtischer Zivilisation zu tun, das ohne die Verherrlichung von Gewalt oder eine extreme individuelle Machtkonzentration auskommt. Beruhten diese Gesellschaften also nicht auf Zwang, sondern auf Konsens?

Unglaublich, oder?

Man nimmt übrigens an, dass die Induskultur untergegangen ist, weil sie ökologische Fehler machte beziehungsweise mit einer Klimaveränderung Probleme hatte, und nicht etwa durch Eroberung.

Von dieser Kultur übriggebliebene Kunstwerke zeigen, sofern sie nicht geometrisch-ornamental sind, gepflegte bärtige Männer ohne Insignien der Macht, Tiere, Schamanen und tanzende Mädchen - ich will eine Zeitmaschine.

Zu empfehlen?

Aber ja! Eines der besten Bücher, die ich 2014 gelesen habe!

Wo aufgestöbert?

Ein Geschenk meiner Liebsten, entweder zu Weihnachten 2013 oder zum Geburtstag im Frühling 2014; das weiß ich nicht mehr. Ich habe mir jedenfalls mit der Lektüre viel Zeit gelassen und war im November dann leider doch schon damit durch.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Gebunden mit Lesebändchen, 816 kurzweilige Seiten. C.H. Beck, Jubiläumsausgabe 2013)

Und sonst?

Die Welt erweist sich immer wieder als größer und weniger bekannt, als ich denke!


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English summary for foreign readers: A HISTORY OF THE WORLD IN 100 OBJECTS by Neil MacGregor is one of the best books I've read last year! And I'm totally fascinated of the Indus Valley Civilization ...

Mittwoch, 17. Juni 2015

Die Freuden der Flussnähe

Als gebürtiger Kreuzberger, der nie weiter als ein paar Kilometer von dem Kreißsaal weggezogen ist, in dem für ihn alles losging, habe ich immer in fußläufiger Nähe von Wasserwegen gewohnt. Mit denen ist Berlin ja auch gesegnet. Heute, in Alt-Treptow, schwelge ich gar richtig im Luxus: Gehe ich ein paar Minuten in nordöstlicher Richtung, lande ich an der Spree, noch dichter dran sind im Südwesten der Neuköllner Schifffahrtskanal und im Nordwesten der Landwehrkanal. Im Schnitt gucke ich wohl alle zwei, drei Tage müßig übers Wasser (oder jogge gemütlich die Ufer entlang); wenn das Glitzerspiel mal eine Woche lang ausfällt, fehlt mir richtig was.

Also zwangsläufig irgendwann im Winter.

Letzten Dezember habe ich mir darum die volle Ersatzpackung gegeben und zwei meiner Lieblingsbücher zum ersten Mal parallel gelesen: DREI MÄNNER IM BOOT (1889) von Jerome K. Jerome und DER WIND IN DEN WEIDEN (1908) von Kenneth Graham. Waren das eine Wohltat und ein Spaß! Da machten mieses Wetter und frühe Dunkelheit nix mehr aus.


Beiden Büchern gemeinsam ist, dass sie voller Lebenslust stecken, sich über alles Mögliche lustig machen und Hymnen an die englische Landschaft und das einfache, naturnahe Leben enthalten - die im nächsten Atemzug auch gleich wieder veralbert werden.

Herrlich. Gute Laune machend auf intelligente und geradezu übermütige Weise.

Jerome ist dabei immer wieder einmal für eine nachdenkliche Sentenz gut - diesmal habe ich mir diese hier markiert. Deutsch von Arnd Kösling:

Mir ist aufgefallen, dass es in dieser Welt nur wenige Dinge mit ihren Darstellungen aufnehmen können.

Und Graham feiert einfach richtig beim Erzählen. Deutsch von Harry Rowohlt selig (und das ist auch der Grund, warum ich heute, einen Tag nach seinem Tod, diesen Blogeintrag schreibe). Lest diese Stelle hier, dann wisst ihr, was von uns Übersetzern zu leisten ist, und zwar mit Schmackes und mit Spielfreude, um die Lücke zu füllen, die Rowohlts Tod hinterlassen hat:

Sein Glück schien vollkommen, als er nach langem ziellosen Umherstrolchen plötzlich einen randvoll mit Wasser gefüllten Fluss fand. Er hatte noch nie einen Fluss gesehen: so ein glattes, gewundenes, pralles Tier, kollernd und kichernd, das Sachen gurgelnd ergreift und lachend wieder fahren lässt, um sich auf neue Spielgefährten zu stürzen, die sich von ihm losreißen, um sich noch einmal fangen zu lassen. Er bebte und bibberte, glänzte und glibberte und sprühte Funken, er rauschte und strudelte, schwatzte und blubberte. Der Maulwurf war bezaubert, verhext und angetan. Er trabte am Fluss entlang wie jemand, der noch sehr klein ist, neben jemandem einhertrabt, der einem atemberaubende Geschichten erzählt.

Und jetzt geht und macht euch den besten Tag, der euch möglich ist! Ihr wisst ja: Irgendwas geht immer.


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English summary for foreign readers: I really like living near waterways. In Winter, when weather was foul and I couldn't do much of walking the watersides, I enjoyed reading THE WIND IN THE WILLOWS and THREE MEN IN A BOAT instead. Both novels rank among my favourite books and I've read them for the third time.

Freitag, 12. Juni 2015

Aber die Geschichte. Zum Tod von Wolfgang Jeschke [aktualisiert am 16.06.]

Ich stand gerade mit Andy Hahnemann im Konferenzzimmer des frisch eingerichteten Fischer Tor Verlags und bewunderte das locker angedachte, auf einem Tisch in Form von Originalausgaben und Platzhalter-Zetteln arrangierte Herbstprogramm 2016, als Hannes Riffel von einem Telefonat zurückkehrte und für einen Moment ganz still war.

Dann sagte er uns, dass Wolfgang Jeschke verstorben war.

Mir schossen sofort einige, für mich bedeutsame, Erinnerungen durch den Kopf.

Erstens eine ansatzweise Begegnung mit Jeschke; näher bin ich diesem großen Förderer der Science Fiction nie gekommen.

Es muss Anfang der 1980er Jahre gewesen, wahrscheinlich auf einem FreuCon. Jeschke und einige andere bekannte Köpfe der deutschen SF-Szene führten eine Podiumsdiskussion zum Thema SF-Magazine. Fränkie saß als vielleicht Zwanzigjähriger in der ersten Reihe und diskutierte mit. (Ich hatte eine sehr entschiedene, natürlich negative Meinung zu denjenigen SF-Magazinen, die sich ans Filmgenre anbiederten - habe ich noch heute.)

Irgendwann neigte Wolfgang Jeschke sich zu seinem Sitznachbarn und fragte neugierig: "Wer ist das eigentlich?"

Sein Nachbar wusste es nicht. Natürlich nicht.

Ich war damals zwar mutig genug, mich in eine Podiumsdiskussion einzuschalten, aber zu schüchtern, um mich nach der Veranstaltung einfach selber vorzustellen.

Dabei hätte ich das ruhig tun können.

Denn ich glaube, mein Name wäre Wolfgang Jeschke ein Begriff gewesen.

Er bekam nämlich regelmäßig Storys von mir zugesandt, die er ebenso regelmäßig ablehnte - gelegentlich auch mit persönlichem Anschreiben.

Zwei davon haben sich für immer meinem Gedächtnis eingeprägt.

In der ersten Ablehnung - ich hatte Heyne eine Antikriegsgeschichte angeboten - stand ein Satz, den ich bis heute auswendig kann:

"Ihr Anliegen in allen Ehren, aber die Geschichte müßte erst noch erzählt werden."

Peng! Diesen Satz habe ich mir für immer hinter die Autorenohren geschrieben - praktisch als virtuelles Tattoo.

Dann gab es, etliche Ablehnungen später, einen Brief aus der SF-Redaktion, von einer Frau, glaube ich. Der ging ungefähr so:

Schönen Gruß von Wolfgang Jeschke, auch die eingereichte Geschichte reiche noch nicht ganz für eine Veröffentlichung bei Heyne, aber er wolle mir einmal mitteilen, wie sehr ich mich gesteigert hätte ...

Dieser Mann, der voller Neugierde auf die Welt und die Literatur war und mit allen großen Namen nicht nur der SF-Szene Umgang hatte, setzte sich tatsächlich immer wieder einmal hin und gab irgendeinem hoffnungsfrohen Amateur einen guten Rat und gelegentlich ein ermunterndes Wort mit auf den Weg, ohne jede Arroganz, aber mit glasklarer, oft auch glasharter Ansage.

Und darum ist Wolfgang Jeschke selig, der zu allem Überfluss verdammt gut schreiben konnte, auch für mich persönlich genau das, was in all den Nachrufen immer wieder hervorgehoben wird: ein großer Förderer der deutschen SF.

  • Mehr und Objektiveres zu Jeschkes Bedeutung schreibt Dietmar Dath in der FAZ, wobei auch Dath nicht um eine persönliche Anekdote herumkommt; so war das wohl einfach mit Jeschke.
  • [Nachtrag 16.06.] Frank W. Haubold weiß eine ähnliche Geschichte der Nachwuchsförderung wie ich zu erzählen, drüben im Forum von sf-fan.de.


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English summary for foreign readers: German sf editor Wolfgang Jeschke is dead. He never bought one of my stories, but he always had good advice. And he was a damn good writer, too!

Donnerstag, 11. Juni 2015

Deafening Opera - nicht die Ohren betäubend, sondern betörend!

Ende April war ich zum zweiten Mal auf einem Konzert der Berliner Band Crystal Palace. Dabei bin ich gar kein großer Fan ihrer Musik, die ich am ehesten mit mir eher fremden Combos wie Genesis, Marillion oder auch IQ assoziiere. Aber ich gehe manchmal, wenn mich Freunde fragen, gern auf Konzerte von Gruppen, die ich zu Hause so gar nicht höre - das hält die Ohren offen.

Und immer wieder gibt's auch eine Belohnung für solcherlei Selbsterziehung.

Als höchst angenehme Überraschung erwies sich diesmal die Vorband im K17, von der ich mir aufgrund ihres Namens, zu Deutsch "Ohrenbetäubende Oper", zunächst gar nichts erwartete.

Aber dann enterte eine junge, hungrige und sehr sympathische Münchner Truppe die Bühne:



Die merke ich mir! Für weitere groovig-metallische Konzerte und natürlich auch für zu Hause auf Konserve.

  • Zu ihrer Homepage geht's hier entlang.

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English summary for foreign readers: Munich based rock band Deafening Opera is young and hungry and, after getting warm on stage, loud 'n' proud - check 'em out!

Montag, 8. Juni 2015

Neulich auf der Vernissage von Thomas Franke


Mit Rene Nowotny "beim Aufdröseln der opulenten Collagen und ihrer wunderlichen Titelungetüme", wie Ralf Steinberg, von dem auch das Foto stammt, so schön schrieb

Ich kenne die Kunst von Thomas Franke seit über dreißig Jahren; erstmals gesehen habe ich sie in den westdeutschen Science-Fiction-Fanzines wie dem legendären Solaris und dem heute noch existierenden Exodus. Damals zeichnete Franke noch in der Punktiertechnik, heute macht er hauptsächlich Collagen, die auf Holzschnitten aus hundert Jahre alten Zeitschriften basieren.

Das Ganze ist sehr skurril, sehr steampunkig, auch Erinnerungen an alte tschechische Jules-Verne-Verfilmungen werden wach. Mutter Hudson und ihre klainen Katsen geistern ebenfalls durch die Bildwelt. Irgendwann soll mal ein Collageroman daraus werden - auf den freue ich mich schon!

  • Mehr zur Ausstellungseröffnung findet ihr drüben bei Ralf,
  • dort gibt's das Poster,
  • und dort ein feines Portrait des Künstlers.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. August.


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English summary for foreign readers: German fantasist Thomas Franke is showing his latest art at Kulturbund Galerie Treptow. If you're in Berlin in Summer, have a look!

Freitag, 5. Juni 2015

"Operation Gnadenakt" ins Slowakische übersetzt

Vor einiger Zeit wunderte ich mich. In meiner Webstatistik fanden sich über Tage hinweg Zugriffe aus der Slowakei.

Wenig später klärte sich das. Jana Regulyová, eine Doktorandin der Matej-Bel-Universität Banská Bystrica, meldete sich bei mir und fragte an, ob sie mit ihren Studenten meine Science-Fiction-Story im aktuellen Phantastisch!, die ihnen sehr gefallen habe, übersetzen dürfe.


Ich habe natürlich ja gesagt!

Inzwischen ist die Geschichte übersetzt, wie ich gestern am Rande der Vernissage von Thomas Franke erfuhr, und Jana und ihre Studenten überlegen, was sie damit anstellen können. Leider ist die Slowakei mit ihren sechs Millionen Einwohnern zu klein, als dass sich SF-Magazine am Markt halten könnten. Fantázia existiert nur noch als Facebook-Seite, und von dem Magazin Jupiter, in dem zuletzt Nina Horvaths "Die Duftorgel" abgedruckt wurde, ist seit einem Jahr auch keine Ausgabe mehr erschienen.

Aber das wird noch! Ich kenne das schon: Wenn es bei einer Geschichte erst einmal klick gemacht hat, dann findet sie ihren Weg ...

  • Mehr zur Story hier,
  • auf Deutsch zu kaufen dort


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English summary for foreign readers: My latest story "Operation Gnadenakt" (Operation Act of Grace) just has been translated into Slovak.

Montag, 1. Juni 2015

Kurd-Laßwitz-Preis 2015 - meine Punktevergabe [aktualisiert am 03.06.]

Wie jedes Jahr hier wieder die Dokumentation meines Wahlbogens - wer sich parallel die Nominierungen für den Science-Fiction-Preis der Profis aufrufen möchte, wird dort fündig.

Ich habe nach einem Tag des Abwägens und des Blätterns in Büchern usw. wie folgt abgestimmt:

Bester Roman
  • Kein Preis - 5 Punkte
Kein deutscher SF-Roman des vergangenen Jahres hat mich zum Fertiglesen gereizt, wobei Hillenbrand und Dath es fast geschafft hätten und Boldt einen originellen juristischen Ton in seine Zeitreisegeschichte gebracht hat, der eine gesonderte Erwähnung wert ist.


(Beste Erzählung
  • Enthaltung - meine traditionelle Wahl; ich habe zu wenig Interesse an der kurzen Form und dadurch natürlich auch zu wenig Ahnung.)

Bestes ausländisches Werk
  • Andy Weir, DER MARSIANER - diesen Roman hatte ich auch selbst zur Nominierung vorgeschlagen, siehe hier. Ein Lesespaß reinsten Wassers mit einem herrlich frischen, optimistischen Ton; 5 Punkte
  • Iain Banks, DIE WASSERSTOFFSONATE - ich bin noch mitten in der Lektüre dieses Schinkens, aber mir gefallen diese Zukunftsmöglichkeiten zum Anfassen und der liebevolle, scheuklappenlose Blick des Autors auf den bunten Flickenteppich des Lebens bisher sehr, sehr gut; 4 Punkte
  • kein Preis - 3 Punkte

Beste Grafik
  • Timo Kümmel für das Titelbild zu Dirk van den Boom, AUFGEHENDE SONNE - einfach ein gut ausgeführtes Bild mit Mut zum richtigen Kracher-Motiv; 5 Punkte
  • Tony Andreas Rudolph für das Titelbild zu Francis Knight, WEG INS NICHTS - schöne Atmo, und ich liebe Dachmotive, weil ich auch selber gern auf Dächern hocke; 4 Punkte
  • Tony Andreas Rudolph für das Titelbild zu Dirk van den Boom, HABITAT C - optimistisch-lichtes Großstadtmotiv; 3 Punkte
  • Mark Freier für das Titelbild zu Uwe Post, STERNE IN ASCHE - interessante "stille" Dramatik, hat etwas Geheimnisvolles; 2 Punkte
  • Mario Alberti für das Titelbild zu Pierre Boulle, PLANET DER AFFEN - klassisch 60er/70er-Jahre-mäßig und damit perfekt für diesen Klassiker von 1963, übrigens eines meiner Lieblingsbücher; 1 Punkt
Das war diesmal, was mich betrifft, ein gutes Jahr für Grafiken - es gab schon Jahre, da habe ich mit "Kein Preis" abgestimmt.


Sonderpreis einmalige Leistung
  • Ulrich Blode, Hans Esselborn und Michael Haitel für den Start der Werkausgabe von Herbert W. Franke - ich kann mit den Geschichten von Franke überhaupt nichts anfangen, finde das alles sehr bemüht und gravitätisch, aber solche editorischen Mühen wollen belohnt werden; 5 Punkte
  • Kein Preis - 4 Punkte

Sonderpreis langjährige Leistung
  • Jürgen "Josefson" Doppler für seine monatliche SF-Rundschau - mein Lieblingskritiker im Genre, sachkundig, witzig, gefühlvoll; 5 Punkte
  • Roger Murmann, Christian de Ahna, Birgit Fischer und Kurt Zelt für die Organisation des BuchmesseConvent - seit einigen Jahren mein Stammcon, hat sich zum wichtigsten Treff der deutschen Fantastik-Szene gemausert; 4 Punkte
  • Thomas Braatz und der Freundeskreis Science Fiction Leipzig für die Organisation des Elstercon - die kleinere und feinere deutsche Con-Variante im Literaturhaus Leipzig; 3 Punkte
  • Sascha Mamczak, Erik Simon und Hannes Riffel für den Abschluss der Strugatzki-Werkausgabe in teurer und nicht so teurer Variante - wie schon oben bei Franke angemerkt, solche editorischen Mühen wollen belohnt werden; 2 Punkte
  • Sascha Mamczak, Wolfgang Jeschke und Sebastian Pirling für die lange Zeit als Herausgeber von DAS SCIENCE FICTION JAHR - mit der Übergabe an Golkonda geht eine Ära zu Ende, die ich vor allem in der ersten Hälfte als begeisterter Leser verfolgt habe; 1 Punkt
In dieser Kategorie will ich mir fürs nächste Jahr vormerken, dass eigentlich dringend mal Klaus Frick und sein Team für das Galaktische Forum nominiert werden müssten - welchen anderen Preis als den der Profis sollen sie denn schließlich bekommen für diesen wichtigsten deutschen Branchentreff, den sie seit Jahren ausrichten?

Nachtrag 03.06. - Und eigentlich gehört in dieser Kategorie auch dringend einmal der gute Rainer Stache nominiert, der seit Jahren und Jahrzehnten die Perry-Rhodan-Serie ebenso kritisch wie sachkundig-liebevoll begleitet, angefangen mit seiner Doktorarbeit und dann mit der Artikelserie "Der galaktische Beobachter" in der SOL. Wäre das Perry-Team nicht so Kurd-asketisch drauf, hätte es ihn längst mal auf die Liste gewuppt, verflixt!

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So weit meine diesjährigen Entscheidungen. Wie habt, wie hättet ihr abgestimmt? Oder sonst irgendwelche Anmerkungen?


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English summary for foreign readers: My points for this year's Kurd Laßwitz Preis