Freitag, 29. August 2014

"GENIAL"

So, seit heute steht der Nachfolgeband zu BERLIN 2037 in den Kiosken, verfasst von Robert Corvus. Mein Neo-Roman ist jetzt also Geschichte - Seriengeschichte. Über die Verkäufe wissen wir Autoren ja nicht so viel, aber seine höchste Amazon-Platzierung hatte der Roman am 15.08. in der Rubrik SF-Bestseller mit einem erfreulichen dritten Platz:


Sehr schön! Auch wenn das natürlich nicht dem einzelnen Autor Böhmert hier zu verdanken ist, sondern dem eigentlichen Team der Serie; die Romane erreichen immer ungefähr diese Platzierung.

Tschüs, kleiner Serienroman! Mach's man jut.

***

Ansonsten ist der Roman zwar aus den Kiosken verschwunden, aber nicht aus der Welt: Die Backlist wird gepflegt und gekauft, solange die Serie fortbesteht.

Auch trudeln erst jetzt manche Reaktionen ein; zum Beispiel ist seit kurzem die erste Leserrezension auf Amazon online. "GENIAL", schreibt Extrapolit - jawohl, in Blockbuchstaben - und vergibt fünf Sterne. Er führt weiter aus:

Was mir persönlich sehr gefällt, sind die Hinweise auf "Bolo". Das kommt ja aus den frühen 90ern und zeigt eine wünschenswerte UTOPIA, eine Spielwiese für soziales Zusammenleben, das u. anderem auf Ökologie und Ressourcen-Sparsamkeit beruht. Inspirierende Ideen ohne Gleichmacherei und Klassenkampf.

Eigentlich ist Hans Widmers Bolo-Idee noch zehn Jahre älter, stammt also aus den frühen 1980ern. Und da Ralf Steinberg in seiner Rezension auf Fantasyguide ebenfalls auf das im Roman vorkommende Meri'bolo eingegangen ist, werde ich vor der Tagesarbeit doch am besten mal ein paar Worte zu diesem Punkt sagen. Ralf schreibt:

Natürlich kann man in einem Roman, der fest in eine Serienhandlung eingebunden ist und im nächsten Band an einem ganz anderen Ort spielt, keine soziologischen Abhandlungen und Mega-Extrapolationen unterbringen. Aber zumindest baut Frank Böhmert die bolo-Bewegung ein. Sehr witzisch und entspannt als Mias Elternhaus.
Das verdanken wir wohl der hinreißenden Erzählung Ein totes im see’bolo [von] Gecko Neumcke.

Ja, das stimmt. Dabei handelt es sich um eine Reminiszenz an genau diese herrliche Novelle, deren Lektüre ich im Frühling sehr genossen habe, siehe hier. Anfangs hatte ich sogar mit dem Gedanken gespielt, im Epilog einen Müllmenschen und Privatdetektiv vorkommen zu lassen, der sich auf die Suche nach einer gewissen verschwundenen Person macht - aber das hat dann später nicht mehr gepasst; die Prolog-Epilog-Klammer wurde für einen Serienbezug dringender gebraucht.

Also, liebe Leute: Wenn ihr BERLIN 2037 gelesen habt und das Kapitel bei Mias Müttern interessant fandet, dann besorgt euch unbedingt die Novelle von Gecko Neumcke! Dort könnt ihr ausführlicher lesen, wie das Leben in einem Bolo so aussehen könnte ... Außerdem ist das E-Book inzwischen ein Kandidat für mein persönliches Buch des Jahres.

Und damit frohes Rest-Schaffen und ein feines Wochenende allerseits;
lasst's euch gutgehen!

Dienstag, 26. August 2014

Gelesen: Joe R. Lansdale, Timothy Truman und Sam Glanzman, JONAH HEX - RIDERS OF THE WORM AND SUCH (USA 1995)

Worum geht's?

Diesmal landet der grässlich entstellte Südstaaten-Abenteurer auf der Ranch eines Lebensreformers, der die ästhetisch-radikalen Vorstellungen Oscar Wildes in den Wilden Westen bringen will. Das Cowboyleben wird aber massiv von seltsamen "Würmern" gestört, die dort unter der Erde lauern. Lovecraft und die Großen Alten lassen grüßen!

Wie ist der Comic erzählt?

Als hätten sich Robert E. Howard und H.P. Lovecraft zusammengetan und beschlossen, mal einfach nur Spaß zu haben - aberwitzig, sarkastisch, übermütig, finster.

Was gefiel nicht so?

Mir ist das alles ein, zwei Zacken zu kaputt, um rundum gefallen zu können. So wie es mir früher mit vielen Underground-Comix ging.

Was gefiel?

Lansdale ist einfach ein glänzender Erzähler, Truman hat einen virtuosen, lockeren Bildaufbau und Strich, und Glanzman als Tuscher schwingt den Pinsel äußerst lässig und doch präzise.

Mir gefielen diesmal besonders die Dialoge zwischen Jonah Hex und dem Kid. Der eine ist wortkarg, trocken und bitter, der andere vorlaut, frech und lebenslustig. Das glänzt und funkelt!

Gute Stelle?

Beim Einzug auf die Ranch singen die Cowboys. Ihre Songs gefallen dem Boss und Lebensreformer nicht. Band 2, gezeichnete Seite 16:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar)

Der Kontrast zwischen der gesalbten Moralpredigt und dem schweigenden Nasebohrer im letzten Bild - herrlich!

Zu empfehlen?

Ja. Doch.

Wo aufgestöbert?

Geschenk vom guten Molo - die Geschichte habe ich bei der Lesenotiz des ersten Fünfteilers schon erzählt, siehe hier.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar, beispielhaft Band 2 von 5. Heftformat, ohne Seitenzahl. DC/Vertigo, New York 1995)

Und sonst?

Nix.

Doch: Wäre Lansdale mehr Hippie, er wäre perfekt.

Freitag, 22. August 2014

Und wo wir gerade bei Buchtrailern sind ...

Ich habe gestern Abend beim Gatherland mal wieder von diesem Trailer hier geschwärmt: Max Berry vor ein paar Jahren über seinen Roman MASCHINENMANN - dieser Trailer ist nicht zu toppen und schon ein Klassiker! Glaubt mir. Hier:



Da stimmt einfach alles. Jedes Wort, jede Geste, jede Miene. Youtube-Gold!

Donnerstag, 21. August 2014

Au wacka! - Und oh wow!

Au wacka! Die Perry-Rhodan-Redaktion hat es schon wieder getan!

Ein zweiter Trailer zur neuen Neo-Staffel, diesmal speziell zu meinem 76er Band:



Wenn ihr den auch lustig findet, bitte teilen - so viel sojalattemäßiges Engagement muss belohnt werden! Kein Fingerbreit den Invasoren! Never surrender! Disst sie auf euerm Blog!

***

Oh wow! Die erste Rezension zum 76er ist eingetrudelt:

ein unterhaltsamer Near Future Roman in einem Berlin, wie es sich vielleicht nur Frank Böhmert ausdenken konnte

schreibt Ralf Steinberg und freut sich:

Locker, tolerant und abgekoppelt vom Spiel der großen Köpfe. Ein alter Mann bringt das gegenüber dem arkonidischen Zugführer Nahor auf den Punkt: »Sperr die Augen auf! Bleib locker! Irgendwas geht immer, und manchmal hat man mehr Glück, als man denkt!«

Wenn das den NEO-LeserInnen im Ohr bleibt, wird die Zukunft gleich ein bisschen hoffnungsvoller.

Ihr findet die vollständige Besprechung drüben beim Fantasyguide.

(Und für diejenigen, die es nicht wissen, sei angemerkt: Ich habe Ralf vor einigen Jahren über die deutschen SF-Foren und das Berliner SF-Dinner kennengelernt; er war zuerst Böhmert-Leser, und inzwischen sind wir Freunde. Das könnte die Rezension gaaanz eventuell beeinflusst haben.)

Montag, 18. August 2014

Und, Frank, wie war die Premierenlesung zu BERLIN 2037 so?

Ick fand se jut.

Ein bisschen was hat sich auch im Netz niedergeschlagen. Die Otherlander haben auf ihrer Facebookseite ein paar Fotos gepostet, zum Beispiel dieses hier,

(Foto: Der Otherland-Wolf)

und Ralf Steinberg präsentiert auf Fantasyguide einen schönen Bericht über die Lesung und Signierstunde, garniert mit Fotos wie diesem hier:


Schön, dass ihr dagewesen seid! Und wenn nicht - ich mache ja öfter mal eine Lesung.

***

Inzwischen gibt es auch schon diverse Leserreaktionen zum Roman, aber darauf werde ich wohl erst in einer Woche oder so eingehen können; hier wollen noch etliche Seiten übersetzt werden, bevor wieder ein bisschen Ruhe einkehrt ...

Freitag, 15. August 2014

Gelesen: Neal Barrett jr., DEAD DOG BLUES (USA 1994)

Worum geht's?

Um einen toten, bellenden Hund. Wenig später um sein totes, laufendes Herrchen. Das war millionenschwer, und nun fallen Presse und Fernsehen in das kleine texanische Städtchen ein. Außerdem ist es heiß. Verdammt heiß.

Wie ist das Buch geschrieben?

Klassischer Detektivroman: Ich-Form, einfache Vergangenheit, lakonisch, spöttisch, gern mal sentimal.

Was gefiel nicht so?

Entfällt. Ich habe das Buch im Mai zum fünften Mal genossen.

Was gefiel?

Ich liebe und bewundere Barretts Erzählkunst; die kommt dermaßen einfach und locker daher, aber es sitzt jeder Satz, jede Beschreibung.

Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Aber einen Spruch zitiere ich seit Jahren, wenn wir in Berlin mal wieder einen brutal heißen Sommertag haben: "Schatten, das ist etwas für Städter und Schwule." Barrett lässt das seinen Helden über den örtlichen Kleinstadtbullen sagen, der als harter Kerl natürlich die Sonne ignoriert.

Und der Anfang liefert euch einen Eindruck davon, wie Barrett seine Sätze fügt. Deutsch von Thomas Stegers, der wunderprächtig genau den Ton trifft:

Der Tag fing eigentlich sehr gut an, bis Henry D. wegen des toten elektrischen Hundes anrief. Er sagte, der Hund befinde sich im Garten der Coomers, er belle sich die Seele aus dem Leib, und Max Coomer behage das ganz und gar nicht, ob ich nicht vorbeikommen und mir das mal ansehen könne.

"Es ist sechs Uhr morgens", sagte ich. "Ich will nicht vorbeikommen. Ich will mir keinen blöden Köter ansehen."

"Das ist nicht irgendein Köter, Mr. Jack", sagte Henry. "Es handelt sich hier um einen toten elektrischen Hund."

Ich überlegte. Ich sah mir Cecily Benét, die Joghurt-Queen, an. Sie lag da wie ein dreijähriges Mädchen, das Kissen eng an die Brust gedrückt, die schlanken Beine im Laken verheddert, die Knie angezogen bis fast unters Kinn, die langen Haare wie dunkler Seetang um den Kopf geschlungen. In dem trüben Halbdunkel sah sie unendlich süß aus, sie war am ganzen Körper sonnengebräunt, und ich merkte, daß ich keine Lust hatte, in die Stadt zu fahren.

"Was ist denn mit dem Hund, Henry?" sagte ich. "Ist er auf ein Stromkabel getreten, oder was?"

"Nein Sir, ich glaube nicht", sagte Henry.

"Aber er ist tot, oder?"

"Ja Sir. Und wie."

"Und er bellt. Wie laut bellt er denn, Henry?"

"Er bellt sehr laut."

"Hör mal. Anscheinend kapierst du nicht. Unsere Kommunikation ist irgendwie gestört."

"Mr. Jack, ich glaube, es ist besser, wenn Sie mal herkommen", meinte Henry.

Zu empfehlen?

Aber ja! Barrett war einer von den Großen, Unterschätzten. Ein wunderbarer Krimiautor; auch seine Western und SF-Romane sollen toll sein, aber davon habe ich noch nichts gelesen.

Wo aufgestöbert?

Vor vielen Jahren habe ich im Ramsch mal einen Hardcover gefunden, PINK VODKA BLUES. Der war so schön gestaltet, dass ich ihn spontan mitgenommen habe - es sollte eines meiner Lieblingsbücher werden.

Neulich habe ich die JONAH-HEX-Comics von Joe Lansdale & Co. gelesen; darin kam ein beknackter Hufschmied namens Neal Barrett vor, ein kleiner, liebevoller Seitenhieb vom einen Texaner zum anderen, was mich auf die Idee brachte, diesen Roman hier mal wieder zu lesen:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 383 Seiten. Heyne, München 1996)

Und sonst?

Barrett ist kürzlich verstorben. Habe ich erst bemerkt, als ich neulich seine Webseite besuchte.

Dienstag, 12. August 2014

Und schön dran denken: Berlin, Otherland, Donnerstag, 20 Uhr!

Da lese ich aus meinem neuen Roman BERLIN 2037, der Ende dieser Woche im Rahmen von Perry Rhodan Neo erscheinen wird.

Mehr zur Lesung dort. Oder, für Nicht-Facebooker, dort.

Ich freue mich schon!


P.S. Eine Leseprobe als PDF findet ihr dort.

Montag, 11. August 2014

Gelesen: Joe R. Lansdale, Timothy Truman und Sam Glanzman, JONAH HEX - TWO-GUN MOJO (USA 1994)

Worum geht's?

Jonah Hex, ein Abenteurer, der für die Südstaaten gekämpft hat, schlägt sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchs Leben in dieser Hölle, die Texas heißt. Dabei begegnet er nicht nur irdischen Kreaturen.

Wie ist der Comic erzählt?

Als eine Mischung zwischen Western- und Gruselgeschichte. Die Zeichnungen sind realistisch, aber mit lockerem Strich. Der Humor ist böse bis tiefschwarz. Die Dialoge schwanken zwischen Lakonie und Groteske.

Was gefiel nicht so?

  • Die Darstellung der verschiedenen Grenzer-Gesellschaften ist sehr finster, gewalttätig, rüde. Von den Utopien und neuen Ansätzen, aus denen heraus viele Siedler überhaupt nach Amerika gegangen sind, ist nichts zu spüren.
  • Hinter der Härte scheint mir viel tiefe Angst zu stecken, wie ich das immer wieder bei Kampfsportlern erlebt habe.
  • Manche Sachen sind betont unrealistisch angelegt, obwohl es nicht nötig gewesen wäre, zum Beispiel Hexens hässliches Loch in der Wange. Allein der Zeichner weiß, wie er es damit schafft zu rauchen. Dabei wäre das leicht zu lösen gewesen: Hex hätte sich nur bei irgendeinem Sattler eine Lederprotese anfertigen lassen müssen, die er sich zum Rauchen in die Wange schiebt.

Was gefiel?

  • Das Ganze ist unglaublich virtuos erzählt und gezeichnet.
  • Manche Stimmung erinnert mich sehr an die Geschichten von Robert E. Howard, die ich als Jugendlicher stark fand.
  • Der Erzählstil entwickelt einen Sog, der mich in den Comic hineinzog, ob ich nun wollte oder nicht.

Gute Stelle?

Hex kommt in eine Stadt, wo ihn der Fotograf nervt. Er droht, ihn zu erschießen, und geht weiter. Zwischen dem Fotografen und einigen anderen Bürgern entspinnt sich folgender Dialog:

"He threatened me! That ugly bastard treatened me!"

"Be glad threaten is all he did. Scar like that, don't you know who that is?"

"You mean ... No ..."

"Yeah. That's Jonah Hex his own damn self. He's killed more men than hell has souls."

Zu empfehlen?

Ihr seht, ich bin da zwiespältig. Unterm Strich: ja.

Wo aufgestöbert?

Der gute Molo hatte sich vor einiger Zeit die Gesamtausgabe zugelegt und wollte darum seine alten Ausgaben verschenken:



Damit hatte er die Leute dermaßen eingeschüchtert, dass er noch mehrmals nachhaken musste:





Da habe ich mich dann erbarmt, denn auch zynische alte Haudegen brauchen einen Ort, wo sie ihren müden Kopf ablegen können.



(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Broschur, ohne Seitenzahlen. Vertigo/DC, New York 1994)

Und sonst?

Viele Anspielungen habe ich sicher nicht verstanden, aber an einer Stelle kommt ein Hufschmied namens Neal Barrett vor, der reichlich beknackt aus der Wäsche guckt, und das hat mir dann doch Lust gemacht, einmal wieder einen Krimi von Neal Barrett jr. zu lesen. Aber dazu bald mehr!

Samstag, 9. August 2014

Hihi. Jetzt mit Nachtrag

Pogopuschel lästert drüben im SF-Netzwerk sehr schön über die Forderung, mein Neo-Roman müsse gefälligst überfremdungsdystopisch durchgefärbt sein:

[...] Heute frisch aus der Berliner Ghettobuchhandlung Otherland eingetroffen [...]. Im Umschlag steckte noch einer der Ninjasterne, mit denen der wackere Buchhändler Jakob auf dem Weg zum Briefkasten im Kreuzberger Großstadtdschungel von Deutschen mit Invasionshintergrund beworfen wurde. (Ich wette, dass das Otherland im Jahr 2037 eine der letzten Bastionen des Widerstands gegen die dekadenten Invasoren sein wird. Der verliesartige Keller direkt unter einem der Büchertische würde sich hervorragend für konspirative Treffen eignen.)

Herrlich. Hätten sich für diesen Roman Szenen aus dem Widerstand nicht ohnehin verboten, würde ich mir wünschen, dass mir so etwas eingefallen wäre!

***

Und ansonsten sind's ja nur noch sechs Tage, bis alle sehen können, wie die Romanhandlung nun wirklich läuft.

***

Nachtrag vom 10.08. - ein Freund und Kollege, seit vielen Jahren Wahlkreuzberger, schickte, "Apropos Ghetto", ein hübsches Foto, das er an einem Kiosk aufgenommen hat. Ich präsentiere mit herzlichem Dank den entscheidenden Ausschnitt:


Sehr schöne Schlagzeile. Auch die Kombination mit den Tipps oben haben sie richtig gut hingekriegt, die Herrschaften vom Stern. Ich bin bewegt.

Gelesen: Tomi Ungerer, DIE GEDANKEN SIND FREI (CH 1993)

Worum geht's?

Das ist eine kommentierte Sammlung von Erinnerungsstücken aus der Nazizeit, Untertitel "Meine Kindheit im Elsaß".

Wie ist das Buch geschrieben?

Lebendig und anekdotenhaft.

Was gefiel nicht so?

Manches erschloss sich mir nicht richtig - aber das liegt wahrscheinlich an mir; ich weiß schlicht nicht genug über die Geschichte des Elsaß.

Was gefiel?

  • Das Album liefert Dokumente, die mir völlig neu waren - etwa eine Reklame für "UHU Der Alleskleber": "Modellbau ist kriegswichtig! Auch der Nachbau von Heerestypen ist ein Teil vormilitärischer Erziehung." Genau das, was ich immer für ein blödes pazifistisches Argument gegen Kriegsspielzeug gehalten habe, wurde also von den Nazis tatsächlich propagiert, und Firmen haben damit geworben! Wieder was gelernt.
  • Ungerer erzählt sehr eindrücklich und differenziert.
  • Es wird deutlich, wie immer wieder kleiner und großer Widerstand möglich war - wenn man nur wollte.

Gute Stelle?

Zwei der beeindruckendsten Sätze kommen gleich im Vorspann, das Faksimil zweier Zeilen aus einem Schulheft Ungerers vom 1. Halbjahr 1943. Die Besatzer haben ihm den Vornamen Hans aufgedrückt, und er schreibt:

"Ich bin und heiße Hans Ungerer.
Ich werde der Wanderer sein."

Das wurde er dann ja auch, wenn man sich seine Lebensstationen so ansieht. Er war zwölf Jahre alt, als er das für sich voraussah. Mir hat sich die Kehle zugeschnürt, als ich diese Sätze laut vorlas.

Zu empfehlen?

Aber ja.

Wo aufgestöbert?

Ich hatte vor Jahren davon in einer Verlagsvorschau gelesen, und mein Brüderchen hat mir die Taschenbuchausgabe dann geschenkt:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 144 Seiten. Diogenes, Zürich 1999)

Es hat etliche Jahre gedauert, bis dann im Mai der richtige Zeitpunkt zum Lesen kam.

Und sonst?

Ungerer hat drei unterschiedliche Fassungen dieses Erinnerungsbuches erstellt; eine für das französische, eine für das deutsche und eine für das amerikanische Publikum.

Freitag, 8. August 2014

Projektionen

Süß, wie drüben im SF-Netzwerk einige Leute ganz genau wissen, was gefälligst in meinem NEO-Roman thematisiert werden soll.

Wie sagte Siggi Freud so schön?

"Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen."

Passt.

Gelesen: Tom Sharpe, TRABBEL FÜR HENRY (UK 1979)

Worum geht's?

Bei den Wilts, bekannt aus PUPPENMORD, zieht eine attraktive junge Untermieterin ein, die sich dann als untergetauchte deutsche Terroristin entpuppt. Außerdem geht es um die Abgründe alternativer Lebensstile sowie die Späße, die sich die Vierlinge, alles Mädchen im Kindergartenalter, so leisten.

Wie ist das Buch geschrieben?

Mit viel Freude an Witzen aller möglichen Niveaus und hauptsächlich aus Henry Wilts Sicht.

Was gefiel nicht so?

Entfällt, ich habe das Buch im Mai zum vierten Mal genossen.

Was gefiel?

Ich mag Sharpes Tonfall sehr und wie er Klischees immer wieder kippen lässt.

Gute Stelle?

Sharpe geht gern dorthin, wo es wehtut. Manchmal buchstäblich. Seite 71; Henry hat sich betrunken, wankt nach Hause und erleichtert sich gelegentlich in einen Vorgarten. Deutsch von Benjamin Schwarz:

Beim zweiten Mal hielt er einen Rosenbusch irrtümlicherweise für eine Hortensie und holte sich einen ziemlich bösen Kratzer, und er saß gerade auf dem Rasenstreifen und versuchte, sein Taschentuch als Aderklemme zu benutzen, als ein Polizeiwagen neben ihm hielt. Wilt blinzelte in die Taschenlampe, die ihm ins Gesicht leuchtete, bevor sie zu dem blutverschmierten Taschentuch hinunterwanderte.

"Alles in Ordnung?" fragte die Stimme hinter der Taschenlampe, etwas zu freundlich für Wilts Geschmack.

"Sieht das so aus?" fragte er gereizt. "Sie sehen einen Menschen auf dem Bordstein sitzen und sein Taschentuch um die Reste seiner einstmals stolzen Männlichkeit knoten, und da stellen Sie mir so eine scheißdämliche Frage?"

"Wenn's Ihnen nichts ausmacht, Sir, würde ich an Ihrer Stelle den beleidigenden Ton abstellen", sagte der Polizist. "Es gibt ein Gesetz, das ihn auf öffentlichen Straßen verbietet."

"Es sollte ein Gesetz geben, das das Anpflanzen von verdammten Rosenbüschen gleich neben dem Scheiß Bürgersteig verbietet", sagte Wilt.

"Und darf man fragen, was Sie mit der Rose gemacht haben?"

"Man darf", sagte Wilt, "wenn man sich's verdammt nochmal nicht selber in seinem Scheiß Gehirn zusammenreimen kann, darf man wirklich."

"Was dagegen, es mir zu erzählen?" sagte der Polizist und holte sein Notizbuch raus. Wilt erzählte es ihm mit einer Detailfülle und einem Redefluß, daß in mehreren Häusern der Straße das Licht anging. Zehn Minuten später wurde er aus dem Polizeiwagen ins Revier verfrachtet. "Betrunken und aufsässig, führt beleidigende Reden, stört die Ruhe der Nacht ..."

Wilt unterbrach. "Scheiß Ruhe der Nacht am Arsch", schrie er. "Das war keine 'Ruhe der Nacht'. Wir haben eine 'Ruhe der Nacht' in unserem Vorgarten, und die hat keine ellenlangen Dornen. [...]"

Und so weiter. Eine Szene, die so nur in den grünen Hügeln Englands ablaufen kann. Ich beömmele mich jedes Mal wieder darüber, und ich weiß noch, wie mir bei der ersten Lektüre die Rippen wehgetan haben, weil das aberwitzige Grauen einfach kein Ende nehmen will ... Sharpe steigert das über Seiten hinweg.

Zu empfehlen?

Aber ja. Sofern ihr auf albernen Humor durchmischt mit gesellschaftspolitischen Frechheiten steht.

Wo aufgestöbert?

PUPPENMORD habe ich schon als Jugendlicher im Stern mitverfolgt, wo sie damals noch Fortsetzungsromane abgedruckt haben. Irgendwann hatte ich dann das Paperback so oft gelesen, dass ich doch einmal wissen wollte, wie es mit Henry weitergeht ...

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 287 Seiten. Ullstein Verlag, Frankfurt/M und Berlin, 13. Auflage Oktober 1990)

Und sonst?

Herrlich, wie Sharpe sich schon damals über die verklemmten, selbstgerechten Terror-Fuzzis der RAF lustig gemacht hat! Gab es Vergleichbares eigentlich auch in der deutschen Literatur?

Hier noch meine Lesenotiz von der dritten Lektüre.

Mittwoch, 6. August 2014

Gelesen: Steven Pinker, THE BETTER ANGELS OF OUR NATURE (USA 2011)

Worum geht's?

Steven Pinker, ein Psychologe und Linguist, schreibt über die, wie Abraham Lincoln das einmal genannt hat, "besseren Engel unserer Natur", die für Pinker der Grund sind, "warum Gewalt" entgegen der allgemeinen Wahrnehmung "abgenommen hat", wie es im Untertitel heißt.

Wie ist das Buch geschrieben?

Wie es sich für ein populärwissenschaftliches Buch gehört: Ausführlich, aber sehr gut verständlich. Das Buch hat einen klaren Aufbau, und der Autor nimmt einen auch immer wieder an die Hand und erklärt einem den Weg.

Was gefiel nicht so?

Entfällt.

Was gefiel?

  • Ich kannte schon einige Thesen und Fakten aus verstreuten Quellen, zum Beispiel die erheblichen Differenzen zwischen Polizeistatistiken und öffentlicher Wahrnehmung von Verbrechen. Aber das einmal so gebündelt und geballt serviert zu bekommen, war immer wieder augenöffnend.
  • Außerdem gefiel mir der umfangreiche Anmerkungsapparat. Es lassen sich alle Quellen nachvollziehen und nachverfolgen.
  • Zu guter Letzt mochte ich die diversen Schlenker, die Pinker sich in seinem Wälzer gestattet. Da lernt man auch nebenbei noch viel - ich habe zum Beispiel die perfekte These gefunden, wieso sich Bestseller nicht machen lassen.

Gute Stelle?

Oh je. Dieses Buch hat ein Dutzend Book Darts verschluckt, und ich habe mich noch zurückgehalten!

Nehmen wir der Einfachheit halber die erste Stelle. Seite 23. Sie zeigt, wie gern Pinker sein Buch mit Bonmots spickt. Übersetzung aus dem Stegreif von mir:

[...] honor, the strange commodity that exists because everyone believes that everyone else believes that it exists.

[...] Ehre, die seltsame Handelsware, die existiert, weil jeder glaubt, dass alle anderen glauben, dass sie existiert.

Er führt das im Laufe des Buches noch aus und kann es auch belegen - es ist also nicht nur hübsch dahergeredet.

Zu empfehlen?

Aber hallo! Eines der wichtigsten, befreiendsten Bücher, die ich in meinen vierunddreißig Erwachsenenjahren gelesen habe! Heißer Anwärter auf mein Buch des Jahres!

Wo aufgestöbert?

Letzten Sommer beim Antiquariatsstöbern im Kisch & Co. nach einem späten Frühstück im Tiki Heart:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Broschiert, 802 Seiten. Penguin, New York 2011)

Von ungefähr Dezember bis Mai habe ich es dann gelesen, in kleinen Portionen zumeist beim zweiten Frühstück.

Und sonst?

Das Buch ist auch auf Deutsch erschienen, allerdings unter einem wenig attraktiven, wieder einmal geradezu irreführenden Titel, wie es bei frechen, vom Mainstream abweichenden Sachbüchern in Deutschland leider immer wieder geschieht; meine regelmäßigen Blogleser wissen das.

Es heißt, haltet euch fest, GEWALT: EINE NEUE GESCHICHTE DER MENSCHHEIT. Na, dann.

Die Übersetzung von Sebastian Vogel ist aber bestimmt gut, der kann was.

Sonntag, 3. August 2014

Dringender Lesetipp, weil es sich gerade so ergab

Aus einer E-Mail an einen Freund:

Lies das. Wird dir Spaß machen. Einer der, sagen wir, fuffzich besten Romane, die ich kenne. Sechsmal gelesen. Und zeitgeschichtlich wichtig, da steckt extrem viel USA der 1950er, 1960er Jahre drin. Kesey wusste, wovon er schrieb, bis hin dazu, dass er selber in nem Irrenhaus gearbeitet hat. Der Roman hat einen unglaublichen Flow, der Sound fließt dahin wie Honig, trotz aller krassen und traurigen und aberwitzigen Szenen.

Die Rede ist von Ken Kesey, EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST (USA 1962).

Schönen Sonntag noch!

Freitag, 1. August 2014

BERLIN 2037 - Leseprobe online!

Habe gerade gesehen, dass der Verlag die Leseprobe freigeschaltet hat. Ihr findet das PDF zu Band 76 in dieser Liste: klick.

Viel Spaß damit!