Donnerstag, 25. Dezember 2014

Frohes Fest!

Lasst es euch gutgehen!

Ihr wisst ja: Irgendwas geht immer. Auch wenn man mal "wahrhaftig an den falschen Platz geraten" ist, wie zum Beispiel der jetzige Waldwächter und ehemalige Angler in dem wunderbaren Buch MORGEN, FINDUS, WIRD'S WAS GEBEN von Sven Nordqvist. Der arme Mann hockt allein im Wald und ist unglücklich in seinem Beruf, und eben schneien der alte Petterson und sein Kater rein, die eigentlich bloß einen Weihnachtsbaum hatten schlagen wollen:

"Weißt du, was ich wirklich möchte? [fragt der Angler/Waldwächter] Ich möchte auf einem Berg in den Alpen wohnen mit Aussicht auf schneebedeckte Gipfel, grüne Täler und Seen, ich hätte ein kleines Haus und eine dicke fröhliche Frau, fünf Kinder, einige Kühe und Ziegen. Und wenn mal jemand traurig wäre, würde ich auf der Geige spielen und alle wären wieder froh."

"Das klingt gut", sagte Petterson. "Kannst du denn Geige spielen?"

"Ja, ein bisschen", sagte der Angler. "Ich spiel mir manchmal etwas vor, wenn es zu langweilig wird. Willst du mal hören?"

Das wollte Petterson. Aber Findus sprang unter den Tisch und hielt sich die Ohren zu.

Der Fischer holte seine Geige hervor, die wie ein kleines Kind in eine Decke gewickelt im Regal lag.

"Ich kann noch nicht das ganze Stück", sagte er, "aber ... ja ... so ähnlich ..."

Und der Angler begann zu spielen, wie noch nie jemand gespielt hatte. Es war, als ob sich die Wände der kleinen Behausung öffneten, und der Alte und der Kater stiegen über die dunklen Tannenwipfel, hinauf zum Licht über hohe schneebedeckte Berge und grüne Täler, weit weg ...

Petterson war wie verzaubert. So etwas Schönes hatte er noch nie gehört.

Plötzlich brach die Musik ab und der Angler sagte etwas verlegen, dass er den Rest vergessen hatte. Abwartend sah er Petterson an. Aber Petterson war noch ganz benommen, und erst als Findus in die Pfoten klatschte, wurde er wieder wach.

"Du bist ja ein Meister im Geigespielen. Das war das Schönste, das ich jemals gehört habe."

Der Waldwächter lächelte verlegen. "Tja ... es macht schon Spaß." Und er wickelte die Geige wieder in die Decke.

Es wurde ganz still. Nach dieser Musik gab es nichts mehr zu sagen.


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English summary for foreign readers: Merry Christmas! Also, a recommendation of THE MECHANICAL SANTA by Sven Nordqvist - the best Christmas book I know. I've read it seven times, at least.

Montag, 22. Dezember 2014

Abgeliefert (2): der durchgesehene Umbruch von Tim O'Rourke, ICH SEHE WAS, WAS NIEMAND SEHT

... außerdem habe ich neulich den Umbruch meiner Übersetzung von Tim O'Rourkes FLASHES durchgesehen, sodass die deutsche Fassung demnächst in den Druck gehen kann. Auch hier gibt es inzwischen die Vorschau - kein Wunder, das Buch erscheint ja schon Ende Februar:


Ankündigungstext

Charley sieht Dinge, die sonst niemand sieht. Ihre Visionen sind wie Blitze, kurz und intensiv – ein Mädchen, Schreie, das Rattern eines Zugs. Charley ist felsenfest davon überzeugt, dass sie Verbrechen sieht, bevor sie geschehen. Niemand glaubt ihr, bis auf Tom. Der attraktive junge Police Officer bearbeitet gerade seinen ersten Fall: ein totes Mädchen, das auf Bahngleisen gefunden wurde.
Während die Polizei noch nach der Todesursache sucht, hat Charley wieder Visionen: ein anderes Mädchen, Schreie, das Rattern eines Zugs ...

Ein packender Mystery-Thriller!

Mit Special: exklusive Bonusgeschichte

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Und falls nach diesem und dem letzten Blogeintrag jemand denkt, dass ich mich nun zwischen den Jahren auf die faule Haut legen werde: Nö, Irrtum. Bereits Mitte Januar steht der nächste Abgabetermin an. Ich räume nur gerade zwischendurch ein bisschen den Schreibtisch auf ...

... uuuuund Action!


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English summary for foreign readers: Recently, I checked the galley proof of my translation of FLASHES by Tim O'Rourke. The German version will be published in February '15.

Abgeliefert (1): meine Übersetzung von Elise Broach, REVENGE OF SUPERSTITION MOUNTAIN (USA 2014)

(Bildquelle: Amazon)

Neulich erst habe ich das dritte Abenteuer der Barker Boys übersetzt, und noch während der Arbeit trudelten die Vorschauen ein - inzwischen sind sie auch schon online. Das Cover von DIE BARKER BOYS - DER FLUCH DES DONNERGOTTES wird so hier aussehen:

(Bildquelle: Aladin Verlag)

Ankündigungstext

Nachdem die Barker Boys und Delilah nur knapp dem Tod entkommen sind, tauchen immer mehr Rätsel auf. Der Erdrutsch im Canyon kann kein Zufall gewesen sein. Da sind sich alle einig. Aber wer steckt dahinter? Ein geheimer Brief an Henry liefert den entscheidenden Hinweis. Denn er enthält nicht nur den letzten Willen von Onkel Hank, die Kinder erfahren auch von einem uralten Fluch: Jeder, der das Gold des Berges stiehlt, ist zum Tode verdammt. Ein letztes Mal machen sich die vier Freunde auf den Weg zum geheimen Canyon. Doch ein Gewitter zieht auf und es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

Erscheinen wird der abschließende Band der klassischen Abenteuer à la FÜNF FREUNDE, die Kai Lüftner kürzlich wortreich im Frühstücksfernsehen empfohlen hat, siehe hier, im April 2015 bei Aladin.


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English summary for foreign readers: I've translated REVENGE OF SUPERSTITION MOUNTAIN by Elise Broach. The German version will be published in April '15.

Samstag, 20. Dezember 2014

Voll illegal, die Jungs!

So ungefähr einmal im Jahr stolpere ich hier in Berlin über Straßenmusiker, die mich richtig glücklich machen.

Die beste Version von Pink Floyds "Wish You Were Here" habe ich einmal in der U-Bahn gehört, einfach ein Sänger mit Akkustikgitarre - Gänsehaut. Am Schluss hat seine ganze Ecke des Waggons applaudiert. Ich wollte ihn noch fragen, wie er heißt, um ihn vielleicht im Internet wiederzufinden, aber er war hochrot angelaufen und brachte Geldsammeln und fluchtartiges Verlassen des Waggons so ungefähr gleichzeitig hinter sich ...

Trotzdem, die beste Version ever, believe me. Und wer weiß, vielleicht hatte ich ja seinen allerersten Auftritt als Straßenmusiker überhaupt miterlebt.

Heute Nachmittag nun kamen ein paar lustig-wilde Gestalten durch den Waggon gelaufen, und ich dachte, oho, die sind ja schon Stunden vor ihrem Konzert am Abend richtig gut drauf - weil ich annahm, dass eine so große Truppe doch jetzt nicht in der U-Bahn Musik machen wird. Irrtum. War nämlich doch so.

Sie mischten Country und Reggae. Genial. Ich grinste glücklich und quatschte kurz mit ihnen und kaufte für'n Fünfer ihre CD.

Hört selbst, diesen Song hier aus dem Louisiana der 1930er Jahre haben sie zum Besten gegeben:



Und hier könnt ihr sie auch sehen:



Das waren ein paar fette Sonnenstrahlen an einem düsteren Dezembertag mit Sturmböen und Schneeregen!


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English summary for foreign readers: The Illegal Boys from Poland. Street musicians I've met in Berlin subway today. Check 'em out!

Montag, 15. Dezember 2014

Neue Story jetzt in der Vorankündigung

In diesem Jahr habe ich zwei Geschichten fertiggeschrieben.

  • Eine lange, den Perry-Rhodan-Neo-Roman BERLIN 2037, und
  • eine kurze, nämlich die Science-Fiction-Story "Operation Gnadenakt".

Das ist nicht viel - aber mehr, als ich in den vergangenen zwei Jahren beendet habe. Insofern will ich als Autor mit meiner Jahresleistung zufrieden sein!

BERLIN 2037 ist im August erschienen; wer regelmäßig hier vorbeischaut, hat das zur Genüge mitgekriegt.

Die Story, nun schlicht mit "Gnadenakt" betitelt, wird im Januar in dem Magazin Phantastisch! erscheinen, für das sie auch, auf Anfrage des zuständigen Redakteurs Christian Endres hin, entstanden ist. Atlantis-Chef Guido Latz hat neulich die Vorschau online gestellt; ihr findet sie dort.

Und das Cover hat er auch schon mit hochgeladen:

(Bildquelle: phantastisch.net)

Freut euch drauf, wenn ihr Böhmert-Geschichten mögt!

Der erste Satz geht so:

Eines schönen Tages im Frühherbst 2033 schlug der Präsident seinem Verteidigungsminister vor, die wöchentliche Heimatschutzsitzung mit einem Vier-Augen-Gespräch am Picknicktisch auf dem Südrasen vor dem Oval Office zu beschließen.

Den Rest kann, wer will, im Januar lesen.


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English summary for foreign readers: In January, "Gnadenakt" (Act of Grace), a new science fiction story by yours truly, will be published in German Phantastisch! magazine.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Neulich stank unsere komplette Wohnung nach totem Tier

Unser Zwölfjähriger meint, ich solle euch diese Geschichte unbedingt erzählen.

Also.

Neulich kam ich nach Hause und hatte kaum die Tür der leeren Wohnung aufgeschlossen, da stieg mir ein leichter Aasgeruch in die Nase.

Wir haben einen sehr langen Flur, und je weiter ich ihn hinunterging, desto heftiger wurde der Geruch.

Für einen Moment machte ich mir Sorgen, dass einer unser Wellensittiche gestorben wäre - aber nur für einen Moment. Wie hätte der so schnell anfangen können zu verwesen?

Dann fiel mir unser einer Kaktus ein.

***

Der hatte, schon seit vielleicht zwei Wochen, vor der winterlichen Ruhezeit rasch noch eine Blüte entwickelt. Zum ersten Mal, seit wir ihn haben, und bis auf Faustgröße schwoll das Ding an:

(Alle Fotos: icke)

Faustgroß, wie gesagt. Sehr beeindruckend.

Einige Tage vorher hatte sich die Blüte allmählich geöffnet:






Und nun war sie wohl haarig und fleischig genug geworden!

Ich ging darauf zu und konnte wegen des stechenden Geruchs kaum atmen; mir schnürte sich die Kehle zu.

Offensichtlich eine Kaktusart, die Aasfliegen oder -käfer zur Bestäubung anzieht.

Ich schloss die Zimmertür, von draußen, versteht sich, und lüftete den Rest den Wohnung.

Unser Zwölfjähriger war schwer begeistert, als er von der Schule nach Hause kam.

Er schnupperte ausgiebig und ekelte sich genüsslich, dann hüllten wir die Blüte schön fest in einen Müllbeutel ein, damit der Kaktus seine Blütezeit noch einigermaßen ungestört zu Ende bringen konnte.

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Weiß von euch da draußen in den Weiten des Internets vielleicht jemand den Namen? Es sieht mehr wie eine Sukkulente als ein Kaktus aus; siehe erstes Foto.


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English summary for foreign readers: One of our cactuses blossomed for the first time. The fully developed flower stank like a long-dead animal. Our twelve-year-old was delighted! Does anybody of you out there in the wide spaces of the internet possibly know the name of that species? See first pic; it looks more like a succulent plant than a cactus.

Montag, 8. Dezember 2014

BERLIN 2037 - das Coverbild auf einem T-Shirt!

Wer seinen Kindern ein spaciges Berlin-Shirt gönnen möchte, mit einem feisten arkonidischen Kugelraumer*) drauf, wird jetzt bei Spreadshirt fündig!


Zu haben in den Größen 134/146 und 152/164. Siehe dort.

Und nein, ich bekomme keine Beteiligung.

Trotzdem klasse!


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*) Passt ja auch irgendwie zu Weihnachten, harr harr. Gibt's die eigentlich auch als Baumschmuck?


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English summary for foreign readers: Hey look, the cover illustration of my Perry Rhodan Neo novel BERLIN 2037 has made it onto a t-shirt!

Donnerstag, 4. Dezember 2014

68er und, wenn wir sie mal so nennen wollen, 67er

Ich hatte vor etlichen Wochen ein Gespräch mit Ralf Steinberg über die 1960er Jahre, angeregt durch diesen Blogeintrag dort, und heute während des zweiten Frühstücks fiel mir beim Stöbern in der Handbibliothek ein Text von Al Imfeld auf, den ich euch auszugsweise gleich auch hier präsentieren kann, anstatt ihn nur Ralf zu mailen.

Also. Ralf schrieb in seinem oben verlinkten Blogeintrag:

Man sieht sich ja gern als Fanal der Toleranz und Gelassenheit. Bei mir bröckelt das leider immer wieder aus dem Selbstbild heraus. Ich bin halt nicht durch die 68er erzogen worden. So ein bisschen Hippiesein wünsch ich mir [...]

Worauf ich im Kommentar antwortete:

"68er" und "Hippie" sind Gegensätze. Aber das erklär ich dir mal irgendwann in Ruhe beim Bier. Das kriegen selbst die meisten Westler nicht auseinanderklamüsert.

Hier nun Al Imfeld, der das pointierter auseinanderklamüsert, als ich es beim leckersten Bier je könnte!

Zunächst einmal diese Stelle hier:

Man muß unbedingt unterscheiden zwischen dem Beginn und dem 2. Teil der 60er Jahre. Diesbezüglich tut man nicht unrecht, wenn man die typischen Sechziger von den 68ern unterscheidet. Also, in einer einzigen Dekade waren gegenüber der früheren, langsam dahinfließenden Zeit gleich mehrere Dekaden verpackt. Am Anfang stand Kennedy und am Ende Nixon; es begann mit überschwänglichem Optimismus der Bürgerrechtsbewegung und endete im Kater des Vietnamkriegs.

Und nun:

Die 68er basierten mehr oder weniger auf einer einzigen Strömung, der des Marxismus mit Marx, Lenin und Mao. Das war wirklich Monokultur, besaß wenig Weltgeist; es war eine beinahe fundamentalistische, bestimmt jedoch eine engstirnige Bewegung, ihr fehlte es an Tiefe und Breite. Das Schlimmste dieser Strömung war bestimmt das Vergessen einer breiten kulturellen Umgebung; sogar Natur und Religion glaubte sie hinter sich lassen zu können.

Im Gegensatz dazu waren die frühen 60er Jahre Aufbruch überall. Ein Schiff gestrandet im Eismeer begann mit der Schmelze zu bersten. Statt, wie später des öfteren, kam es zu keiner Untergangsstimmung. Ganz im Gegenteil: Das Zerbrechen war mit großem Optimismus und einem Gefühl der Befreiung verbunden: alle glaubten an eine andere und bestimmt bessere Zukunft; man arbeitete an vielen und an verschiedenen Fronten gleichzeitig. Diese Bewegung war so breit, daß man sagen kann, sie wurde zu einem globalen Zeitgeist und betraf bald alle Gegenden und Gruppen. Das war kein Klassenkampf, das war ein Aufstand und ein Aufbruch für eine bessere Welt. Nichts war monokulturell, monoman oder monologisch; das war kein Monoprogramm, denn auf allen Ebenen, und zum Teil sehr konfus, lief etwas ab.

aus: Al Imfeld, "Der globale Vulkan. Aufbruch zu Beginn der sechziger Jahre und die Verkrustung einer romantischen Lava", in: ALLES SCHIEN MÖGLICH, hg. von Werner Pieper, 2007. Das erste Zitat stammt von Seite 14, das zweite von Seite 13.

(Bildquelle: Die grüne Kraft)

Übrigens sehr zu empfehlen! Wie so viele Grüne Zweige vom Meister-"Lernling" Werner Pieper.


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English summary for foreign readers: Just some Al Imfeld quotes on the difference between the '68 generation and the, let's call it, '67 spirit ... Plus a recommendation of Werner Pieper's Grüne Kraft publishing house.

Dienstag, 2. Dezember 2014

BARKER BOYS im Frühstücksfernsehen



Die von mir übersetzten Bücher um die Barker Boys sind gestern durch Kai Lüftner im Sat.1-Frühstücksfernsehen vorgestellt worden.

Der gute Kai berlinert dermaßen schön ...

Da bin ick über 347 Empfehlungen druff jekommen, dit is eine total tolle Jeschichte, die so'n bisschen retro is in ihrer Art und Weise. Inhaltlich geht's um drei Jungs, die ins Outback ziehen und uff 'nem Berg 'ne Entdeckung machen, da zwee Totenschädel entdecken, und dann jeht so 'ne richtich klassische Abenteuerjeschichte los, ohne Chi-Chi, kein Schnickschnack, keine verschnörkelten Sätze, sondern so richtich aufs Wesentliche reduziert, und ick mag diese Art und Weise dieses Jungen-Abenteuerromans einfach sehr, obwohl's ooch mädchenkompatibel ist natürlich

... dass wir eigentlich in derselben Ecke aufgewachsen sein und uns kennen müssten - tun wir aber nicht.

Den Clip - er hat noch mehr zu sagen - findet ihr dort; los geht's etwa bei 4:40.

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Übrigens bin ich gerade mit dem abschließenden dritten Band beschäftigt, der nächstes Jahr herauskommen soll.


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English summary for foreign readers: Kai Lüftner, wild looking author from Berlin, presented the Superstition Mountain Mysteries books by Elise Broach (which I translated into German) yesterday on Sat.1 morning show. You can watch the clip over there.

Donnerstag, 27. November 2014

Wer noch ein gedrucktes Exemplar von EIN ABEND BEIM CHINESEN kaufen möchte, sollte sich beeilen!

Denn diese Sammlung meiner besten Kurzgeschichten aus dreißig Jahren wird per 12.12. aus dem Programm genommen. Falls euch das Buch gefallen hat, also bitte rasch noch weitersagen!

Es handelt sich um ein Book on Demand, also um ein Buch, das nur einzeln auf Bestellung gedruckt wird - in den Ramschverkauf geht da nix. Jetzt oder nie ist die Devise.

Hier noch einmal gebündelt alle wichtigen Infos:



Ein Abend beim Chinesen
Beste Geschichten
p.machinery, Murnau am Staffelsee 2009

Broschur
231 Seiten - EUR 12,90
Erhältlich im Buchhandel


Umschlagtext

Aber:
"Ich habe nie verstanden, warum noch keiner seine Storys mal gesammelt rausgebracht hat."
Klaus N. Frick

Nun:
"Immer wenn man glaubt, diesen Schriftsteller durchschaut zu haben, zertrümmert er jegliche Erwartungen mit geradezu erschütternder Beiläufigkeit."
Hannes Riffel

Also:
24 beste Geschichten aus knapp 30 Jahren, quer durch Böhmerts Schaffen und über alle Genregrenzen hinweg. Unterhaltsam, eindringlich, romantisch, abgebrüht.

Frank Böhmert, Jahrgang 1962, wurde hauptsächlich durch seine lose Mitarbeit an der Perry-Rhodan-Serie bekannt und lebt als Übersetzer in Berlin. Er hat Autoren wie Robert B. Parker, Philip K. Dick und James Tiptree jr.  ins Deutsche gebracht.


Leseproben im Netz

  • Die Dame ohne Unterleib (S. 68-70), bei Literra
  • Ein Zoo, ein Spanier, ein Gnom (S. 144-147), bei Literra
  • Das Lager (S. 170-193), in AndroXine Nr. 4 (ab S. 45)
  • Die Geschichte vom Frauenmörder und den Playboyheften (S. 216-222), bei Literra


Lesermeinungen

  • "Man kann fast nicht glauben, dass alle 24 Storys dieser Sammlung vom selben Schriftsteller stammen." (Johannes Kreis)
  • "Man könnte Böhmert mit dem Filmregisseur David Lynch vergleichen, doch es gibt einen Unterschied: Bei Lynch lässt einen das Szenario des Unwirklichen am Ende ratlos zurück, während Böhmert uns auf immer neuen Wegen zu intensiven Aha-Erlebnissen führt - und dabei bisweilen auch vor derben Pointen nicht zurückschreckt" (Sol)
  • "... wirkungsvoll arrangierte Kurzgeschichtensammlung ... Wandlungsfähigkeit ... pointierter Humor voller Biss ... Gespür für das innere Feeling einer Szene" (Fantasyguide)
  • "scheinbar einfache, tatsächlich aber hochpräzise Sprache" (Andromeda Nachrichten)
  • "überrascht und verblüfft, schockt und lässt Erinnerungen an eigene Erlebnisse aufkommen" (Phantastik-News)


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English summary for foreign readers: My Best of collection EIN ABEND BEIM CHINESEN (Eating Chinese) will go out of print on December, 12. One of the stories, "Das Loch" (The Hole),  has been translated into English and you can find it in the Berlin anthology THE DUST SETTLES from 1993 over there.

Samstag, 22. November 2014

BERLIN 2037 - meine Lesung neulich im Otherland jetzt auf Youtube konserviert

Mit jeder Menge Geplauder rund um die Perry-Rhodan-Serie, und ich berlinere auch mal wieder sehr schön. Schaut ihr hier:



Bei den Norddeutschen Bürgermedien findet ihr auch noch einige andere Lesungsfilme, unter anderem mit Dietmar Dath - also seht euch ruhig mal die Videoliste an ...


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English summary for foreign readers: Above, you can watch me reading at the book launch of my Perry Rhodan Neo novel BERLIN 2037 at Otherland bookshop in Berlin Kreuzberg. In German, logically.

Montag, 17. November 2014

Gelesen: Paul Auster, STADT AUS GLAS (USA 1985)

Worum geht's?

Ein New Yorker Autor von Detektivromanen wird versehentlich als der Detektiv Paul Auster engagiert und soll einen Mann aufspüren. Ein Vexierspiel, ihr seht schon.

Wie ist das Buch geschrieben?

Verschwurbelt und zu Abstraktionen neigend.

Was gefiel nicht so?

Das Buch ist, glaube ich, schlecht gealtert. Alles schreit "1980er!" auf eine Weise, wie etwa Romane von Heinrich Böll "1950er/60er!" schreien.

Was gefiel?

Die traumhafte Atmosphäre in einem eigentlich realistischen Roman. Das ist schon geschickt gemacht.

Gute Stelle?

Ich will sie nicht gut nennen im Sinne von gut geschrieben. Aber sie ist typisch. Seite 135. Quinn, der Krimiautor, hat gerade versucht, telefonisch den Fall zurückzugeben, aber die Leitung ist besetzt. Deutsch von Joachim A. Frank, den ich eigentlich für seine Übersetzung von Keri Hulmes UNTER DEM TAGMOND sehr schätze, aber ich weiß nicht, ob das hier nun schlecht übersetzt ist oder schlecht geschrieben - oder beides:

[D]as Schicksal hatte es nicht zugelassen. Quinn dachte einen Augenblick darüber nach. War "Schicksal" wirklich das Wort, das er gebrauchen wollte? Es erschien ihm so gewichtig und altmodisch. Und dennoch, als er es gründlich untersuchte, entdeckte er, daß er genau das hatte sagen wollen. Oder wenn es schon nicht genau das war, so war der Ausdruck doch treffender als jeder andere, der ihm einfiel. Schicksal im Sinne von "was war", was zufällig war. Es war so etwas wie das Wort "es" in dem Satz "es regnet" oder "es ist Nacht". Worauf sich dieses "Es" bezog, hatte Quinn nie gewußt. Vielleicht war es eine verallgemeinerte Beschaffenheit der Dinge, wie sie sind, der Zustand der Es-heit, welcher der Boden ist, auf dem die Geschehnisse der Welt stattfanden. Eindeutiger konnte er es nicht ausdrücken. Aber vielleicht suchte er nicht wirklich etwas Eindeutiges.

Mein innerer Lektor hätte da, und zwar weil mir die Stelle eigentlich gefällt, viel zu tun.

Zu empfehlen?

Ich würde sagen: nur noch von zeitgeschichtlichem Interesse. Die Schundromane, auf die Auster sich bezieht, also die klassischen Detektivromane, sind deutlich besser gealtert.

Wo aufgestöbert?

Auf dem Verschenke-Fensterbrett in unserem Treppenhaus. Da ich Auster als Drehbuchautor von SMOKE in guter Erinnerung hatte, habe ich es im August mal mit dem Romanautor probiert:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 375 Seiten. Rororo, Reinbek, 164. bis 178. Tausend 1997)

Auch die Kunst von Hendrik Dorgathen ist schlecht gealtert, finde ich. Und ich war mal stolzer Besitzer eines signierten und nummerierten Siebdrucks! Hier ein Foto von ca. 1986:

(Foto: privat)

Der Hut gehörte meiner damaligen Freundin, den Siebdruck habe ich irgendwann verschenkt.

Und sonst?

Ich glaube nicht, dass ich mehr von Auster lesen werde. Ich halte ihn für überschätzt.

Wahre literarische Krimi-Gemmen finden sich für English readers zum Beispiel dort bei Hard Case Crime - dreckig, grell und oft verdammt feinfühlig geschrieben. Dagegen ist STADT AUS GLAS blutleer und beliebig - als hätte der Autor es geschrieben, um Zeit totzuschlagen.


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English summary for foreign readers: CITY OF GLASS by Paul Auster from 1985 didn't age well, I think. Reading it I had the impression that the author wrote it to kill some time.

Freitag, 14. November 2014

Abgeliefert: das gegengelesene Lektorat meiner Übersetzung von Tim O'Rourke, FLASHES (GB 2014)

Inzwischen gibt es auch einen deutschen Titel für den parapsychologisch angehauchten Krimi: ICH SEHE WAS, WAS NIEMAND SIEHT. Auch ein Coverentwurf für die deutsche Ausgabe liegt mir bereits vor, aber den darf ich euch noch nicht zeigen! Stattdessen hier das Original:

(Bildquelle: Chicken House UK)

Demnächst werde ich wohl noch einzelne Fragen mit der Lektorin klären, anschließend geht das Buch in den Satz, und dann steht die Fahnenkontrolle an.

Mehr zum fesselnden Original dort beim britischen Chicken House sowie hier bei mir.


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English summary for foreign readers: I just counter-checked the edited script of my translation of FLASHES by Tim O'Rourke. This mystery novel with parapsychological elements is a compelling read and will be published next year by Chicken House Germany.

Mittwoch, 12. November 2014

Gelesen: Sibylle Berg, VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN (D 2012)

Worum geht's?

Einmal um das Leben eines seltsamen Menschenwesens, das der Welt mit unzerstörbarer Offenheit und Verletzlichkeit gegenübertritt, egal was die Mitmenschen ihm antun.

Und dann noch um drei Deutschlands: die DDR, das wiedervereinigte Deutschland, das Deutschland der Zukunft. (Die Handlung setzt 1966 ein und endet 2030.)

Wie ist das Buch geschrieben?

Unglaublich virtuos. Wer Sibylle Bergs Kolumnen kennt, damals in Literaturen, heute auf Spiegel online, kann sich vorstellen, wie sie immer wieder wunderbar prägnante, schneidende Bonmots einflicht. Sie macht ein bisschen arg auf hohe Literatur, mit Anführungszeichenverbot und so, aber daran gewöhne ich mich immer schnell, wenn der Erzählfluss nur stimmt. Und das tut er.

Was gefiel nicht so?

Entfällt. Das ist zwar ein geradezu monströs vielfältiger Roman von gerade mal vierhundert Seiten, aber irgendwie kriegt Frau Sibylle das alles mit lockerer Hand hin.

Was gefiel?

  • Ich musste mir richtig Mühe geben, das Buch langsam zu lesen - sonst hätte ich die vielen knackigen Kommentare zu allem Möglichen verpasst.
  • Der Roman ist so herzzerreißend in seiner Zärtlichkeit für das Leben und die Kreatur und so brüllend komisch in seinem Sezieren dessen, was nicht stimmt, dass so gut wie jede Seite ein Wechselbad bietet - selten wurde ich bei einer Lektüre dermaßen durchgeschüttelt und gleichzeitig geistig so wachgehalten.
  • Dabei ist Frau Sibylle sich für keine Pointe und Handlungswendung zu schade - dieses Buch müsste eigentlich jeden Moment in alle Richtungen auseinanderfliegen. Tut es aber nicht. Das spricht für ein gutes Gravitationszentrum.

Gute Stelle?

Ein Credo des Romans, eines von mehreren möglichen, steht schon auf dem Umschlag:

Man kann alle Möglichkeiten betrauern, die man nie gehabt hat, oder sich daran freuen, dass man kurz aufgetaucht ist aus der Großen Dunkelheit der Unendlichkeit, die sonst immer herrscht, vor der Geburt und nach dem Tod, ein kurzer Moment Licht, das ist doch viel ...

Amen.

Eine weitere gute Stelle habe ich neulich schon ins Blog gestellt, hier.

Zu empfehlen?

Aber hallo! Das ist eine haarsträubende Lektüre und ein großer deutsch-deutscher Roman - der beste, den ich kenne. Heißer Anwärter auf mein persönliches Buch des Jahres.

Wo aufgestöbert?

Im Ferienhaus einer Freundin meiner Liebsten, bei der wir im Sommer eine Urlaubswoche verbracht haben. Sie legte mir das Buch ans Herz, und wir sprachen dann fast täglich über das, was ich gerade gelesen hatte - ein Minilesezirkel sozusagen, sehr schön. Zum Abschied hat sie mir ein Exemplar geschenkt:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Gebunden, 397 Seiten. Hanser, München, 2. Auflage 2012)

Und sonst?

Wird es nicht das letzte Buch sein, das ich von Frau Sibylle gelesen habe.


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English summary for foreign readers: VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN (Thanks For Life) by Sibylle Berg is one of the best novels I've read this year. Berg tells the story of a freak, a "prototype", who is not capable of aggression or hate and goes through life hurt but undeterred in three Germanys, the GDR, the reunified Germany and the future Germany (the book begins in 1966 and ends in 2030). I can't believe it isn't translated into English yet!

Montag, 10. November 2014

Swamp Rock aus Beirut - The Wanton Bishops

Wow

Wow

Wow

Wenn ich mir was wünschen dürfte - die libanesischen Wanton Bishops würde ich 2015 gern im Sommer auf einer feinen, kleinen deutschen Festivalbühne sehen!

(Gefunden in der aktuellen Ausgabe der Heritage Post)


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English summary for foreign readers: The Wanton Bishops from Beirut, Lebanon seems to be a damn good swamp rock live band - I really would like to see them on a German festival stage in summer 2015!

Neue Buchmesse in Berlin

Ich weiß noch nicht, ob ich dort auflaufen werde, aber ich will die Berliner unter euch Leseratten und Papierfresserchen wenigstens mal darauf hingewiesen haben:


Am kommenden Wochenende findet zum ersten Mal die BuchBerlin statt, unter anderem mit meinem Hausverlag Golkonda. Mehr dort und dort und dort.


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English summary for foreign readers: Next weekend, a new book fair will open in Berlin. I don't know if I will be there, but YOU should definitely go if you're in town! Because so then it will be a success and I can go next year - am I right or am I right?

Auf den Merkzettel: Sylvia Townsend Warner, T. H. WHITE - A BIOGRAPHY (GB 1967)

Angeregt durch einen Blogeintrag von Raskolnik habe ich gerade noch einmal die Biographie des hochgeschätzten skurril-warmherzigen Romanciers T. H. White recherchiert:

(Bildquelle: Amazon)

  • Ein lustigerweise ganz neuer Artikel über dieses alte Buch findet sich dort in der Paris Review.
  • Über die Autorin, die vor allem mit Erzählungen und Gedichten hervorgetreten ist, findet sich etwas in der deutschen Wikipedia.
  • Und meine Lesenotiz zu Whites scharmanter GULLIVER-Pastiche SCHLOSS MALPLAQUET von 1947 findet sich hier.


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English summary for foreign readers: I just put Sylvia Townsend Warner's biography of T. H. White on my reading list because I want to know more about that great writer. You can read a review of the book over there at Paris Review.

Donnerstag, 6. November 2014

Na also, geht doch!

Eigentlich schaue ich kein Fern, nur auf Konserve, sprich DVD. Aber nach einem Bericht in der Printausgabe der Berliner Morgenpost über den Fernsehfilm BORNHOLMER STRASSE von Christian Schwochow musste ich gestern Abend dringend eine Ausnahme machen:

Kein polyperspektivisches Riesenepos, sondern ein Kleinstausschnitt. Die Nacht des 9. November 1989 wird nur an diesem einen Ort, dem Grenzübergang, erzählt. Die große Weltgeschichte als konzentriertes Kammer-, ja Barackenspiel. "Bornholmer Straße" wartet dabei mit gleich zwei großen Zumuntungen auf. Die erste: Der Film nimmt dabei konsequent die Perspektive eben jener Menschen ein, mit denen man in diesem Zusammenhang am allerwenigsten zu tun haben will - die der Grenzer, die an diesem Abend ihren Dienst verrichten. Die zweite: Das Ganze wird uns nicht als Doku- oder sonstiges Drama erzählt, sondern als grelle Farce. Die Wiedervereinigung als Lachnummer. Das muss man sich wahrlich erst mal trauen

schreibt Peter Zander in der Mottenpost vom 5. November, Seite 18.

Geglaubt habe ich das nicht. Aber ich war neugierig genug.

Und Zander hat recht. Die Filmemacherfamilie der Schwochows hat sich getraut, und das Ganze ist gelungen. Ich habe da zwar keine "grelle Farce" gesehen - wenn überhaupt, dann eine versöhnliche Farce -, aber der Film ist definitiv eine Komödie; der Humor spannt sich dabei vom Aberwitzigen bis zum Tragikomischen, unter manchen Witzen schwingt etwas Gruseliges mit und oftmals auch etwas Leises, Sanftes.

Das war ein Film, wie ich ihn eigentlich eher bei einer BBC-Produktion erwarten würde: Hervorragend besetzt, dicht dran an den Figuren, aus einem inzwischen viel bearbeiteten Thema neue Funken schlagend.

Meine Empfehlung! Sogar unser Elfjähriger war gefesselt.

Jetzt bin ich ja fast schon versucht, mal in die Serie WEISSENSEE reinzuschauen. Guckt sich die von euch jemand an?

  • Wer mehr über den Film wissen möchte: Die Themenseite findet ihr dort bei der ARD, und gucken könnt ihr ihn noch bis zum 12.11.
  • Mehr über Harald Jäger, den Mann, der Vorbild für die Hauptfigur war, findet ihr dort in der Wikipedia.


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English summary for foreign readers: BORNHOLMER STRASSE is a great, funny new German TV movie telling the story of some border guards in the night of the fall of the Berlin Wall. If you're located in Germany, you can watch it for free until November 12. Just have a look over there!

Dienstag, 4. November 2014

Friedfertigkeit in Kriegssituationen - eine tolle Anekdote. Und ein Ausgehtipp

Seit einem Dreivierteljahr gibt es jetzt in Neukölln die Nomad Chai-Bar; seit vielleicht zwei Monaten weiß ich davon. Neulich habe ich es endlich geschafft, diesen feinen, kleinen Treffpunkt für Hippies, Freaks und Spinner zu besuchen.

Anlass war eine kleine Meditationseinführung durch den buddhistischen Mönch Tenzin Peljor, den ich über meine Liebste kenne.

Das Nomad ist ein liebevoll gestalteter kleiner Laden in einer Nebenstraße der Boddinstraße - eine Oase mitten im Neuköllner Trubel. Schwarze Wände, Schwarzlichtbilder, an der Decke ein Gespinst von Glasfasern, auf dem Boden Teppiche, Sitzkissen, Tischchen aus Baumscheiben und Acrylglas. Einschlägige Bücher liegen aus, es läuft Hippie-Blubbermusik; ich kam mir vor wie in einem Chai-Zelt auf dem Herzberg-Festival, herrlich. Schuhe ausziehen und rein da!

(Bildquelle: Nomad-Galerie)

Das Publikum ist international: eine Handvoll Deutsche, ansonsten waren mindestens England, USA, Schweiz und einige osteuropäische Länder vertreten. Gemeinsame Sprache: natürlich Englisch.

Osteuropa ist ein gutes Stichwort - irgendwann während der Meditationseinführung fragte jemand, der hörbar aus dieser Weltregion stammte, ob man denn, wenn man so seine Friedfertigkeit üben würde, dann noch fit wäre, in kriegerischen Konflikten zu bestehen.

Was eine verdammt gute Frage ist, weil viele Menschen Angst haben, ihre Wehrhaftigkeit zu verlieren, oder fürchten, sowieso schon nicht wehrhaft genug zu sein.

Tenzin nickte und erzählte eine kürzlich selbsterlebte Geschichte:

***

Er war mit seinem Meditationslehrer und einer Nonne am U-Bahnhof Yorckstraße unterwegs, alle drei im Gewand. Dieser Lehrer, sagte Tenzin, praktiziere schon so lange, dass er heute praktisch 24 Stunden am Tag in der Meditation sei.

Sie gingen den Bahnstein entlang, und ihnen kamen drei, vier junge Männer entgegen, erkennbar mit jedem Schritt aggressiver gegen sie. Tenzin rechnete mit, wie er sagte, Problemen.

Was geschah?

Es ging alles ganz schnell:

Der Anführer der jungen Männer stürmte dem Lehrer entgegen und holte mit der Faust aus, um ihn ins Gesicht zu schlagen.

Der Lehrer wischte die Faust beiseite, tippte dem Anführer mit der eigenen Faust sanft ans Kinn, sagte "Buh!" dabei, und als der junge Mann ins Leere taumelte, richtete der Lehrer ihn im Vorbeigehen auf, damit er nicht stürzte -

- und beide Gruppen gingen einfach aneinander vorbei.

Situation beendet.

Nichts weiter geschah.

***

Tenzin lachte, und dann fügte er ernst hinzu, wohl um dem Fragenden doch noch eine allgemeinere Antwort zu geben: Es gehe darum, zu verhindern, dass Leid geschehe. Einem selbst solle kein Leid zugefügt werden, und es gelte auch, niemand anderem Leid zuzufügen; weil Leid immer wieder nur zu neuem Leid führe.

Du bringst deinen einen Feind um, und nun hast du fünf, sagte Tenzin. Seine Freunde, seine Familie. Und das kann immer so weitergehen.

Und dann lachte Tenzin wieder.

Eine der Sachen, die ich an buddhistischen Mönchen und Nonnen mag: Sie lachen immer so viel.


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English summary for foreign readers: Nomad Chai Bar is a lovely new venue in Berlin-Neukölln for hippies, freaks and wackos. Last weekend I was there for the Sunday Meditation and listened to a Buddhistic monk who spoke about earnest things laughing much.

Sonntag, 2. November 2014

Auf den Merkzettel: Mary Roach, PACKING FOR MARS (USA 2010)

Mit "Merkzettel" mache ich mal eine neue Kategorie auf: Vielleicht kennt ja jemand bestimmte Sachen schon und hat Lust, etwas dazu zu sagen. Würde mich freuen! Und zum Mindesten finde ich solche spannenden Sachen durch die Bündelung hier dann gut wieder.

(Bildquelle und mehr zum Buch: Homepage von Mary Roach)

Mary Roach fiel mir als sehr fitte Interviewpartnerin in der Weltraummüll-Doku zu dem tollen Film GRAVITY auf, den ich gestern Abend zum zweiten Mal gesehen habe.


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English summary for foreign readers: "Merkzettel" (leaflet) is a new category in my blog; here I will put all the interesting books etc I stumble upon to prevent forgetting them. And perhaps, hopefully, somebody would like to add some knowledge to my curiosity. Feel free to do so! - Mary Roach was a great interview partner in a feature on space junk which was an extra on the GRAVITY dvd I watched yesterday.

Freitag, 31. Oktober 2014

Gelesen: Joe R. Lansdale, Timothy Truman und Sam Glanzman, JONAH HEX - SHADOWS WEST (USA 1999)

Sagt selbst: Was könnte hier an Halloween passender sein als die Lesenotiz zu einem Gruselwestern?

Worum geht's?

Der entstellte langhaarige Abenteurer Jonah Hex stolpert über einen Zirkus, der sich eine Indianerin als Sexsklavin hält. Es gilt, die Squaw und ihren sehr seltsamen Säugling zu befreien und die beiden zu ihrem Stamm zurückzuführen.

Wie ist der Comic erzählt?

In drei Heften als eine Mischung aus Abenteuer und Komödie.

Was gefiel nicht so?

Die Zeichnungen sind nicht mehr locker, sondern flüchtig.

Die erzählerische Derbheit, die ich in den ersten beiden Staffeln sehr virtuos eingesetzt fand, siehe hier und hier, ist einer, hm, nennen wir's mal Abschaum-Räudigkeit gewichen, die mir keinen Spaß mehr macht.*) Mit so etwas hatte ich schon bei manchen Undergroundcomix der 1970er Jahre zu kämpfen.

Was gefiel?

Die Indianer kommen nicht als Projektionsfläche, sprich: Edle Wilde rüber, sondern bleiben herrlich fremdartig.

Gute Stelle?

Es gibt mehrere sehr schöne Wendungen, die mich wirklich überrascht haben - und die ich hier natürlich nicht ausbreiten werde.

Zu empfehlen?

Eher nicht. Vor allem, weil auch noch die Zeichnungen so nachgelassen haben.

Wo aufgestöbert?

Doubletten-Geschenk vom guten Molosovsky, gelesen im August:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Heft 3 von 3. Vertigo/DC, New York 1999)

Und sonst?

Reizen mich solche Gruselwestern aber gerade - ich schiele schon zu dem kürzlich erschienenen DIE SECHSTE WAFFE von Bunn/Hurtt rüber ...


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*) Dass es so kommen würde, hätte ich mir allerdings denken können: Zum ersten Mal stand ein "Suggested for mature readers" auf dem Umschlag. Ich bin kein solcherner "erwachsener Leser"; ich arbeite schwer an der Bewahrung eines kindlichen Herzens, zum Beispiel Filme "ab 16" schaue ich selten, "ab 18" so gut wie nie.


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English summary for foreign readers: I didn't enjoy reading JONAH HEX - SHADOWS WEST because the artwork wasn't laid-back anymore, but sketchy, and the storytelling wasn't coarse anymore, but, say, scum-scabious. This third Hex miniseries reminded me of some of the lesser good underground comix of the 1970s.

Montag, 27. Oktober 2014

Schnäppchen!

Nach zwei Stunden Liebäugeln auf der Abendveranstaltung am Freitag wollte ich meinen Widerstand dann doch aufgeben und habe sie mir zugelegt, die Biografie von Irwin Porges über Edgar Rice Burroughs:


Zwei Bände mit Schuber! Reich illustriert mit Gemmen aus der Pulp-Ära! Vorwort von Ray Bradbury!*) Obendrein die Paperback-Erstausgabe von 1976! Und das alles für'n Zehner! Wieso habe ich mich da überhaupt so lange gewehrt?

Noch dazu mit der Begründung, das wäre so ein Buch, das man sowieso nie lesen würde? Übers Wochenende habe ich die ersten fuffzich Seiten runtergeschnurrt - feines Buch.

Und ich schätze solche Biografien über Schundschriftsteller und Vielschreiber sehr; da fällt immer irgendetwas ab, das sich lernen lässt, und Schwung fürs eigene Schreiben geben sie auch.


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*) Das fröhliche Vorwort von Bradbury finden Englischlesekundige übrigens komplett dort.


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English summary for foreign readers: In my favorite Berlin bookstore Otherland I just came across Irwin Porges' great biography EDGAR RICE BURROUGHS: THE MAN WHO CREATED TARZAN from 1976. Just look how happy I am!

Freitag, 24. Oktober 2014

Gelesen: Boris Koch, DAS KANINCHENRENNEN (D 2014)

Heute Abend ist Buchpremiere im Otherland, und da will ich, nachdem ich Boris' neues Buch gerade erst ausgelesen habe, doch einmal kräftig werbetrommeln - kommt zuhauf!

Nachtrag 27.10. - Ralf Steinberg hat einen kleinen Bericht über die Lesung geschrieben, siehe dort. Mit Fotos!

Worum geht's?

In dem fiktiven Städtchen Niederrhode gibt es seit dem Dreißigjährigen Krieg die Tradition des Großen Kaninchenrennens, an dem alle Zehnjährigen teilzunehmen haben, als Übergangsritual ins Jugendlichenleben. Hauptfigur Tim, ein Außenseiter, bekommt ausgerechnet ein dreibeiniges Kaninchen ab. Wie, verflixt, soll er damit gewinnen? Und gewinnen will er unbedingt, um es dem Städtchen endlich einmal zu zeigen.

Wie ist das Buch geschrieben?

Mit unsichtbarer Virtuosität. Sprich: Boris weiß, wie Erzählen geht, aber er gibt zum Glück nicht damit an.

Was gefiel nicht so?

Entfällt.

Was gefiel?

  • Obwohl für Kinder geschrieben, konnte das Buch mich Zwoundfuffzichjährigen gut bewegen. Ich war belustigt, wütend, traurig, begeistert, gespannt.
  • Ich mag, wie Boris ganz weit im Hintergrund Anklänge an seine unheimlich-phantastischen Geschichten in das Buch eingebaut hat - die Architektur in dieser kleinen Stadt ist mitunter sehr seltsam; da gibt es die Singende Villa, die Schauerwerke ...
  • Außerdem gefällt mir, wie Boris seine junge Leserschaft immer wieder dazu bringen will, auf ihre eigene Kraft, ihre eigene Ethik und ihre eigenen Vorstellungen vom Leben zu setzen. Hierarchien zählen bei ihm nicht viel - wohl aber Erfahrungsschätze.

Gute Stelle?

Diese hier auf Seite 61 hat mich laut auflachen lassen:

Zögernd fragte er: "Soll ich es deiner Mutter erklären?"

Pascal zuckte mit den Schultern. "Das bringt nichts. Sie glaubt nur das, was in dem Ratgeber für alleinerziehende Mütter steht."

Zu empfehlen?

Aber hallo! Ich hatte mir wenig von dem Buch, das ein bisschen hausbacken daherkommt, versprochen. Aber dann hatte ich tierisch Spaß damit.

Wo aufgestöbert?

Boris' berühmteste Bücher, die Romane um den DRACHENFLÜSTERER, haben mich nie gereizt. Aber ich kannte einige frühe unheimlich-phantastische Geschichten von ihm, DER ADRESSIERTE JUNGE. Dann kamen die VIER BEUTEL ASCHE, und diese, hm, Road-Novel fand ich genial. Genau mein Stoff. Nach meiner Lesenotiz damals kündigte Boris an, mir dieses Buch hier zu schicken, sobald es herauskommen würde. Was er dann auch getan hat:

(Bildquelle: Heyne fliegt. Gebunden, 336 Seiten. Heyne fliegt, München 2014)

Und sonst?

Treffen wir uns heute Abend natürlich alle auf der Buchpremiere, was denn sonst? Das wird toll!


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English summary for foreign readers: Reading DAS KANINCHENRENNEN (Rabbit Race), the new children's book by Boris Koch, was fun! In a fictitious little German town, since Thirty Years' War all ten-year-olds have to train a rabbit for the Big Rabbit Race, a rite of passage to adolescence. The main character of the story, an outsider, only gets a rabbit with three legs! How the hell can he possibly win that race and show the whole town?

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Abgeliefert: "Operation Gnadenakt", eine Story für PHANTASTISCH!

Abgeliefert rund zwei Wochen vor dem Termin, worauf ich nach dem Kampf mit meinem Neo-Roman im Sommer sehr stolz bin!

Inzwischen ist die Story auch schon angenommen worden, ihres Themas wegen erst nach einer Diskussion zwischen Redakteur, Chefredakteur und Verleger, wie mir mitgeteilt wurde, sodass ich euch nunmehr frohen Herzens ihr Erscheinen in der Januarausgabe von PHANTASTISCH! ankündigen kann.

Wenn ihr meine Kurzgeschichten schätzt: Freut euch drauf!


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English summary for foreign readers: I've written just another sf story, "Operation Gnadenakt" (Operation Act of Grace). It will be published in the January '15 edition of the German sf magazine PHANTASTISCH! and I think it shows clearly that I translated a lot of Tiptree over the last years.

Montag, 20. Oktober 2014

Gelesen: Fred Uhlman, DER WIEDERGEFUNDENE FREUND (GB 1971)

Worum geht's?

Deutschland 1932. Zwei 16jährige Jungen, die beide dasselbe Elitegymnasium besuchen und beide Außenseiter sind, freunden sich miteinander an. Der eine entstammt einer Adelsfamilie, die im März und November 1933 nationalsozialistisch wählen wird. Der andere? Ist Jude.

Wie ist das Buch geschrieben?

In Ich-Form als Bericht des erwachsenen Juden, verfasst aus dem Abstand von bald dreißig Jahren Exil

Was gefiel nicht so?

Entfällt. Das Buch ist eine vollendet durchgeformte Novelle.

Was gefiel?

  • Die Schilderung dieser intensiven geistig-seelischen Jungmännerfreundschaft
  • Die Heimatliebe, die immer wieder in den Natur- und Landschaftsbildern aufscheint. Sie zerreißt einem das Herz ebenso wie dem Exilanten.
  • Das Buch ist so still, so behutsam, so tastend - und zugleich so drastisch durch alles, was man weiß.

Gute Stelle?

Ich möchte einfach nur den Anfang zitieren; er zeigt schon alles, was ich an dem Buch bewundere. Deutsch von Felix Berner - ein ganz ausgezeichnetes, punktgenaues, virtuoses Deutsch übrigens, bestens zum Studium geeignet für Übersetzer und Autoren, die ihren Stil verbessern wollen. Da sitzt jedes Bild, jedes Wort und jedes Satzzeichen:

Er trat im Januar 1932 in mein Leben. Seither hat er daran teil. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist verstrichen, mehr als neuntausend Tage gingen dahin, flüchtige, mühsame Tage, entleert durch das Gefühl hoffnungsloser Anstrengung, hoffnungsloser Arbeit - Tage und Jahre, die oft genauso tot waren wie dürre Blätter an einem abgestorbenen Baum.

Ich erinnere mich genau an den Tag und die Stunde, da ich diesen Jungen zum ersten Mal erblickte: Ursache meines größten Glücks und meiner größten Verzweiflung. Es war zwei Tage nach meinem sechzehnten Geburtstag, drei Uhr nachmittags an einem grauen, dunklen deutschen Wintertag, im Karl-Alexander-Gymnasium in Stuttgart, Württembergs berühmtester Lateinschule, gegründet 1521, in dem Jahr, da Luther Karl V. gegenüberstand, dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König von Spanien.

Ich erinnere mich an jede Einzelheit: an das Klassenzimmer mit seinen schweren Bänken und Tischen, an den sauren, dumpfen Geruch von vierzig feuchten Wintermänteln, an die Pfützen aus geschmolzenem Schnee, an die braungelben Streifen an den grauen Wänden, wo vor der Revolution die Bilder Kaiser Wilhelms und des württembergischen Königs gehangen hatten. Ich brauche nur die Augen zu schließen, und schon sehe ich die Rücken meiner Schulkameraden vor mir, von denen viele in der Steppe Rußlands oder im Wüstensand von El Alamein zugrunde gingen. Noch immer höre ich die müde, enttäuschte Stimme von Herrn Zimmermann, der, lebenslänglich zum Lehren verurteilt, sein Schicksal in trauriger Ergebenheit trug - ein Mann mit bleichem Gesicht, ergrauendem Haar, ergrauendem Schnurr- und Spitzbart, der durch seinen auf der Nasenspitze sitzenden Zwicker in die Welt hineinblickte wie ein herrenloser Hund auf Futtersuche. Wahrscheinlich war er kaum älter als fünfzig Jahre, aber uns kam er vor wie ein Achtzigjähriger. Wir verachteten ihn, weil er freundlich und sanft war und nach armen Leuten roch - seine Zweizimmerwohnung war sicher ohne Bad - und weil er in einem oft geflickten, grünlich schillernden Anzug steckte, den er im Herbst und den ganzen langen Winter über trug (für Frühjahr und Sommer besaß er einen zweiten Anzug). Wir behandelten ihn verächtlich und mitunter grausam, mit jener feigen Grausamkeit, mit der viele gesunde Jungen die Schwachen, Alten und Wehrlosen abtun.

Es begann dunkel zu werden, doch noch nicht dunkel genug, um das Licht anzuknipsen.

Die Bühne ist bereitet, und jede der vielen Beschreibungen wird, spätestens, im Laufe des Buches einleuchten.

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich kenne nur eine perfekte Novelle, und das ist Eduard Mörikes MOZART AUF DER REISE NACH PRAG von 1855, eines meiner Lieblingsbücher. Jetzt kenne ich vielleicht zwei.

Wo aufgestöbert?

Zufallsfund auf dem Verschenke-Fensterbrett bei uns im Treppenhaus, gelesen im Juli:

(Bildquelle: Amazon. Taschenbuch, 116 Seiten. Diogenes, Zürich 1998)


Und sonst?

Arthur Koestler in seinem ebenso knappen wie treffenden Vorwort:

Hunderte dicker Bände sind über die Jahre geschrieben worden, in denen die Herrenrasse ihre Reinheit wahren wollte, indem sie aus Leichen Seife machte. Ich bin jedoch überzeugt, daß gerade dieses kleine Buch sich auf die Dauer behaupten wird.

Es ist dem Buch, und uns, zu wünschen. Vierzig Jahre sind ja schon mal nicht schlecht.


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English summary for foreign readers: I've read Fred Uhlman's REUNION from 1971 about the friendship between two 16 year old boys in approaching Nazi Germany, one of them a Jew. It is a classical built novella, softspoken and moving, full of heartbreaking love for the German landscape and nature. A spooky read.

Freitag, 17. Oktober 2014

Ach, Lem! Lem, ach ... Ungeordnete Frühstücksnotizen zu einem Gesprächsabend im Otherland

Als ich in meinen Zwanzigern war, pflegte ein Kumpel, ich glaube, es war Freund und Nachbar Viktor Pavel, zu sagen, Stanislaw Lem, das sei doch ein Science-Fiction-Schriftsteller für Leute, die keine Ahnung von Science Fiction haben.

Da ist schon allein deshalb etwas dran, weil Lem mit seinem berühmt-berüchtigten Aufsatz "Science Fiction: Ein hoffnungsloser Fall mit Ausnahmen" selbst bewiesen hat, zu wenig Ahnung für ein so vernichtendes Urteil zu haben.

Andererseits zeigte gestern Abend das prallvolle Otherland, dass Lem von Leuten geschätzt wird, die nun eindeutig genrekundig sind.

Ich selbst habe mit ihm nie viel anfangen können. Einige Pirx-Geschichten haben mir Spaß gemacht, und ich erinnere mich an ein Hörspiel, "Gibt es Sie, Mr. Jones?", das ich ausnahmsweise einmal gern gehört habe, also mehrmals. Das war's dann schon und ist lange her.

Hinzu kam, dass ich Lem immer als autoritären Charakter wahrgenommen habe - ein gewichtiger persönlicher Grund, ihn links liegen zu lassen. Zumal er ja offensichtlich, sagen wir, wenig geplagt von Selbstzweifeln war. Keine gute Kombi.

Aus diversen Gesprächen baute ich mir über die Jahre folgende Einordnung Lems zusammen: Philosophisch orientierte Leser schätzen ihn für seinen naturwissenschaftlichen Ansatz; Naturwissenschaftler finden, er müsste erst mal seine Hausaufgaben machen.

Unterm Strich, das hat auch der gestrige, von Wolfgang Neuhaus und Peter Kempin hochkarätig moderierte, diskussionsstarke Abend gezeigt, haben wohl diejenigen die meiste Freude an Lem, die viel philosophisches Wissen mitbringen.

Und ein wenig Semiotik kann sicher auch nicht schaden; das ist mir am Wochenende während meines Besuchs bei Molosovsky deutlich geworden. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob Umberto Eco je über Lem geschrieben hat. Weiß das jemand?

Ach so, und weil die Frage nach seiner Rezeption im englischsprachigen Raum aufkam: Darko Suvin hat Ende der 1960er, Anfang der 1970er natürlich über ihn geschrieben! Das fiel mir gestern bloß nicht ein.

Was habe ich mit nach Hause genommen? - Es war wieder einmal ein anregender Abend, und SOLARIS werde ich mir doch demnächst einmal vorknöpfen müssen! Über diesen Roman höre ich einfach zu viel Gutes, um bei meinen Vorurteilen in Sachen Lem zu bleiben.

Da ich mich andererseits weder für Sinnsuche noch für Semiotik großartig interessiere und durchaus damit leben kann, sterblich zu sein und ein begrenztes Weltwissen zu haben, gehöre ich definitiv nicht zur Lemschen Zielgruppe.


P. S. Ralf Steinberg, seit vielen Jahren Lem-Leser, hat auch was über den Abend geschrieben, dort.

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English summary for foreign readers: I don't like the writings of Stanislaw Lem, but Gatherland with Lem-aficionados Wolfgang Neuhaus and Peter Kempin was great! Perhaps I will give SOLARIS another try.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Diese Buchmesse war anders

Weil ich nämlich gar nicht auf der eigentlichen Messe war.

Zum ersten Mal hatte ich eine private Unterkunft in Frankfurt, beim guten Molosovsky, und da ich im Vorfeld den Kopf zu voll gehabt hatte, um Geschäftstermine abzumachen, saß ich am Donnerstagabend nach einem Besuch in der absolut genialen Steh-Pizzeria Nic Nac als wahrlich freier Schriftsteller bei Molo auf dem Sofa und stellte fest, dass ich eigentlich gar keine Lust hatte, mich am Freitag ins Messegewühl zu stürzen, sondern lieber mal ein bisschen was von Frankfurt sehen wollte. Das geht ja immer unter, wenn man da als so ein Messe-Kosmonaut rumdüst: Shuttle nach Frankfurt, Shuttle zur Messe, Shuttle zur Party, Shuttle zum Hotel - man fliegt immer bloß von einer Blase zur anderen.

Diesmal nicht. Wir spazierten durch den angenehmen kleinen Bezirk Griesheim, in den ich sofort ziehen könnte*), schlenderten am Mainufer entlang, wo ich wilde Brom- und Eibenbeeren fand, futterten fein Burger in der Kuh, die lacht, und besuchten die Comicbuchhandlung Terminal Entertainment. Ihr merkt schon: sehr entspannte Aktion im Gegensatz zu einem Messetag!

Und verpasst habe ich ja kaum etwas oder jemanden. Freitagabend auf der Perry-Party und Samstag auf dem Buchmessecon waren praktisch alle, die ich sehen und sprechen wollte.

Der Besuch klang dann mit einem gemeinsamen Sonntagsfrühstück von Molo, seinem zweiten Übernachtungsgast Raskolnik und mir aus, bei dem wir unter anderem wieder einmal viel Spaß mit John Carpenters Erstlingswerk DARK STAR hatten.

Ich glaube, ich mache das nächstes Jahr wieder so.

Vorausgesetzt natürlich, mir kommen keine Auftritte auf der Messe dazwischen - die würden vorgehen.


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*) Natürlich wieder so ein "sozialer Brennpunkt" (Wikipedia), wie ich im Nachhinein feststellte; an allen anders gelagerten Orten fühle ich mich als Kreuzberger Kellerkind anscheinend nie heimisch.


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English summary for foreign readers: Frankfurt Book Fair this year was easy-going fun. Because I wasn't at the Fair. Instead, I strolled around Griesheim with Molosovsky, wild reader of the fantastic extraordinaire.

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Abgeliefert: Meine Übersetzung von Tim O'Rourke, FLASHES

(Quelle: Chicken House UK)

... der verflixt spannende und eindringliche parapsychologisch angehauchte Thriller eines britischen Polizisten, der als Selbstverleger schon über 300.000 E-Books verkauft hat, in nicht einmal vier Jahren.

Das hier ist sein erstes Printbuch.

Erscheint nächstes Jahr bei Chicken House Deutschland.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Wahrscheinlich genau der Punkt, an dem sich die Menschheit scheidet

[Der] Hunger im Walde [ist] der Sclaverei in einem Fürstenschlosse vorzuziehen.

Victor Hugo, DER LACHENDE MANN (1869)
Erster Band, Deutsch von Georg Büchmann
Bei Golkonda als schöne Klappenbroschur-Ausgabe, aber auch geschenkt als PDF


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(Aktueller Stand der Lektüre: Seite 100)

Sonntag, 5. Oktober 2014

Hongkong. Weitere Links und Fundstücke

16. Das Hin und Her von Information und Desinformation:


15. Ein sehr kritischer Blick auf die Regenschirm-Bewegung in der Washington Post. Spannend auch wegen diverser Hintergrundinfos.

14. Und zur guten Nacht noch ein kleiner Spaß für alle Genrefreunde:

"Jeder könnte Batman sein." Begrüßt mit Riesenjubel.

13. Hier sieht man die rapide angestiegene Zensur des chinesischen Twitter-Äquivalents Weibo:


12. Spannend! Diese Reporterin berichtet wohl für Taiwan - in gelber Jacke wohlgemerkt:
Taiwan wird von China ja als abtrünnige Provinz betrachtet; da läuft ebenfalls so ein Ein-Land-zwei-Staaten-Konflikt. (Siehe auch hier unter 8.)

Geadelt von Mark Brandis

Das hat unseren Elfjährigen dann doch mal beeindruckt:

spannend und gut geworden!

lobten die Macher seiner heißgeliebten Mark-Brandis-Hörspiele meinen Neo-Roman BERLIN 2037.

Ansonsten interessiert einen in dem Alter ja nicht mehr so, was der Vater treibt; da ist man mit Abnabeln beschäftigt.

Meine Rede!

Grundsätzlich muss man als Büchermensch immer zwischen fünf und 20 Büchern zugleich lesen. Sonst wird das nichts.

Kurt Kister, "Die Macht der Bücher"
Süddeutsche Zeitung, 4./5. Oktober 2014

Abt. Kleine Freuden

Gestern Abend zum ersten Mal im Leben ein Omelett sauber aus dem Handgelenk gewendet, ohne Zuhilfenahme von Bratenwendern.

Mit zwoundfuffzich Jahr'n!

Besser spät als nie, wie man so schön sagt.

Samstag, 4. Oktober 2014

Frankfurt!

Endlich das Bahnticket besorgt, puh.

Vom Donnerstag, den 09.10. bis Sonntag, den 12.10. werde ich in Frankfurt sein, diesmal ohne Auftrittstermine. Am Freitagabend steht die "Perry-Party" an, das Messetreffen der Science-Fiction-Profis, am Samstag der Buchmessecon. Genächtigt wird beim Molo.

Falls ihr mich seht und ich euch nicht: Quatscht ma von 'ne Seite an!*)


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*) Berlinerisch, am beliebtesten in der Redewendung: "Ey, quatsch ma nich' von 'ne Seite an!" Hier aber positiv verwendet: Sprecht mich ungeniert an!

Freitag, 3. Oktober 2014

"liest sich fluffig weg"

... schreibt Rene "Agro" Nowotny vom Berliner SF-Dinner zu meinem Neo-Roman BERLIN 2037:

Ich erkenne Berlin! Das hat Böhmert sehr schön gemacht. Einziges Manko - und das scheint aus meiner Sicht das große Manko der kompletten Rhodan-Serie zu sein - ist, dass diese Aliens namens Arkoniden allzu menschlich dargestellt sind. Sie unterscheiden sich weder in biologischer Sicht noch in soziokultureller Hinsicht von den Menschen.

Da spricht er einen Punkt an, mit dem ich auch so meine Schwierigkeiten hatte, siehe hier.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Hongkong. Ein paar Linktipps

11. Ein paar brauchbare Karten mit den Vierteln, in denen protestiert wird - so lassen sich die Straßennamen leicht zuordnen, in der New York Times.

10. Der amerikanische Politologe Michael DeGolyer, der sich mit dem Hong Kong Transition Project seit über zwanzig Jahren auf Hongkongs Wandel spezialisiert hat, sieht schwarz für die dortige Demokratisierungsbewegung. Auf Deutsch, in der Taz.

9. Reuters mit aktuellem Hintergrundmaterial zu Mongkok bestätigt im Wesentlichen die Sichtweise von Yan Sham-Shackleton (Linktipp 7).

8. Währenddessen in der Republik China auf Taiwan:

Ob das etwas mit den Wilden Erdbeeren zu tun hat, weiß ich nicht; der Liberty Square legt es nahe.

7. Yan Sham-Shackleton, eine Bloggerin aus Hongkong, über prochinesische Zelteinreißer und Waffenfunde am Straßenrand im Stadteil Mongkok: "It's hard for people outside of HK to understand that we aren't paranoid and there is a shadow society in HK especially in the areas such as Mongkok which is more working class. In fact, Mong kok is a well known area for such activity" - auf Deutsch: "Menschen außerhalb von Hongkong fällt es schwer zu begreifen, dass wir nicht paranoid sind und dass in Hongkong eine Schattengesellschaft existiert, besonders in Gegenden wie Mongkok, die mehr Arbeiterviertel sind. Tatsächlich ist Mong kok wohlbekannt für solche Aktivitäten" (von Triaden und - durch wen auch immer - bezahlten Kräften). Die Polizei soll die Randalierer von den friedlichen Demonstranten getrennt haben, ein gutes Zeichen.

6. Wie man versucht, der Polizei keinen Anlass für eine "Aufstandsbekämpfung" oder "Partyauflösung" zu liefern:


5. Die trauen sich was! Beeindruckende Luftaufnahme auf Twitter:


4. Die englischsprachige Fassung der Hongkonger Harbour Times, soweit vor der Bezahlschranke liegend

3. Und falls jemand wie ich gelegentlich mal gucken möchte, was aus und über Hongkong so getwittert wird: #UmbrellaMovement finde ich am nützlichsten.

2. Die technische Seite der Demonstrationen, ebenfalls in der NZZ

1. "Das andere China meldet sich" - ein, wie ich finde, sehr guter Hintergrundbericht vom 26.09. in der NZZ