Dienstag, 16. Mai 2017

Der Nahe Osten, mit den Augen eines Kindes gesehen

Aus lauter Vorfreude auf den gerade erschienenen dritten und letzten Band von Riad Sattoufs DER ARABER VON MORGEN habe ich mir neulich gleich mal wieder die ersten beiden Teile dieser tollen Comicautobiografie durchgelesen.



Der französisch-syrische Künstler, der auch mal Pressezeichner bei Charlie Hebdo gewesen ist, erzählt uns "[e]ine Kindheit im Nahen Osten", zeitlich angesiedelt zwischen 1978 und dem Ende der 1980er.

Das macht er mit viel Witz und Wärme und erspart uns dabei auch verstörende Erfahrungen nicht. Er bleibt dicht an seinem kindlichen Ich, das die Umstände einfach als gegeben und normal hinnimmt, und führt uns auch immer wieder poetische Momente vor Augen, so zum Beispiel, wenn der kleine Riad in Syrien auf einem Hausdach steht und den Flug der allgegenwärtigen Plastiktüten bestaunt, die über den Himmel taumeln wie Quallen im Luftmeer.

Welche Befremdungen der Nahe Osten für europäische Erwachsene bereithält, vermittelt sich über Riads französische Mutter, die sich sehr am arabischen Nationalismus und Sozialismus sowie an den patriarchalischen Familienstrukturen abarbeitet, wähend der kleine Riad sich in der Schule und auf der Straße durchboxen muss, mit Begeisterung die hohe Kunst der abgestuften Beleidigung erlernt und sich fragt, was zum Geier denn Juden sind, von denen er nur mitbekommt, dass die beim Spielen mit Plastiksoldaten nie einer sein will.

Ab und zu geht es zurück nach Frankreich, das dem kindlichen Pendler zwischen den Kulturen allerdings auch nicht weniger verrückt vorkommt, nur anders.

Während der bewunderte syrische Vater, egal ob sich die Familie gerade in Frankreich oder im Nahen Osten aufhält, immer stiller wird. Für den erwachsenen Leser sind seine Entfremdung und Entwurzelung zunehmend offensichtlich; der kleine Riad hingegen wundert sich nur still.

Diese kindliche Perspektive ist also zugleich eng, weil nicht verstehend, und weit, weil offen für alle Kontraste und schroffen Unverständlichkeiten und die großen Momente im kleinen Alltag.

Herrliche Lektüre! Traurig, lustig, zum Haareraufen, zum Staunen.

Und sehr lebensnah - das lassen mich zumindest die Erzählungen meines zweitältesten Freundes A. vermuten, der ebenfalls, nur zehn Jahre früher und als deutsch-syrisches Kind, zwischen Orient und Okzident gependelt ist.

Die Wärme und runde Freundlichkeit seines Stils sowie sein sachlich-ruhiger Blick machen Riad Sattouf zu einem meiner liebsten Comickünstler.

Riad Sattouf, DER ARABER VON MORGEN 1 und 2 (F 2014 und 2015)
Mehr zu den Büchern, auch Leseproben, beim Knaus Verlag


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English summary for foreign readers: I really like Riad Sattouf's ARAB OF THE FUTURE - the French-Middle East comic artist always tells his partly grueling stories with a warm humour.

Mittwoch, 10. Mai 2017

Gelesen: Vonda McIntyre, AM HOFE DES SONNENKÖNIGS (US 1997)

Worum geht's?

Einem Jesuiten und Naturphilosophen gelingt es, ein Meeresungeheuer zu fangen - Ludwig XIV erhofft sich, dass dieser darin das alchimistische "Organ der Unsterblichkeit" findet und dem Sonnenkönig zum Wohle der Nation ewiges Leben verschaffen kann.

Wie ist das Buch geschrieben?

Einfache Vergangenheit, dritte Person, mehrere Perspektiven. Das Ganze wird auf dem Umschlag als "historische[r] Fantasy-Roman" beworben, aber eigentlich ist es von der Haltung her ein astreiner SF-Roman: Was wäre, wenn es Meermenschen wirklich gegeben hätte und sie nur (wie manche indigenen Stämme) binnen kürzester Zeit ausgerottet worden wären? Insofern wundert mich der Nebula Award nicht.

Was gefiel nicht so?

  • Das Fürstengedöns
  • Einige Bastei-typische Lektoratsschlampereien, die sich aber in Grenzen halten

Was gefiel?

  • Eva Eppers ist eine Meisterübersetzerin. Das Buch liest sich wie auf Deutsch verfasst.
  • Nie habe ich die Bedrohung im Absolutismus so deutlich gespürt - über lange Passagen hinweg passiert eigentlich wenig, und doch habe ich um jeden gebangt.
  • Cool und seltsam der Erzählrhythmus: Fast zeitlupenhaft geht es voran, und dann kommen plötzlich äußerst spröde vermittelte Wendungen.
  • Sämtliche wichtigen Figuren, erfundene wie historische, handeln nachvollziehbar. Das gilt besonders für unsere Heldin, die Schwester des Jesuiten.
  • Bei dem zwergenwüchsigen Atheisten Lucien de Barenton, Comte de Chrétien, ist es geradezu schade, dass er keine historische Gestalt, sondern nur Erfindung der Autorin ist.


Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Hier einfach ein paar Zeilen der einleitenden Szene:

"Démons!" rief der Ausguck.

Yves hielt Ausschau nach dem, was der Mann entdeckt haben mochte, aber die Sonne war zu grell, die Entfernung zu groß. Das Schiff pflügte voran, am Bug rauschte und schäumte das Wasser und der Horizont hob und senkte sich mit der Dünung.

"Dort!"

Voraus, wohin der Bugspriet wie ein Finger wies, schien das Meer zu kochen. Leiber schnellten aus den Fluten, tauchten wieder ein, geschmeidige Geschöpfe tummelten sich Delphinen gleich in der Gischt.

Das Flaggschiff hielt auf den brodelnden Hexenkessel zu. Sirenengesang erfüllte die Luft. Die Matrosen verstummten in abergläubischer Furcht.

Yves beherrschte seine Erregung. Er hatte gewusst, er würde sein Wild finden, an diesem Ort, an diesem Tag, nie hatte er im geringsten an der Richtigkeit seiner Hypothese gezweifelt. Nun mußte er nur noch Würde und Gelassenheit bewahren.

"Das Netz!" Die Stimme von Kapitän Desheureux übertönte den Gesang. "Das Netz, ihr Tagediebe!"


Zu empfehlen?

Definitiv. Dieser Roman ist einzigartig. Ich kenne nichts Vergleichbares.

Wo aufgestöbert?

Zufallsfund in der Verschenkekiste unserer Bofinger-Bibliothek. Da ich McIntyres TRAUMSCHLANGE aus den 1970ern in sehr guter Erinnerung hatte, habe ich ihn mitgenommen:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 606 Seiten. Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach 1999)

Und sonst?

Die Übersetzung ist vor einiger Zeit in einer Neuausgabe unter dem deutlich besseren Titel DAS LIED VON MOND UND SONNE erschienen. Die Sonne, das ist natürlich Ludwig XIV; der Mond, da bietet allein schon der Text drei Interpretationsmöglichkeiten an: den Naturphilosophen, den königlichen Berater Lucien de Barenton und den tatsächlichen, von den Meerleuten verehrten Erdtrabanten.


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English summary for foreign readers: THE MOON AND THE SUN by Vonda McIntyre is a beauty of a science fiction novel, I never read something like this before.

Sonntag, 7. Mai 2017

Gelesen: Thomas Henseler, Susanne Buddenberg: GRENZFALL (D 2011)

Worum geht's?

Dies ist die Geschichte einiger Bürgerrechtler, im Stasi-Jargon "Staatsfeinde", die in den 1980er Jahren mit ihrer Untergrundzeitschrift Grenzfall die DDR aufmischten. Das Ganze wird an Peter Grimm angedockt, der als Schüler wegen seiner "moralisch-charakterlichen Grundhaltung" vom Abitur ausgeschlossen wurde und schließlich von der Schule flog.

Wie ist der Comic erzählt?

Schwarzweißer Sachcomic mit Grauwerten. Mischung aus Biografie und DDR-Doku, angereichert um ein Glossar.

Was gefiel nicht so?

./.

Was gefiel?

  • Mich überzeugte die erzählerische Umsetzung: Das liest sich von der Form her locker runter, zugleich ist alles Wichtige und Schmerzhafte drin.
  • Die Zeichnungen machen nicht auf Kunst, sondern sind sachlich-zurückhaltend.
  • Zielgruppe sind offensichtlich Jugendliche; entsprechend zugänglich und knapp-klar ist der Comic.

Gute Stelle?

Unterwegs werden einem viele Methoden der staatlichen Überwachung und Unterdrückung nahegebracht, die besonders perfide "Zersetzung" hingegen findet sich am besten im Glossar dargestellt. Bitte lasst folgenden Satz ein Minütchen auf euch wirken:

"Für die Betroffenen war oft nicht zu erkennen, dass hinter beruflichen und persönlichen Krisen oder Misserfolgen ein Plan der Staatssicherheit steckte."

Stellt euch das fürs eigene Leben vor!

Zu empfehlen?

Aber ja! Das ist eine ebenso beiläufige wie fundierte Einführung in die Bürgerrechtsbewegung und den Unterdrückungsapparat der DDR: schnell gelesen, bringt viel.

Wo aufgestöbert?

Zufallsfund in der immer wieder erstaunlichen Comicecke unserer kleinen Bofinger-Bibliothek:



Und sonst?

Mehr, auch Leseproben und Rezensionen, beim Avant-Verlag

Samstag, 6. Mai 2017

Gelesen: Kenneth Grahame, DER WIND IN DEN WEIDEN (GB 1908)

Worum geht's?

Dieser "Roman für Kinder" feiert das Leben der kleinen Leute ab, hier verkörpert vom Maulwurf und der Wasserratte. Sie erleben Abenteuer am Fluss und im "Wilden Wald".

Wie ist das Buch geschrieben?

Dritte Person, einfache Vergangenheit, mehrere Perspektiven. Der Autor und sein Übersetzer lieben es, sich von ihrer Wortbegeisterung hinwegtragen zu lassen.

Was gefiel nicht so?

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Was gefiel?

  • Der Roman hat weitgefächerten Humor: Es gibt heitere Szenen, klaumaukhafte, satirische.
  • An manchen Stellen wirkt das Buch fast wie ein Stück Science Fiction: Die Bezüge auf uns Menschen haben etwas Postapokalyptisches.
  • Auch dieser englische Roman steckt voller geradezu heidnischer Liebe zu Natur und Gärten.
  • Der Dachs, der alte Grantler!

Gute Stelle?

Wie wäre es mit einem kurzen Blick auf den "Pfeifer vor dem Tor zur Dämmerung"? Seite 142, Deutsch von Harry Rowohlt:

Der Maulwurf sah Ihn. Er war es, der Helfer und Freund: gebogene Hörner, die im Licht des jungen Morgens schimmerten; eine krumme Nase zwischen freundlichen Augen; bärtige Lippen zu einem freundlichen Lächeln verzogen; Muskeln, die sich auf Armen und Oberkörper kräuselten; zottige Glieder und empfindsame Hände, die eine Schalmei hielten. Es war Gott Pan persönlich [...] Der Maulwurf sah es. [...] Aber solange man lebt, wundert man sich.

"Ratte!", flüsterte er und schüttelte sich. "Hast du Angst?"

"Angst?", murmelte die Ratte liebevoll. "Angst? Vor Ihm? Niemals! Jedenfalls (wenn ich es bedenke) nur ein bisschen."

Zu empfehlen?

Aber ja! Ich habe den WIND neulich zum vierten Mal gelesen. Eins meiner erst spät entdeckten Lieblingsbücher; bei der ersten Lektüre war ich schon Ende dreißig.

Wo aufgestöbert?

Das weiß ich nicht mehr. Mein Exemplar habe ich damals jedenfalls neu gekauft:

(Taschenbuch, 252 Seiten. dtv junior Klassiker, 14. Auflage September 1999)

Und sonst?

Gilt wahrscheinlich das alte Bonmot, dass man dieses Buch in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen müsse, weil da im Original viel verloren gehe ...

Samstag, 29. April 2017

Gelesen: Tom Sharpe, PUPPENMORD (GB 1976)

Worum geht's?

Ein Berufsschullehrer fühlt sich gefangen und ergeht sich in Fantasien, als Befreiungsschlag seine Frau umzubringen. Ein Testlauf spitzt sich rasch zu.

Wie ist das Buch geschrieben?

Dritte Person, einfache Vergangenheit, mehrere Perspektiven. Der Humor hat die ganze Bandbreite von heiter über schmerzhaft bis satirisch.

Was gefiel nicht so?

./.

Was gefiel?

  • eindringliche Atmo
  • punktgenaue Milieudarstellung
  • Über die Figur der Ehefrau bekommt die Alternativkultur der 1970er Jahre ihr Fett weg. 
  • Der trotz allem sympathische Lehrer ist so deutlich gezeichnet in seiner Passiv-Aggressivität, mit seinen spießigen Selbstlügen, dass mir immer wieder Unzulänglichkeiten aus der eigenen Lebensgeschichte vorgeführt werden. Stets heilsam.

Gute Stelle?

Der Anfang ist einer meiner absoluten Lieblingsromananfänge. Deutsch von Benjamin Schwarz:

"Wenn Henry Wilt den Hund zu einem Spaziergang ausführte, oder richtiger, wenn der Hund ihn ausführte, oder um genau zu sein, wenn Mrs. Wilt beiden sagte, sie sollten bloß sehen, daß sie aus dem Haus kämen, damit sie ihre Yogaübungen machen könne, schlug er stets denselben Weg ein. Das heißt, der Hund folgte dem Weg, und Wilt folgte dem Hund."

Perfekt!

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich habe das Buch inzwischen neunmal gelesen.

Wo aufgestöbert?

Lief Ende der 1970er als Fortsetzungsroman im Stern; Mitte der 1990er fiel mir das Buch in einem Antiquariat in die Hände, und da erinnerte ich mich schlagartig an die Lektüre einiger Kapitel als Jugendlicher.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Broschur, 220 Seiten. Volk und Welt, Berlin 1990)

Und sonst?

Dieser unterm Strich Doch-noch-Krimi ist für mich Musterbeispiel, wie scharf und pointiert witzige Genre-Romane sein können. Etwas Derartiges ist mir im Bereich der Science Fiction oder der Fantasy bislang leider nicht begegnet; an irgendetwas hapert's dort immer.


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English summary for foreign readers: WILT by Tom Sharpe is one of my all-time favorites.

Mittwoch, 26. April 2017

#PAN17 - Nachgedanken zu einer Veranstaltung, auf der ich nicht war

(Diesem Text ging eine detaillierte Kritik an einem Vortrag voraus. Sie findet sich hier.)


So. Während einige PAN-Mitglieder auf Deibel komm raus versuchen, mich zu unbedachtem Verhalten zu provozieren ...


... und ein Vorstandsmitglied von PAN mit Schlamm wirft in der Hoffnung, dass irgendetwas schon hängenbleiben wird, und dabei auch vor unwahren Behauptungen nicht zurückscheut ...



... wobei ihnen jeweils völlig egal zu sein scheint, wie sehr sie damit ihrem jungen Berufsverband schaden ...

... will ich noch einmal in aller Ruhe ein paar Punkte an der ganzen Geschichte darlegen, die mich beschäftigen.

1.

Ich verstehe nicht, was da vor Ort bei diesem Vortrag gelaufen ist.

Stellen wir uns einmal den umgekehrten Fall vor: Ein Science-Fiction-Autor wäre auf eine beliebige MINT-Tagung gefahren und hätte den anwesenden Ingenieuren haltlosen Blödsinn über Technikgeschichte und die Entstehung von Erfindungen erzählt.

Ich entstamme einer Familie von Handwerkern und habe vor meiner Zeit als freiberuflicher Autor und Übersetzer unter anderem in der Industrie gearbeitet, unter anderem als Assistent der Geschäftsführung. Einige langjährige Freunde und Bekannte sind Techniker. Mein Schwiegervater ist Werkzeugbauer im Ruhestand; er hat Fertigungsanlagen entworfen.

Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich mich in der Ingenieursbranche auskennen würde. Aber meine paar Einblicke lassen mich vermuten, dass dieser hypothetische anmaßende SF-Autor mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Anwesenden ausgelacht worden wäre oder sie seinen Vortrag höflich, jedoch kritisch kommentiert hätten - spätestens beim anschließenden geselligen Beisammensein.

Dass das hier ausgeblieben ist, wirft Fragen auf.

2.

Die Situation seit dem Wochenende ist so absurd, dass ich mir vorkomme wie in einem Märchentheater. Gegeben wird Andersens "Des Kaisers neue Kleider", mit mir in der Rolle des kleinen Kinds am Straßenrand.

Wobei die Pointe des Märchens nicht ist, dass das Kind als einziges die Nacktheit des Kaisers erkennt.

So erinnert man sich vielleicht an das Märchen, wenn die Lektüre lange her ist (oder man es nur als Sprichwort kennt).

Ich hab extra noch mal nachgelesen, weil ich der eigenen Erinnerung grundsätzlich misstraue. Andersen lässt sein Märchen so hier enden*:

"[...] und einer flüsterte dem anderen zu, was das Kind gesagt hatte. 'Aber er hat ja gar nichts an!', rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser; denn es schien ihm, sie hätten recht. Aber er dachte bei sich: Nun muss ich die Prozession durchhalten. Und so hielt er sich noch stolzer, und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war."

Den letzten Satz kann ich mir immer wieder auf der Zunge zergehen lassen: "[U]nd die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war."

Das entlockt mir immer wieder ein Lachen, und im selben Moment vergeht es mir. Weil die Herrschaften, die ich oben in meinem Blogeintrag zitiere, leider nicht einmal so viel Haltung zeigen.

3.

So sehr wir alle die Phantastik schätzen, zurück zur Realität.

Dass Widerspruch ausgeblieben ist, habe ich weiter oben geschrieben, wirft Fragen auf.

Da stellt sich also jemand hin, redet einen Haufen Blödsinn und kriegt danach Applaus, und Leute twittern ihre Inspiriertheit.

Einfachste, zu einfache Erklärung: Hat er sie vielleicht bei ihrer Eitelkeit gepackt?

Auf meine immer harscher werdende Live-Kritik hin kam im Wesentlichen, dass
  • der Vortrag "nett" und "kompakt" gewesen sei,
  • der gute Mann lustige Bilder an die Wand geworfen habe,
  • der Vortrag sich nicht um Genrehistorik gedreht habe, sondern darum, warum "die Gesellschaft" SF "brauch[e]".

Man wurde also gut unterhalten, und es wurde einem erzählt, man werde gebraucht.

Das ist schon sehr schmeichelnd, und wer lässt sich nicht gern schmeicheln?

Aber der Mensch ist ein denkendes Tier.

4.

Warum also hat nicht irgendwann im Laufe dieser unterhaltsamen halben Stunde oder wenigstens danach die Vernunft ihr schönes Haupt erhoben und gesagt: "Moooment mal"?

Naheliegende Erklärung: Weil die Anwesenden in ihrer Mehrheit gar nicht gemerkt haben, dass ihnen Bullshit erzählt wurde.

Wenn wir das einmal annehmen, stellen sich zwei Fragen.

Erstens: Wissen sie vielleicht nicht, was Bullshit ist und können ihn deshalb nicht erkennen?

Dafür spricht einiges, denn das ist vermutlich damit gemeint, dass ich den Vortragenden "beleidigt" hätte.

Dann kann ich nur sagen: Bullshit ist eine sprachkritische Kategorie, und das Buch von Harry Frankfurt sollte jeder, der mit Sprache arbeitet, zumal künstlerisch, kennen. Gutes Handwerk setzt Wissen um den Werkstoff voraus.

Zweitens: Kennen sie sich vielleicht selber mit Science Fiction nicht aus?

Auch dafür spricht einiges, denn diejenigen deutschen SF-Schaffenden, die ich persönlich kenne, und das sind doch einige nach inzwischen vierzig Jahren in der Szene, hätten rasch gemerkt, dass sich da jemand anmaßt, sie über ihr Genre zu belehren, und dabei haltlosen Quatsch absondert.

Einige von ihnen sind so nett oder zurückhaltend, dass sie niemals einen Vortrag unterbrechen würden, aber sie hätten sich hinterher geäußert. Und einige hätten, wie ich auch, wenn ich vor Ort gewesen wäre, eine Diskussion vom Zaun gebrochen. Aber hallo!

Da das ausgeblieben ist, dürfen wir davon ausgehen, dass entweder
  • keine (oder wenig) SF-Autoren im Publikum waren oder
  • zwar hinreichend SF-Autoren dort waren, diese aber wenig Ahnung vom Genre haben.

5.

Und damit wären wir bei den Problemen, die PAN wirklich hat.

Denn dieser Mittfuffziger hier ist, auch wenn das einige Leute aus dem Autorennetzwerk so zu sehen scheinen, ganz sicher nicht PANs Problem:

Liebe Leute, ich hatte 1986 meine ersten professionellen Veröffentlichungen und bin seither durchgehend in Verbänden Mitglied, zunächst im Verband deutscher Schriftsteller, wo ich auch eine Zeitlang im Berliner Vorstand mitgemischt habe, später und bis heute im Verband deutschsprachiger Literaturübersetzer. Ich stehe Autorenverbänden sehr aufgeschlossen gegenüber und habe zum Beispiel die erste Zeit von QUO VADIS, wo ich mit einem Gründungsmitglied befreundet bin, mit (hoffentlich hilfreichen) Anmerkungen begleitet.

Denkt also über das nach, was dieser schöne, grundgescheite, gerade richtig dicke Mann in seinen besten Jahren euch jetzt fragen will!

Erstens: Kann es sein, dass euer Verein nicht divers genug ist, was die Genres betrifft? Fehlt es euch an SF-Autoren?

Zweitens: Kann es sein, dass euer Verein nicht divers genug ist, was die Altersstruktur betrifft? Fehlt es euch an älteren, erfahreneren Mitgliedern?

Drittens: Kann es sein, dass es euch allgemein an Professionalität fehlt? Im Sinne von Wissen und Erfahrung darüber, wie Vereinsarbeit funktioniert oder freie Träger überhaupt funktionieren? Dass ihr noch keine Strukturen eingezogen habt, die für Qualitätssicherung sorgen?

Viertens: Kann es sein, dass es bei euch schlecht um die Diskussionskultur bestellt ist? Dass sich vielleicht vor Ort einfach niemand getraut hat, vor der ganzen Gruppe aufzustehen und (als vielleicht Einziger) seine Meinung zu sagen?

Aus meiner Warte müsst ihr bei allen vier Punkten dringend was tun.


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* Zitiert nach: Hans Christian Andersen, FLIEDERMÜTTERCHEN, Alex Taschenbücher, Der Kinderbuchverlag Berlin, DDR 2. Taschenbuchauflage 1979


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English summary for foreign readers: Some (hopefully helpful) thoughts on a young German speculative fiction writer's association

Sonntag, 23. April 2017

Bullshit zur Science Fiction

(Ich habe diesem Text noch ein paar grundsätzlichere Überlegungen folgen lassen, diese finden sich hier.)


An diesem Wochenende fand das diesjährliche Branchentreffen des Phantastik-Autoren-Netzwerks statt.

Ich habe das Ganze, wie schon beim ersten Treffen, gelegentlich auf Twitter verfolgt, unter dem Hashtag #pan17. Das ist interessant, ich lerne was, und es macht immer Spaß, auf Fotos Freunde und Bekannte zu entdecken - oder überhaupt Leute, die mir bisher nur als Name was sagten.

Gestern dann hielt "Prof. Dr."* Volker Wittpahl, "freiberuflicher Produktinnovationsmanager"**, einen Vortrag, den ich sehr - na, sagen wir: diskussionswürdig fand. Er wurde kräftig auf Twitter gespiegelt, über rund achtzig Tweets hinweg.

Irgendwann schaltete ich mich ein. Zunächst konstruktiv ergänzend, weil Zuhörer Fabian Dombrowski von dem Konzept "Stadt am Stiel" so fasziniert war und ich das selber auch amüsant finde:




Dann aber fing ich an, den Thesen des Herrn Prof. Dr. zu widersprechen. Los ging's mit diesem Zitat hier - wenn ich mich nicht verzählt habe, der 48. Tweet zum Vortrag:


"Ofen" - "einfache Technologieerzählungen"; diese Koppelung war zu schön, um sie unkommentiert zu lassen.

Harmloser Scherz, wobei mich die enthaltene inhaltliche Behauptung schon wunderte. (Weiter unten mehr dazu.)

Auf Höhe von Tweet Nr. +-57 jedoch wurde es ernst. Bei seiner These "Science Fiction muss Social Fiction werden" fasste ich mir erstmals an den Kopf. Das war so unbeleckt von Wissen über das Genre, dass ich eine kleine Klassikerliste twitterte:



Auf Höhe Tweet Nr. +-64 wurde eine abfotografierte PowerPoint-Folie getwittert. Da war es für mich mit der Wertschätzung des Vortrags vorbei:



Hier die Folie (Originalfoto: Carola Wolff) für bessere Lesbarkeit als Ausschnitt und in verändertem Kontrast:


Auf Höhe Tweet Nr. +-70 kam noch eine zweite Folie (Originalfoto: Chris M. Schollerer), die vermutlich der oberen Folie vorausgeht, hier ebenfalls im kontrastverstärkten Ausschnitt:


Wer schon ein bisschen länger SF liest, die Klassiker auch, kann da nur mit den Ohren schlackern. Tatsächlich haben auch einige #pan17-Twitterer einiges anzumerken gehabt.

Protest zu meiner Bullshit-Einschätzung kam interessanterweise direkt von Seiten des PAN e.V. (Tweet Nr. +-75 zum Vortrag) ...


... sowie von dessen Vorstandsmitglied Diana Menschig, die sich im Laufe des, hrm, Diskurses nicht etwa über den Vortrag, sondern darüber, ob man als Nicht-vor-Ort-Gewesener ein solches Urteil fällen darf, bis hin zu Versalien und fünffachen Ausrufezeichen steigerte. (Nein, das dokumentiere ich hier nicht; wer vorm Bildschirm Popcorn futtern will, soll gefälligst selbst ein bisschen dafür arbeiten. Trimm dich!, wie es in meiner Jugend hieß.)

Souveräne Vorstandsarbeit geht anders. Aber egal. Jetzt jedenfalls: Butter bei die Fische.


Warum dieser Vortrag "von der Genrehistorik nicht gestützter Bullshit" war


Den Begriff "Bullshit" verwende ich hier im Sinne von Harry Frankfurt. Also verstanden als prätentiöses, leeres oder inhaltlich falsches Gerede über etwas, von dem man, zusätzliche Option, wenig weiß.

Im Einzelnen:

[Überschrift] "Wandel der Rolle des Science Fiction"

Grober Schnitzer, der auf beiden Folien vorkommt: Begriff Science Fiction mit männlichem Geschlecht. Seit dieses Substantiv in den Duden aufgenommen wurde, wird es durchgehend feminin verwendet. Denkbar schlechter Einstieg.

Und vor allem inhaltlich: Was bittschön soll "die" Rolle "der" Science Fiction sein?

Ich bin kein Literaturwissenschaftler, sondern nur informierter Leser, aber mir fallen auf Anhieb schon mal drei Traditionslinien der SF ein: erstens die Reise- und Abenteuerliteratur, zweitens die utopische Literatur mit ihrem negativen Zwilling, der Dystopie, drittens die sich auf eine Erfindung, ein Gadget konzentrierende Literatur - was der Vortragende "Technology Fiction" nennt. (Den Begriff hat er sich vermutlich bei Fraunholz/Woschech abgeguckt; allgemein verwendet wird der nicht.)

Für jede dieser (unvollständigen und sehr groben) Traditionslinien dürfen wir ungeniert eine eigene zuschreibbare "Rolle" annehmen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Romanwerke der SF gleich mehrere Traditionslinien fortführen.

  • Mary Shelleys FRANKENSTEIN, für viele der erste richtige SF-Roman, dreht sich um eine Erfindung, die Erzeugung künstlichen Lebens. Gleichzeitig befallen den Erfinder Skrupel, er plagt sich mit Gewissensbissen, auch sein Geschöpf gibt ethische Bewertungen ab; die Aussichten sind düster, das ist ein dystopisches Element. Erzählt wird von Verfolgung und Flucht, es geht bis in die Arktis: Reise, Abenteuer.
  • Jules Verne hat eindeutig Gadget-Geschichten geschrieben (U-Boot, Mondkanone); zugleich aber waren es immer Reise- oder Abenteuergeschichten; gesellschaftliche Auswirkungen (Utopisches/Dystopisches) hat er links liegen gelassen. (Interessanterweise war sein erster, postum veröffentlichter Roman jedoch eine astreine Dystopie.)
  • H.G. Wells bringt mit seiner Zeitmaschine ein Gadget; ihn interessieren die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser postulierten Erfindung nicht, er benutzt das Gadget aber gewissermaßen als Lupe, um über andere gesellschaftliche Entwicklungen zu schreiben. Ein dystopischer Roman, ganz klar, der lustigerweise auch Motive der Abenteuerliteratur benutzt (die "Wilden", die verlassenen Ruinen, Dschungelatmosphäre).

 Da wird es mit der jeweiligen "Rolle" der jeweiligen Traditionslinie dann schon schwieriger.

Und das ist noch nicht alles. Wir können ja Rollen zuweisen, als Leser, als "Gesellschaft", die SF "braucht", wie es in einem #pan17-Tweet behauptet wird. Der kreative Prozess ist jedoch anarchisch, siehe oben die Mischformen schon bei den einschlägigen Klassikern. Planung und Improvisation, Denken und Fühlen, Bewusstsein und Unterbewusstsein - drei Paare auf der Tanzfläche einer jeden entstehenden Geschichte ...

"Bis Mitte des 20. Jahrhunderts:
Science Fiction = Technology Fiction"

Bullshit, weil falsch: Die Traditionslinie Utopie/Dystopie auch in ihren Formen Social Fiction bzw. Soft SF war von Anfang an da. Tatsächlich gehören fast alle SF-Romane, die heute als Klassiker (auch der Weltliteratur) gelten, in diese Strömung. Siehe oben.

Bullshit, weil prätentiös und leer: "Technology Fiction". Siehe oben.

"Zur Jahrtausendwende:
Science Fiction = Diversifiziertes Genre mit Space Operas, Cyberpunk, ..."

Das mit der Jahrtausendwende ist Bullshit im Sinne von leeres Geschwätz oder Werbesprech, weil dieser Zeitpunkt der "Diversifiziert[heit]" nur wegen des schönen Klangs behauptet wird. Das Genre war von Anfang an divers, wie oben schon dargelegt. Mal ein paar der Wirklichkeit entsprechende Zeitpunkte für ausgewählte Subgenres:

  • 1920er Jahre - mehrfaches Auftreten von Space Operas; der Begriff setzt sich in den 1940er Jahren durch.
  • 1930 schreibt Olaf Stapledon FIRST AND LAST MEN, spätestens das ist eine astreine Future History; der Begriff wird 1941 geprägt.
  • 1930er Jahre - Hier tauchen erstmals einschlägige Alternativweltgeschichten in größerer Zahl auf.
  • 1950er Jahre - Viele Bücher werden als Science Fantasy angeboten.
  • 1958 erschien Robert A. Heinleins STARSHIP TROOPERS, spätestens da war Military SF gesetzt.
  • 1960er Jahre - die sogenannte New Wave; kein eigentliches Subgenre, eher SF mit betont experimenteller Schreibhaltung
  • 1980 wurde der Begriff Cyberpunk geprägt; 1984 kam mit William Gibsons NEUROMANCER der erste Klassiker dieses Subgenres raus.
  • 1980er Jahre - Parallel kommt der Steampunk auf.

(Cyberpunk als Subgenre ist übrigens nicht unumstritten: Im Grunde ist das ein Aufgreifen des Noir- oder des Hardboiled-Krimis durch die Science Fiction; da könnte man auch ganz andere Romane schlüssig und weniger eng zusammenfassen.)

Ich halte fest: Die "Diversifiziert[heit]" des Genres Science Fiction war noch vor dem Ende des Kalten Krieges und vor dem Anfang des Kriegs gegen den Terror weit fortgeschritten - also hey, praktisch in einem anderen Zeitalter. Die meisten unstrittigen Subgenres waren Jahrzehnte vor der "Jahrtausendwende" längst da.

"Herausforderungen für Science Fiction Autoren im 21. Jahrhundert"

Wieder dieses 21.-Jahrhundert-Werbesprech.

"Die meisten Technologievisionen sind nicht wirklich 'neu'"

Nichts Neues unter Sonne. Wird immer so lange behauptet, bis das nächste neue Ding einem ins Gesicht kracht.

Abgesehen davon: Als ob ein Mangel an Neuem Autoren und Leser in der Masse je gestört hätte.

Der größte Ausschlag des Bullshit-Detektors ergibt sich aber im Zusammenhang - noch einen Moment Geduld.

"Einfache Technologie-Erzählungen sind für die Leser nicht attraktiv genug"

So banal wie richtig. Deshalb gibt's die auch gar nicht - bestenfalls im Bereich der Kurzgeschichte. Das ist also eine komplett konstruierte "Herausforderung" - Bullshit eben.

"Die aktuellen technischen Entwicklungen sind so mannigfaltig und entwickeln sich exponentiell, dass kaum einer die Chance hat sie zu überblicken geschweige denn in die Zukunft zu prognostizieren"

Herrje. Die "Technologievisionen", siehe oben, sind also "nicht wirklich 'neu'", aber die technologische Realität überholt die Visionen in "exponentieller" Entwicklung?

Die ham da wat erfunden, Keule, det kannste dir nich ausdenken!

Ansonsten wird hier "die" Science Fiction wieder auf Zukunftsprognostizierung verengt, und die wirklich heftige visionäre aktuelle SF à la China Miéville oder Neal Stephenson scheint der Vortragende nicht zu kennen.

Die Spielwiese ist groß, sie wird mal ernsthafter, mal fröhlicher genutzt, und niemand, wirklich niemand von all den Schriftstellern, die je mit einem SF-Roman fertig wurden, hat sich hingesetzt und gesagt: "Ich will da alles drin haben!"

Das ist eine völlig irrige Vorstellung.

"Chancen für Science Fiction Autoren im 21. Jahrhundert"

Bullshit, weil 21.-Jahrhundert-Werbesprech.

"Menschen sind verunsichert über die Zukunft, ihre eigene und technologische"

Da ist was dran. Vollständige Zustimmung meinerseits (überrascht mich selber).

Allerdings ist das "nicht wirklich 'neu'". Alvin Toffler hat mit solchen Thesen in den 1960er und 1970er Jahren viel Geld verdient.

Hübsche Gegen-Streitschrift, aus dem 21. Jahrhundert übrigens: Matthias Horx, ANLEITUNG ZUM ZUKUNFTSOPTIMISMUS.

"Es fehlen Utopien und positive Visionen für unsere Technologie basierte Zukunft."

Einerseits stimmt das natürlich, andererseits "fehlt" Positives immer. Niemand wird sich je hinstellen und sagen: "Hey, wir haben jetzt wirklich Massen von Utopien und positiven Visionen, verdammt. Liebe Autoren, schreibt doch endlich mal was Negatives!" Das ist also ziemlich platt dahergeredet.

Dann sind wir Menschen leider so beschaffen, dass wir auf Negatives stärker reagieren als auf Positives. (Dieser Blogeintrag ist das beste Beispiel: Ich hätte mich an diesem freien Sonntag auch hinsetzen und ein Loblied auf irgendeinen tollen Roman singen können; hab ich aber nicht.) Folge: Durchaus vorhandene "Utopien und positive Visionen" verkaufen sich in der Regel deutlich schlechter. So etwas zu schreiben, stellt für Autoren unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten keine "Chance" dar, sondern ein Risiko, eine "Herausforderung".

"Im 21. Jahrhunderts:
Science Fiction = Social Fiction"

Bullshit aus diversen, weiter oben angeführten Gründen.

"Neue Fragestellung für Autoren:
Weniger: Welche Technik wird künftig sein?
Mehr: Welche Gesellschaft wird aufgrund der heutigen Technologien sich entwickeln?"

  • Die Fragestellung ist nicht neu.
  • Prognostizierung im Sinne von "Welche Technik wird künftig sein?" kann es kaum noch weniger geben, denn sie hat die wenigsten Autoren je interessiert. Sie haben lieber mit einer möglichen (oder unmöglichen) Technik dramaturgisch herumgespielt.
  • Oder sich eben, schon seit weit über hundert Jahren, den dadurch möglicherweise ausgelösten gesellschaftlichen Entwicklungen gewidmet.

"Mögliche Rolle für Science Fiction Autoren im 21. Jahrhundert:
Technologie-Folgenabschätzer für gesellschaftliche Entwicklungen"

[Loriot-Stimme] "Ach was."


Schlussbemerkung


John Clute hat einmal etwas sehr Schönes über das Schreiben von SF gesagt, das ging sinngemäß so: Der Autor weiß, am Ende angelangt, nie sauber zu trennen, was nüchterne Kalkulation und was Traum war.

SF wird immer ins Kraut schießen.

Das ist ihre Stärke.

SF-Autoren als gezielte "Technologie-Folgenabschätzer" - das ist eine Kopfgeburt, die in keiner Weise so funktionieren kann, wie der Herr Prof. Dr. Produktinnovationsmanager sich das vorstellt. Das zeigt schon ein so oberflächlicher Blick auf die Geschichte der SF wie dieser hier.

Die SF insgesamt, als Genre, in all ihren Ausprägungen, "albernen" wie "ernsthaften", "kommerziellen" wie "künstlerischen", spiegelt aber sehr schnell gesellschaftliche Entwicklungen. Darin liegt, und ich betone: in all ihren Ausprägungen, ihre tatsächliche Relevanz.

Amen.


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* Quelle: vdivde-it, nachgetragen am 25.04.
** Quelle: wittpahl-partners, nachgetragen am 25.04.


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English summary for foreign readers: Some rant on some lousy lecture