Freitag, 22. September 2017

Vor fünfzig Jahren: Wie ich lesen lernte

Die genauen Umstände weiß ich natürlich nicht mehr - aber genug, um es erzählerisch aufzufüttern.

1967 war ich fünf Jahre alt und genoss es immer sehr, wenn meine Eltern mir vorlasen. Ich konnte kaum genug davon kriegen.

Eines Tages saß ich neben meinem Vater auf der Couch, er las mir aus meinem damaligen Lieblingsbuch vor, und auf einmal begriff ich, dass ich nun komplett wusste, wie das mit den Buchstaben ging, nach denen ich ständig fragte. Ich öffnete den Mund und sprach mit, wo der Zeigefinger meines Vaters die Zeile entlang glitt.

"Du kannst das ja auswendig!", sagte mein Vater.

"Nein!" Ich war aufgeregt. "Ich kann das lesen!"

Mein Vater, auch als Skeptiker lebenslanges Vorbild, blätterte an eine andere Stelle im Buch, zeigte auf einen Absatz und sagte: "Lies mal das."

Ich tat es. Stockend noch, aber zutreffend.

Nun war mein Vater auch aufgeregt. "Donnerwetter! Das gibt's doch nicht! Irene, komm mal!"

Ich las meiner Mutter, die gerade viel mit meinem einjährigen Bruder beschäftigt war, ebenfalls ein Stück vor. Sie staunte.

Auch die Verwandtschaft, der ich es bei den Familientreffen an den Wochenenden reihum vorführte wie irgendeinen Zirkustrick, war aus dem Häuschen.

Und ich begriff rasch, dass mir nun die ganze Welt der Bücher offenstand. Ich war nicht mehr zu bremsen. Es sollte nicht lange dauern, da las ich ein Buch am Tag und war Stammkunde in unserer Stadtteilbibliothek am Waldeckpark.

An mein damaliges Lieblingsbuch habe ich leider keine genauen Erinnerungen mehr und weiß weder Autor noch Titel. Es war wohl ein schmales Pappbändchen, ähnlich den Titeln der Insel-Bücherei, mit einem knallroten Umschlag und einem weißen Kreis in der Mitte, der irgendeine Zeichnung zeigte, eine Federzeichnung vermutlich, denn auf die reagiere ich heute noch mit einem warmen Gefühl, selbst wenn mir die Darstellung gar nicht gefällt.

Die Geschichte drehte sich um Spielzeug, das nachts lebendig wird - ich habe ihr fünfundzwanzig Jahre später mit meinem ersten Roman Reverenz erwiesen, DER ELEFANT AUF DEM DACH.

Heute haben die Rollen sich umgedreht. Ich lese meinem Vater vor, dessen viele von mir bewunderten Fähigkeiten langsam verwehen. Die gemeinsame, fast tägliche Lesezeit tut ihm gut und tut mir gut. Wir erinnern uns viel.

Mittwoch, 13. September 2017

Und noch ein kleiner Bestseller

Diese meine Übersetzung hat nicht nur mehrere Nachauflagen erfahren, wie neulich schon ein anderer Jugendbuch-Thriller, sondern jetzt sogar eine Neuausgabe.

Das ist auch gut so, denn nun heißt James auch auf Deutsch endlich Juno Dawson; ihr Outing ist ja schon eine ganze Weile her.


Wolen wir mal schauen, wie der mitunter durchaus fiese Horror-Roman SAG NIE IHREN NAMEN in der letzten Zeit so ankam? Mit Blick aufs Sprachliche, natürlich - denn das Deutsch habe ja ich verbrochen.

"Der Schreibstil war locker und jugendlich." (Nadine, Dezember 2016)

"Der Schreibstil von James Dawson ist aber auf jeden Fall flüssig und das Buch lässt sich flott lesen." (Jessi, In Büchern leben, April 2017)

"sehr leicht und flüssig zu lesen" (Lines Bücherwelt, Juli 2017)

"souverän erzählt" (Kasimira, September 2017)

Na, da freut sich der Übersetzer doch!

  • Mehr zum Buch, auch eine Leseprobe, bei Carlsen
  • Gesammelte Blogeinträge zum Auftrag hier

Mittwoch, 6. September 2017

Wie wir einmal ein Konzert von Holger Czukay störten



Wir waren selbsternannte Punks oder Freaks oder auch Mutanten, und als Holger Czukay Anfang Dezember 1984 mit einem Soloauftritt in den Martin-Gropius-Bau kam, mussten wir da hin! Die Scheiben von Can liefen bei jedem künstlerisch begabten Kifferkumpel irgendwann in der Nacht, und ich mochte gerade die verstrahlt-poetischen Songs mit ihrem Sänger Damo Suzuki sehr.

Berlins Spinner kamen alle und drängten so sehr in den klassizistischen Bau, dass die Resopaltische am Einlass nach hinten geschoben wurden.

Das Konzert fand im Treppenhaus statt, auf der Treppe die Spirale des Publikums, Czukay ganz unten im Schacht mit Bass und Kurzwellenradio.

Wir konnten es nicht fassen: Der fummelte da unten am Drehregler des fiependen, trillernden Radios rum (ich erinnere mich an so 'nen volksempfängermäßigen Holztrumm, aber das kann täuschen) und zuppelte ein bisschen an seinem Bass, und das bunte Publikum nickte dazu intellektuell-anerkennend ...

Kunstkacke, fanden wir. Und mussten laut lachen zwischen den ganzen goutierenden Soundgourmets.

Wir kamen uns vor wie in "Des Kaisers neue Kleider".

Und verließen das Ereignis, drängten uns die überfüllte Treppe entlang lachend und feixend nach draußen.

Sehr zum Amüsemang der treuen Czukay-Fans um uns herum - denn so machten wir uns natürlich zum Teil des Spektakels.

Da kommste ja nicht drumrum.

Was wiederum auch schön und erfreulich ist.

Damals war ich zwoundzwanzig. In Czukays diverses Radio Wave Surfing habe ich nie wieder reingehört, in dreiundzwanzig Jahren nicht.

Wollen wir mal ein Ohr reinhalten?





Finde ich, als inzwischen immerhin altersmilder Banause, immer noch Kunstkacke.

Aber Can - Can waren schon was!



Solche Songs von Holger Czukay selig und seinen Band-Freunden, von denen auch nicht mehr viele leben, werde ich noch bis zu meinem Tod hören!

Dienstag, 29. August 2017

Schön, schöner, nachgedruckt

Sieh an! Roxanne St. Claires feiner kleiner Jugendbuch-Thriller SCHÖN SCHÖNER TOT, von mir übersetzt im Jahr 2015, hat sich nicht nur als Paperback gut verkauft, sondern läuft offensichtlich auch gut im Taschenbuch. Gerade erreichten mich die Belegexemplare der dritten Auflage.



Aus aktuellen Rezensionen:

"Ich habe das Buch nun schon zwei Mal gelesen und es fesselt mich immer noch." (Tiger's Lesebar, 8. August 2017)

"Ein perfekter Jugendthriller! Packt einen von der ersten Seite bis zum Schluss. Das Ende war unvorhersehbar, wirklich fantastisch!" (Muggle Literatur, 18. Januar 2017)

  • Mehr zum Buch, dessen Übersetzung mir damals großen Spaß gemacht hat, beim Carlsen Verlag
  • Alle alten Blogeinträge zum Auftrag hier

Montag, 21. August 2017

Eine denkwürdige "Begegnung" mit Brian Aldiss

Lese auf Twitter, dass Brian Aldiss gestorben ist. Dabei fällt mir prompt wieder ein, wie ich ihm einmal begegnet bin.

Im Traum.

Muss mindestens zwanzig Jahre her sein, da gestattete mir dieser subversive Gentleman während eines Schreibseminars irgendwo auf dem Land, in seinem aktuellen Tagebuch zu blättern.

Es war berauschend und inspirierend: ein A4-großes Journal, angefüllt mit unzähligen Absätzen in einer schönen Handschrift, illustriert mit locker hingeworfenen Skizzen und Zeichnungen - Landschaften, Ideen, Konzepte in wilder Mischung.

Ich fühlte mich geehrt.

Diese kleine persönliche Erinnerung will ich gerade mit euch teilen, da lese ich in einem Portrait des Telegraph, dass Brian Aldiss tatsächlich sein Leben lang ein solches Journal geführt hat und in seinem Haus viel eigene Kunst hängen hatte.

Schon seltsam, wie Leben und Traum manchmal spielen!

Samstag, 12. August 2017

Tee mit der Liebesmaschine

Hier kommt das Lustigste, was uns dieses Jahr auf dem Burg-Herzberg-Festival passiert ist:

Wir sitzen im Chai-Zelt, was ein schöner Ort zum zwischendurch Ausspannen ist. Am selben Tisch rauchen eine Frau und ein Mann, beide vielleicht dreißig, eine Shisha. Sie, Typ gepflegte Hardrock-Braut, sitzt neben meinem großen Sohn; er, Typ Wilder Mann mit langen Haaren und Rauschebart und mehr oder weniger freiem Oberkörper, sitzt neben mir. Wir hängen da so nebeneinander ab in friedlicher Koexistenz.

Plötzlich drückt sich mir eine Handkante an den Oberarm, und der Typ dröhnt mich an, mit einer vollen, warmen Stimme:

"HEY, DU MUSST RAUS AUS DEINEM GEFÄNGNIS! DU MUSST DICH VON DEINEM SELBST BEFREIEN!"

Das Folgende bekomme ich nicht mit, aber mein Sohn erzählt es mir später: Er und die Frau zucken voll zusammen und sehen einander unsicher an.

Ich habe mich schon während der Berührung am Arm zu dem Wilden Mann umgedreht, lege ihm eine Hand auf den Unterarm, und von irgendwo tief aus dem Bauch kommt ein Lachen, und ich sage:

"Ja, aber wir alle sind doch unser Selbst."

Worauf er mit dem Oberkörper ein bisschen nach hinten geht und weich wie ein Kind sagt:

"Och ... Und ich dachte, du kriegst jetzt einen Schreck."

***

Herrliche Szene. Natürlich unterhielten wir uns dann ein bisschen, und die Frau erzählte uns, dass er der Sänger einer Band namens Love Machine sei und die auf der Mental Stage auftreten würden.

Da mussten wir natürlich hin!

Eine wunderbare Liveband. Ihre Musik erinnert an die Doors, nur nicht düster, sondern voller Sonne und Honig. Die bis jetzt vorhandenen Youtube-Videos werden der souligen Kraft des Frontmanns nicht gerecht - auf dem Herzberg tanzte er wie ein Derwisch, trommelte in den Instrumentalpassagen auf einer Bongo, um das Energielevel zu halten, und warf zwischen den Songs Blumen ins Publikum.

Wilder Mann und kleener Junge zugleich - unwiderstehlich. Und getragen wird er von einer kompakten, locker aufspielenden Band.

Wenn aus denen nicht mindestens ein heißgefragter Festival-Act wird, versteh ich die Welt nicht mehr!




Freitag, 4. August 2017

Operation Act of Grace

My award-winning science fiction story "Operation Gnadenakt" now is available in an English translation, and you can read it for free! Just download Andromeda SF Magazin 155 over there.


And so my story begins:

One fine day early in the autumn of 2033, the president suggested to his defence minister that they conclude the weekly homeland security meeting with a private discussion at the picnic table on the South Lawn in front of the Oval Office.

The general, although he looked puzzled, simply replied, "Of course, sir."

A little later, they were seated opposite one another at the heavy wooden table. The Dyson dome held back the drizzle, and a multitude of anti-spying measures were in place. "Yes, Mr President? How may I be of assistance?"

"No need for such formality, please. Call me Liam."

"Of course, sir. How may I be of assistance, Liam? Would you like to hear my personal appraisal of the warm standby option?"

"Ah ... no," said the president, laughing briefly. It was not a positive laugh. "No, no. Nothing like that." He breathed in deeply. "Noah, I would like you to tell me about Operation Act of Grace."

"Forgive me for saying so, sir, but I don't think that's a good idea. Even the commander-in-chief of the armed forces himself doesn't need to know everything."

The president wagged his index finger. "Noah, Noah, Noah. I won't take that as an answer. This is the ..." He reached into the breast pocket of his jacket, pulled out a hand-written letter with the White House letterhead, and unfolded it. "This is the handover letter from my predecessor in office. It says here, and I quote word-for-word, "If you, my dear Liam, should ever find that continually staring into the abyss becomes too dark for you, and nothing seems to put things back into perspective, then ask your defence minister about Operation Act of Grace."" The president looked at him expectantly.

"I suppose it also says something along the lines of only considering it as a last resort. And I may add, sir, that your predecessor never even considered this last resort."

"He simply lived in less interesting times."

The general nodded and stood up. "We have to fly, Mr President."

For reading further, just download Andromeda SF Magazin 155! You will get a whole bunch of stories and essays from all around the contemporary German sf field, too.


-----

(English story translation by Richard Marsh)