Freitag, 15. Dezember 2017

Vor zehn Jahren: Lieblingsautoren im Doppelpack

2007, ich war 45 Jahre alt, da übersetzte ich plötzlich zwei meiner langjährigen Lieblingsautoren.

Heyne bot mir, als ich sie fragte, ob sie einmal wieder etwas für mich hätten, überraschend einen Roman von Philip K. Dick an, und bei Pendragon meldete ich mich gezielt, als ich erfuhr, dass sie einen Neuanlauf mit Robert B. Parkers Spenser-Romanen wagen wollten.


Es wurden herrlich entspannte und beseelte Arbeitswochen.

Parker konnte ich sprachlich einfach so aus dem Ärmel schütteln, weil ich seinen Stil nach Jahren des Lesens und Wiederlesens längst verinnerlicht hatte, und die Recherchen waren zwar vielleicht anstrengend, aber sie machten auch Spaß: Endlich hatte ich einen Grund, mir Landkarten und Stadtführer und Gedichtbände zuzulegen, und den PARKER COMPANION besaß ich längst.


Dick zu übersetzen war einerseits schwieriger, weil er als Vielschreiber vieles schlampig ausführte und ich entsprechend schwamm, andererseits aber auch faszinierend, weil ich ihn bis dahin nur auf Deutsch gelesen hatte und nun feststellen durfte, dass er doch mit einigem Sprachwitz knuffige kleine Dialoge zaubern konnte - die in den alten Übersetzungen schlicht abgesoffen sind.

Außerdem bestätigte sich mir bei der Arbeit am Text, was ich lesenderweise schon immer gedacht hatte: Dick besaß einen aberwitzigen Humor. Vieles in seinen Geschichten leuchtet erst richtig ein, wenn man ihn sich beim Schreiben lachend oder grinsend vorstellt. Da ähnelt er Kafka, den ich auch immer deutlich witziger fand, als er im Kanon einsortiert wird.


Und so ist es wohl kein Wunder, dass ich 2007 als eines der erfreulichsten Jahre meiner Übersetzerlaufbahn in Erinnerung habe.

Donnerstag, 30. November 2017

Vor zwanzig Jahren: mein erster feuilletontauglicher Übersetzungsauftrag

1997, ich war vierunddreißig Jahre alt und hatte gerade erst mit einer Fantasy-Trilogie und einem historischen Krimi bewiesen, dass ich überhaupt auch nur abdruckbar übersetzen konnte, da saß ich auch schon für DVA an einer "mit Esprit geschrieben[en]" Biografie über Yves Saint Laurent, verfasst von der renommierten britischen Designkritikerin Alice Rawsthorn.

Das kam durchaus überraschend.

Auch für DVA.

Der Auftrag war bereits an jemand anders vergeben worden, der jedoch mit dem Stil der Autorin so wenig zurecht kam, dass der Verlag irgendwann die Notbremse zog und die Übersetzung, obwohl sich die Übersetzungskosten damit nahezu verdoppeln würden und der Veröffentlichungstermin schon nahe bevorstand, lieber neu vergab.

Da kam ich ins Spiel. Beim Berliner Übersetzerstammtisch fragte ein sehr gefragter Kollege, dem das Buch angeboten worden war, ob gerade jemand Zeit hätte und sich das zutrauen würde.

Ich hatte, und ich traute mich. Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber Mode beziehungsweise die Kultur der Bekleidung finde ich schon immer faszinierend.

Meine Probeübersetzung überzeugte, der zuständige Lektor wischte sich den Schweiß von der Stirn, und ich fing an, mir die Haare zu raufen.

1997 - das war, liebe Kinder, vier Jahre vor Wikipedia. Man schrieb sich im Geschäftsverkehr zumeist noch Briefe und faxte diese, wenn es eilig war. Man telefonierte mit wildfremden Leuten, ohne sich vorher zu schreiben.

Ich hatte nicht studiert, ich hatte nicht mal mein Abi gemacht, und nun durfte ich mich auf die Schnelle mit wissenschaftlicher Recherche vertraut machen - oder vielmehr mit dem, was ich dafür hielt. Jedenfalls: Bibliotheksgänge, Anfragen bei Fachleuten, lauter aufregende Sachen für den Böhmert Frank. Die hunderte Fußnoten, die übersetzt werden wollten, grausten mich in der täglichen Arbeit mindestens genauso wie der anspielungsreiche, gewitzte Plauderton.

Aber es war auch eine faszinierende Arbeit, denn: Ein Buch zu übersetzen, ist immer auch ein kleines persönliches Forschungsprojekt. Man lernt jedes Mal viel!

Ich lernte, ich feilte, ich raufte mir die Haare. Ich feilte noch mehr und lieferte ab.

Und nach einem ebenso gründlichen wie erfreulichen Lektoratsdurchlauf (für die eigentlich obligatorischen zwei fehlte die Zeit) kam sie 1998 dann heraus, meine erste feuilletontaugliche Übersetzung:


"Mit Esprit geschrieben", hieß es damals in einer Rezension, und das heftete ich mir doch gern an die Brust.


Moral von der Geschicht: Geht zu Stammtischen, fahrt zu Seminaren und Branchentreffen! Ihr mögt euch als Berufsanfänger da klein und doof vorkommen - doch die meisten Kolleginnen und Kollegen sind nett und helfen gern, auch mal mit Aufträgen oder Akquisetipps. Das ist nicht nur eigenes Erleben, das höre ich immer wieder.

Dienstag, 31. Oktober 2017

Vor dreißig Jahren: Ich schreibe einen persönlichen Klassiker

Als Autor wirst du ja nicht unbedingt für die Geschichten gelobt, die du selbst am besten findest. Das geht den Großen so, siehe Arthur Conan Doyle, der seinen Sherlock Holmes nie sonderlich schätzte, oder Michael Moorcock, der seine Elric-Romane laut Umfeld betrunken und mit Verachtung herunterhackte, das geht auch einem ewigen Geheimtipp wie mir so. "Harry will Walross werden" und "Brüderlein und Schwesterlein", meine beiden erfolgreichsten Kurzgeschichten, die mir bis heute jeweils knapp fünfstellige Beträge eingebracht haben, waren eigentlich nur Fingerübungen.

Manchmal aber schreibst du was und denkst, hey, da habe ich jetzt aber alles, was ich kann, reingepackt, und dann sehen die Leute draußen das auch so. Großartiger Glücksmoment.

Bei mir war das so mit der Erzählung "Das Lager", die ich 1987 als Mittzwanziger schrieb - glatte drei Jahre, nachdem ich meinen Lagerarbeiterjob gekündigt hatte. Manche Erfahrungen wollen erst mal verdaut und durchdacht werden, bevor sie die Grundierung für eine Fiktion bilden können.

Die Geschichte erschien zunächst, damals noch unter dem Titel "Willkommen in der Wirklichkeit", in Carsten Scheibes und Norbert Schulz' inzwischen legendärem Horrorfanzine TALES bzw. NACHTSCHATTEN und wurde in der darauffolgenden Ausgabe wild auf den Leserbriefseiten diskutiert. Noch heute wird oft diese Geschichte als Highlight genannt, wenn sich mal wieder Leute über große Fanzines unterhalten und dann auf TALES/NACHTSCHATTEN zu sprechen kommen.

1995 erschien sie in einem Erzählungsdoppelband bei der Edition Casablanca, illustriert von Bryin Abraham ...


.... und 2009 in der Sammlung meiner besten Geschichten EIN ABEND BEIM CHINESEN.


Dreißig Jahre ist es jetzt her, dass ich die erste Szene in die elektrische Schreibmaschine hämmerte, und ich finde sie immer noch dicht und auf genau die richtige vage Weise beklemmend:

Erstes Kapitel:
Harry hat einen Arbeitsplatz

"Sag mal, wo ist er denn jetzt schon wieder?"

"Weiß nicht, vorhin war er hinten, Collies zerkloppen ..."

"Na, lass uns mal erst 'nen kleinen Stick einziehen."

Harry stand, zwischen Metall und Beton geklemmt, im Halbschatten und beobachtete, wie die beiden an ihm vorbeizogen. Er lauschte ihnen nach. Dann wuchtete er die Kartons zur Seite - Auorelais, gute, muskelschwere Pakete, machte immer Spaß, die Dinger einzulagern - und leise, leise trat er hinaus auf den Gang.

Als E-Book ist der ABEND auf der Plattform eures Vertrauens zu haben, im Print derzeit nur antiquarisch.

Hannes Riffel, heute Programmchef von Fischer Tor, kommentierte die Erzählung in seinem Vorwort so:

"Arbeitsweltpersiflagen wie 'Die Hubschrauber' und 'Das Lager', beides längere Texte, [...] zeigen, dass Frank wohl so manches am eigenen Leib erfahren hat"

Ein paar Jahre später habe ich versucht, aus dem Stoff einen Roman zu machen, das Projekt aber nach knapp hundert Seiten aufgegeben. Zu redundant wurde das Ganze und die Wucht verwässert. Inzwischen ist das Fragment längst weggeworfen, bestimmt vor zwanzig Jahren schon.

Die Geschichte aber ist immer noch da, und manche Leute haben sie nach all den Jahren immer noch im Kopf.


P.S. Und wie sah der Autor damals so aus? Voll seriös natürlich! :-D


Freitag, 22. September 2017

Vor fünfzig Jahren: Wie ich lesen lernte

Die genauen Umstände weiß ich natürlich nicht mehr - aber genug, um es erzählerisch aufzufüttern.

1967 war ich fünf Jahre alt und genoss es immer sehr, wenn meine Eltern mir vorlasen. Ich konnte kaum genug davon kriegen.

Eines Tages saß ich neben meinem Vater auf der Couch, er las mir aus meinem damaligen Lieblingsbuch vor, und auf einmal begriff ich, dass ich nun komplett wusste, wie das mit den Buchstaben ging, nach denen ich ständig fragte. Ich öffnete den Mund und sprach mit, wo der Zeigefinger meines Vaters die Zeile entlang glitt.

"Du kannst das ja auswendig!", sagte mein Vater.

"Nein!" Ich war aufgeregt. "Ich kann das lesen!"

Mein Vater, auch als Skeptiker lebenslanges Vorbild, blätterte an eine andere Stelle im Buch, zeigte auf einen Absatz und sagte: "Lies mal das."

Ich tat es. Stockend noch, aber zutreffend.

Nun war mein Vater auch aufgeregt. "Donnerwetter! Das gibt's doch nicht! Irene, komm mal!"

Ich las meiner Mutter, die gerade viel mit meinem einjährigen Bruder beschäftigt war, ebenfalls ein Stück vor. Sie staunte.

Auch die Verwandtschaft, der ich es bei den Familientreffen an den Wochenenden reihum vorführte wie irgendeinen Zirkustrick, war aus dem Häuschen.

Und ich begriff rasch, dass mir nun die ganze Welt der Bücher offenstand. Ich war nicht mehr zu bremsen. Es sollte nicht lange dauern, da las ich ein Buch am Tag und war Stammkunde in unserer Stadtteilbibliothek am Waldeckpark.

An mein damaliges Lieblingsbuch habe ich leider keine genauen Erinnerungen mehr und weiß weder Autor noch Titel. Es war wohl ein schmales Pappbändchen, ähnlich den Titeln der Insel-Bücherei, mit einem knallroten Umschlag und einem weißen Kreis in der Mitte, der irgendeine Zeichnung zeigte, eine Federzeichnung vermutlich, denn auf die reagiere ich heute noch mit einem warmen Gefühl, selbst wenn mir die Darstellung gar nicht gefällt.

Die Geschichte drehte sich um Spielzeug, das nachts lebendig wird - ich habe ihr fünfundzwanzig Jahre später mit meinem ersten Roman Reverenz erwiesen, DER ELEFANT AUF DEM DACH.

Heute haben die Rollen sich umgedreht. Ich lese meinem Vater vor, dessen viele von mir bewunderten Fähigkeiten langsam verwehen. Die gemeinsame, fast tägliche Lesezeit tut ihm gut und tut mir gut. Wir erinnern uns viel.

Mittwoch, 13. September 2017

Und noch ein kleiner Bestseller

Diese meine Übersetzung hat nicht nur mehrere Nachauflagen erfahren, wie neulich schon ein anderer Jugendbuch-Thriller, sondern jetzt sogar eine Neuausgabe.

Das ist auch gut so, denn nun heißt James auch auf Deutsch endlich Juno Dawson; ihr Outing ist ja schon eine ganze Weile her.


Wolen wir mal schauen, wie der mitunter durchaus fiese Horror-Roman SAG NIE IHREN NAMEN in der letzten Zeit so ankam? Mit Blick aufs Sprachliche, natürlich - denn das Deutsch habe ja ich verbrochen.

"Der Schreibstil war locker und jugendlich." (Nadine, Dezember 2016)

"Der Schreibstil von James Dawson ist aber auf jeden Fall flüssig und das Buch lässt sich flott lesen." (Jessi, In Büchern leben, April 2017)

"sehr leicht und flüssig zu lesen" (Lines Bücherwelt, Juli 2017)

"souverän erzählt" (Kasimira, September 2017)

Na, da freut sich der Übersetzer doch!

  • Mehr zum Buch, auch eine Leseprobe, bei Carlsen
  • Gesammelte Blogeinträge zum Auftrag hier

Mittwoch, 6. September 2017

Wie wir einmal ein Konzert von Holger Czukay störten



Wir waren selbsternannte Punks oder Freaks oder auch Mutanten, und als Holger Czukay Anfang Dezember 1984 mit einem Soloauftritt in den Martin-Gropius-Bau kam, mussten wir da hin! Die Scheiben von Can liefen bei jedem künstlerisch begabten Kifferkumpel irgendwann in der Nacht, und ich mochte gerade die verstrahlt-poetischen Songs mit ihrem Sänger Damo Suzuki sehr.

Berlins Spinner kamen alle und drängten so sehr in den klassizistischen Bau, dass die Resopaltische am Einlass nach hinten geschoben wurden.

Das Konzert fand im Treppenhaus statt, auf der Treppe die Spirale des Publikums, Czukay ganz unten im Schacht mit Bass und Kurzwellenradio.

Wir konnten es nicht fassen: Der fummelte da unten am Drehregler des fiependen, trillernden Radios rum (ich erinnere mich an so 'nen volksempfängermäßigen Holztrumm, aber das kann täuschen) und zuppelte ein bisschen an seinem Bass, und das bunte Publikum nickte dazu intellektuell-anerkennend ...

Kunstkacke, fanden wir. Und mussten laut lachen zwischen den ganzen goutierenden Soundgourmets.

Wir kamen uns vor wie in "Des Kaisers neue Kleider".

Und verließen das Ereignis, drängten uns die überfüllte Treppe entlang lachend und feixend nach draußen.

Sehr zum Amüsemang der treuen Czukay-Fans um uns herum - denn so machten wir uns natürlich zum Teil des Spektakels.

Da kommste ja nicht drumrum.

Was wiederum auch schön und erfreulich ist.

Damals war ich zwoundzwanzig. In Czukays diverses Radio Wave Surfing habe ich nie wieder reingehört, in dreiundzwanzig Jahren nicht.

Wollen wir mal ein Ohr reinhalten?





Finde ich, als inzwischen immerhin altersmilder Banause, immer noch Kunstkacke.

Aber Can - Can waren schon was!



Solche Songs von Holger Czukay selig und seinen Band-Freunden, von denen auch nicht mehr viele leben, werde ich noch bis zu meinem Tod hören!

Dienstag, 29. August 2017

Schön, schöner, nachgedruckt

Sieh an! Roxanne St. Claires feiner kleiner Jugendbuch-Thriller SCHÖN SCHÖNER TOT, von mir übersetzt im Jahr 2015, hat sich nicht nur als Paperback gut verkauft, sondern läuft offensichtlich auch gut im Taschenbuch. Gerade erreichten mich die Belegexemplare der dritten Auflage.



Aus aktuellen Rezensionen:

"Ich habe das Buch nun schon zwei Mal gelesen und es fesselt mich immer noch." (Tiger's Lesebar, 8. August 2017)

"Ein perfekter Jugendthriller! Packt einen von der ersten Seite bis zum Schluss. Das Ende war unvorhersehbar, wirklich fantastisch!" (Muggle Literatur, 18. Januar 2017)

  • Mehr zum Buch, dessen Übersetzung mir damals großen Spaß gemacht hat, beim Carlsen Verlag
  • Alle alten Blogeinträge zum Auftrag hier