Dienstag, 23. Oktober 2012

Gelesen: L. Sprague de Camp, NEW YORK LAG EINST AM BOSPORUS (USA 1972)

Worum geht's?

Das Buch liefert eine populärwissenschaftliche Darstellung verschiedener Städte der Antike.

Wie ist das Buch geschrieben?

Verständlich, amüsant, freigeistig. Sprague de Camp, ein versierter Autor auch von Romanen und Kurzgeschichten, erzählt gern im Plauderton. Aber obwohl er die meisten vorgestellten Städte selbst besucht hat, hält er sich mit persönlichen Anekdoten sehr zurück.

Was gefiel nicht so?

Die deutsche Fassung ist von erbärmlicher Qualität. Die zweifelhafte Übersetzung ("Schmutzstraßen" für dirt roads mal als augenfälligstes Beispiel, das einem auch mit einem schlechten Wörterbuch nicht unterlaufen darf) wird noch von den massenhaft vorkommenden Satzfehlern wie "Offensieve" getoppt; ich fand in einzelnen Sätzen bis zu vier Fehlern. Das Erschreckende ist, dass es sich hierbei um einen damaligen Sachbuch-Bestseller handelt; die mir vorliegende Ausgabe ist in Lizenz von einem Buchklub hergestellt worden und das sicher erst nach mehreren Auflagen der ursprünglichen deutschen Ausgabe - da hat es niemand geschafft, den Satz noch einmal zu korrigieren, obwohl man so viel verdammten Schotter damit gemacht hat? Nicht zu fassen!

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar)

Was gefiel?

Sprague de Camps weitgefächertes Interesse: Baukunst, Kultur, Politik, Ingenieurstechnik, sogar Ansätze von Alltagsgeschichte. Man lernt viel.

Außerdem sein liberaler Standpunkt. Der Freiheitsgrad einer Gesellschaft spielt immer wieder eine Rolle.

Zu guter Letzt hat er seine helle Freude an paradoxen Auswirkungen.

Gute Stelle?

Auf Seite 40 im Kapitel über Theben sieht man sehr gut den lebenszugewandten Blick Sprague de Camps. Deutsch von Dr. Wilhelm Duden - jawohl, mit Doktortitel; so steht's im Impressum!

Unter Amenophis III., einem König der 18. Dynastie, erlebte Ägypten seine größte Glanzzeit. Amenophis kam im Jahr 1397 v. Chr. auf den Thron und regierte 37 Jahre. Ein lebensfroher Mann, liebte er besonders prunkvolle Bauten, die Jagd auf Löwen und Auerochsen und vor allem seine erste und Hauptfrau, die Königin Tiy. Außer einem Feldzug gegen die Nubier zu Beginn seiner Regierung blieb Amenophis III. zu Hause und überließ seinen Generalen die wenigen kriegerischen Aufgaben, die sich einstellten. Sein Reich erstreckte sich vom Oberlauf des Nil bis zum Oberlauf des Euphrat.

Da der Reichtum der Welt in seine Schatzkammern floß und die Könige von Babylonien, Assyrien und Mitanni (einem wichtigen Königreich im östlichen Syrien und südöstlichen Kleinasien) ihn hofierten, kann man diesen lebensfrohen Pharao kaum dafür tadeln, daß er das Leben leichtnahm. In jeder Hinsicht war Ägypten das erste Land der Welt. Im Osten war Babylon von seiner beherrschenden Stellung, die es vor einem halben Jahrtausend besaß, herabgesunken und war unter der Herrschaft der Kassiten, eines fremden Volkes, nur noch eine zweitrangige Macht. Die Zeit der assyrischen Großmacht stand noch bevor. Im Norden war Mitanni mit Ägypten verbunden, wenn auch durch die wachsende Macht von Chatti, dem Königreich der Hethiter, bedroht. Im Westen waren die ewig unruhigen Libyer jetzt friedlich. Im Süden wurden die schwarzhäutigen Nubier schnell ägyptianisiert.

Während dieses goldenen Zeitalters kamen die Produkte fast der ganzen zivilisierten Welt nach Ägypten. Die ältesten bekannten Glasschüsseln der Welt, damals seltene Kostbarkeiten, fand man in ägyptischen Gräbern. Umgekehrt breitete sich der ägyptische Einfluß in fremden Ländern aus; er zeigte sich sogar in der hochentwickelten Kunst Kretas. Und über all diesen Reichtum, diese Macht und dieses weite Land herrschte der heitere Kaiser, der dritte Amenophis.

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich lese das Buch bestimmt irgendwann noch einmal. Dann allerdings auf Englisch! Es gibt da eine sehr schöne Ausgabe von Anfang der 1990er Jahre mit vielen Skizzen und Fotografien des Autors; die macht sicher Spaß.

Wo aufgestöbert?

Flohmarkt am Ostbahnhof.

Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Wie früh die Menschheit schon auf bestimmte Lösungen gekommen ist! Und wie oft diese intellektuellen Leistungen dann von außen zunichtegemacht worden sind - zumeist durch religiöse Fanatiker.

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