Ein Irakveteran hat sich als Privatermittler darauf spezialisiert, gestohlene Gegenstände wiederzubeschaffen. Diesmal engagiert ihn aus dem Knast heraus ein Drogenboss, dem eine Lieferung Marihuana abhandengekommen ist.
Wie ist das Buch geschrieben?
Dritte Person, einfache Vergangenheit, aus wechselnden Perspektiven. Der Grundton ist ernst, nüchtern.
Was gefiel nicht so?
Ab und zu meinte ich, unangenehm zu merken, dass Pelecanos viel fürs Fernsehen arbeitet (er schreibt für THE WIRE). Einige wenige Absätze lesen sich wie direkt aus einem Treatment bzw. einer Figurenzeichnung übernommen.
Was gefiel?
Der Held ist ein ernsthafter junger Mann. Das ist eine gelungene Abwechslung zu den sarkastischen Typen anderer Detektivromane.
Gute Stelle?
Ich will zwei Stellen zitieren, die den Helden gut erkennen lassen. Deutsch von Jochen Schwarzer. Auf Seite 110/111 unterhält er sich mit einer Frau während ihrer ersten Verabredung. Sie fragt:
"Bist du aufs College gegangen?"
"Ja, aber nur ein paar Semester. Das war nichts für mich." Lucas beugte sich vor. "Es gibt hier draußen eine Menge Männer und Frauen, die so sind wie ich, Constance. Wir haben diesen Krieg durchgemacht, und deshalb sehen wir die Welt mit anderen Augen als die Leute sonst in unserem Alter. Ich meine: Es gibt bestimmte Bars, in denen halte ich es einfach nicht mehr aus. Diese Gäste, diese Gespräche, das ist alles so belanglos. Ich setze mich nicht hin und trinke was mit Leuten, die irgendwie ironisch drauf sind. Und ich setze mich auch nicht in irgendeinen Seminarraum und höre mir an, wie irgendein Prof irgendwelche Theorien ausbreitet. Ich ertrage das nicht. Und ich wollte auch nicht irgendeinen Bürojob annehmen und mir den ganzen Schwachsinn reinziehen, der damit zusammenhängt. Ich bin eines Tages aufgewacht und wusste einfach, dass ich niemals einen College-Abschluss haben und niemals mit einer Krawatte zur Arbeit gehen werde. Ich war fast dreißig, und mir war klar, dass ich zwischen allen Stühlen sitze. Aber mir geht's damit viel besser als manchen Leuten, die ich kenne. Denn ich habe etwas gefunden, dass ich gerne mache. Wenn ich morgens aufwache, habe ich ein Ziel vor Augen."
Constance schob ihren Teller beiseite, auf dem nur noch Knochen lagen. "Du bist entweder der komplizierteste Typ, den ich je kennengelernt habe, oder der einfachste."
"Der einfachste."
"Aber du bist klug. Du liest viel. Du solltest es noch mal mit dem College versuchen."
"Nein, das kannst du vergessen", sagte Lucas. "Stört dich das?"
"Nein."
"Aber irgendwann wird es dich stören."
"Vielleicht." Sie legte ihre Hand auf seine und drückte sie. "Heute Abend stört es mich nicht."
Und Seite 146/147, nach einer Liebesnacht mit einer anderen Frau:
Lucas ging nach Mitternacht auf die Straße hinaus, befriedigt und irgendwie beschwingt. Er bereute nichts. Ein paar Stunden lang hatte er nicht mehr an Tavon, Edwin und den Tod gedacht. Er hatte auch nicht an Constance gedacht und weder an die unvermeidlichen Kommentare seines Bruders noch an irgendwelche moralischen Bedenken. "Lass dir nichts entgehen", hatte sein Vater einmal zu ihm gesagt, und Lucas wusste nur zu gut, wie das gemeint war. Es gibt im Leben Gelegenheiten und Abenteuer, die einem nur kurze Zeit und nur in einem bestimmten Alter offenstehen. Lisa Weitzman und er wussten das. Es war schön gewesen. Er hatte nicht vor, einer jener Trauerklöße mittleren Alters zu werden, die ständig in Gedanken den Frauen nachhingen, die sie in jungen Jahren eventuell ins Bett gekriegt hätten, wenn sie nicht immer so verdammt vernünftig gewesen wären. Er wollte schöne Erinnerungen sammeln, an denen er sich im Alter wärmen konnte.
Zu empfehlen?
Aber ja.
Wo aufgestöbert?
Freund und Kollege Jochen Schwarzer hat es übersetzt, während der Arbeit davon geschwärmt und sich anscheinend sogar ein bisschen in den Ort der Handlung, die US-amerikanische Hauptstadt Washington, verguckt.
Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?
Ich glaube, Detektivromane gefallen mir oft deshalb, weil sie Lebensdrang und Freiheitswillen vor einen ernsten, existentiellen Hintergrund setzen, ohne sie aber völlig plattzumachen, wie es sogenannte ernsthafte Literatur und auch Thriller gern tun.
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Apropos, dass das Buch als Thriller vermarktet wird, ist natürlich Etikettenschwindel! Reinen Thriller-Lesern wird das Buch nichts geben, und Leute, die Thriller nicht ausstehen können, werden es nicht anrühren. Sieht mir ganz nach einem Eigentor des Verlags aus. Kurzfristig werden zwar vielleicht ein paar Exemplare mehr verkauft, aber langfristig schadet das dem Autor, weil ihn sein eigentliches Publikum nicht findet.
Und wo wir schon dabei sind: Das Buch heißt im Original THE CUT. Mein deutscher Wunschtitel dafür wäre gewesen: EIN GUTER SCHNITT und darunter schlicht: Roman.
Ansonsten ist die Gestaltung des Buches aber toll! Seht selbst:
(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar)
Das passt hervorragend zur US-amerikanischen Reggae-Metropole. Auch Bindung und Haptik sind sehr schön. Wenn doch nur alle Taschenbücher so gut hergestellt wären!

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