Freitag, 29. April 2016

Traditionen "normalbürgerlichen" Protestes

Wie ich neulich schon schrieb, lese ich derzeit zum zweiten Mal Peter Schneiders hervorragende, differenzierte Autobiografie REBELLION UND WAHN. MEIN '68 von 2008.

Darin kann man auch sehr schön sehen, wie durchgängig die Protestformen der nach Eigenverständnis nicht-rechten, normalen Bürger sind.

In Hexes verrostetem und selten geleertem Briefkasten fanden sich anonyme Botschaften, in denen urdeutsche, noch nicht überwundene Schimpfwörter wiederkehrten: 'Hure', 'Schlampe', 'Judensau'. Immer wieder wurde das Klingelschild abgeschraubt oder der Name auf dem Briefkasten geschwärzt.

(Seite 41)
Schon vor Monaten hatte Gretchen Dutschke mir erzählt, daß sie in ihren ständig wechselnden Wohnungen mit Kothaufen vor der Tür und Haßparolen wie "Vergast Dutschke!" belästigt wurden. Betrunkene Bauarbeiter und auch Taxifahrer machten sich einen Spaß daraus, Dutschke zu jagen, wenn sie ihn im Auto oder auf der Straße entdeckten.

[...]

Die Stimmung vieler Berliner [auf einer senatsinitiierten Gegendemo zur APO] kam allerdings weniger in den offiziellen Transparenten [...], sondern in den selbstgemalten Plakaten zum Ausdruck: "Dutschke raus aus Westberlin!", "Bauarbeiter seid lieb und nett, jagt Dutschke und Konsorten weg!", "Bei Adolf wär das nicht passiert!", "Politische Feinde ins KZ!" Auf einem Transparent war Dutschke an einem Galgen zu sehen. "Gute Reise", wurde ihm dort nachgerufen.

Ein junger Mann mit einem Fotoapparat, der mit Rudi Dutschke allenfalls die Haartracht gemein hatte, wurde von erregten Kundgebungsteilnehmern mit Rufen wie "Schlagt ihn tot!", "Hängt ihn auf!" über den Platz gehetzt. In letzter Sekunde wurde er von einem mutigen Polizisten in einen Polizeibus geschoben.

(Seiten 242/243)

Zusätzlich zu linken "Zecken" werden heute "Asylbetrüger" gehetzt, und statt eines linken Sprechers knüpft man die Bundeskanzlerin, vorgeblich in satirischer Absicht, am Galgen auf. Das ist auch schon alles.

Nein - ein Unterschied fällt mir doch noch ein.

Heute gerieren sich Kreise, die seit Jahrzehnten mit solchen Mitteln kämpfen, dann auch noch in bemerkenswerter Überzeugtheit als von Zensur und allem Möglichen bedrohte, normalbürgerliche Opfer.

Das ist recht neu.

Donnerstag, 28. April 2016

Was so passiert, wenn ich mit Fieber twittere ...

... erklärt sich von selbst.









Sonntag, 24. April 2016

Kurd-Laßwitz-Preis - Zwischenmeldung zu meinen Lektüren

Knapp einen Monat ist es her, dass die Nominierungen für den diesjährigen Kurd-Laßwitz-Preis bekanntgegeben wurden; ich habe hier darüber geschrieben.

In der Zwischenzeit habe ich zwei der Bücher gelesen, die mir für meine Punktvergabe interessant erschienen.

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Zunächst in der Kategorie Bestes ausländisches Werk die bei Golkonda verlegte Jo Walton mit ihren beiden bisher auf Deutsch erschienenen Büchern um Inspector Carmichael: DIE STUNDE DER ROTKEHLCHEN und das nominierte DER TAG DER LERCHE.

Die Bücher, die 1949 in einem seit acht Jahren mit den Nazis paktierenden England spielen, haben mich nicht ganz überzeugt.

Jo Walton ist eine virtuose, feinfühlige Erzählerin - aber diesen Alternativweltromanen fehlt etwas, das für mich zur grundlegenden Qualität von Science Fiction gehört: der bilderstürmerische, partisanenhafte Impuls. Das darf gern in Figurenzeichnung und Sprache fein und zurückhaltend sein, wie hier, aber die Inspector-Carmichael-Bücher sind mir in der Story und im Weltentwurf einfach zu dezent. Selbst eine doch sehr große Veränderung - der japanische Angriff auf Pearl Harbour findet nicht statt - lagert Jo Walton so weit in den Hintergrund, das sie sich in einem Interview wundern muss:

Allerdings dachte ich auch, dass jeder das Datum von Pearl Harbour kennt, dem "Tag der Ehrlosigkeit" am 6. Dezember 1941. Doch viele Amerikaner scheinen vergessen zu haben, und das, obwohl ich im Buch klar sage, dass England im Mai 1941 zur Zeit der Heß-Mission Frieden schließt.

(Phantastisch 1/2016, Seite 53)

Wenn nicht einmal die Amerikaner merken, dass in dem alternativen Geschichtsverlauf ihr nationales Trauma nicht stattfindet, dann hat die Autorin in meinen Augen etwas falsch gemacht. Walton erzählt vieles nicht, sondern lässt es aus. Das kann nicht befriedigend funktionieren.

Für Engländer hat die Vorstellung, ihr Land hätte mit den Nazis kollaboriert, vielleicht durchaus hinreichend Wucht. Doch für mich, der ich Deutscher bin und im Laufe meines Lebens bestimmt mehr als zehntausend Seiten Sachtext über den Nationalsozialismus gelesen habe, fehlt da etwas, was zum Beispiel Robert Harris in VATERLAND geliefert hat, wo er uns die riesenhaften, grotesken Speerbauten als verwirklicht nahebrachte.

Ich hätte mir dann wenigstens im Vordergrund der Krimihandlung noch eine grelle Abweichung gewünscht.

Fazit: In den Details und der Figurenzeichnung wunderbar, auch toll übersetzt, durch die fehlende Wucht jedoch für mich kein geeigneter Anwärter auf einen SF-Preis.

Wobei ich einschränkend noch hinzufügen möchte, dass ich mit dem von Walton verwendeten Untergenre des cozy mystery ohnehin meine Schwierigkeit habe; diese behaglichen Rätsel-Krimis, wie sie etwa Agatha Christie geprägt hat, haben mir nie Spaß gemacht.

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Damit zur Kategorie Bester Roman. Mein Tweet neulich sagt schon fast alles:



Die Novelle DER ALGORITHMUS DES MEERES von Frank Hebben hat mich wirklich schwer beeindruckt. Story und Erzählweise bilden eine nahezu perfekte Einheit, sämtliche stilistischen Seltsamkeiten wurzeln im Stoff. Das ist ganz, ganz groß. Dazu noch die liebevolle, wertige Ausstattung durch den Verlag - Hammer!

Auch gefiel mir - und ich will jetzt nichts verraten, darum sage ich das ganz allgemein - die Philosophie, die hinter dem Text aufschimmert und sich vor allem über den Schluss vermittelt.

Respekt! Eine eigene Stimme ist in Genreliteratur, zumal deutscher, ein seltenes Gut.

So, und falls ich euch jetzt neugierig gemacht habe: Alles andere findet ihr zum eigenen Vergnügen besser selbst heraus! Zum Beispiel beim Verlag

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Fünf Wochen bleiben noch für die Punktvergabe. Da wäre noch das eine oder andere Buch zu schaffen. Mal schauen, was ich mir als nächstes vorknöpfe!

Wie sieht's bei euch aus? Habt ihr noch in Bücher reingeguckt, die ihr bis zur Nominierung nicht auf dem Schirm hattet?

Montag, 18. April 2016

Klassisches kleines Horrormärchen als kostenloses Hörspiel!

1983, da war ich 21, habe ich eine meiner erfolgreichsten Geschichten geschrieben.

Sie erschien als Leserstory in einem John-Sinclair-Heft unter dem schwülstigen Titel "Pestpilz und Einhornzauber", dann mehrmals in Magazinen und Fanzines prosaischer als "Pilz und Einhorn".

Als ich damals hörte, das Schweizer Radio DRS würde für seine Reihe "Schreckmümpfeli" (Schreckhupferl) Manuskripte von gruseligen Kurzhörspielen suchen, schrieb ich eine Radiofassung.

Sie wurde angekauft und 1989 unter dem heutigen Titel "Brüderlein und Schwesterlein" produziert.

Über die Jahre trudelten via VG Wort immer wieder Schecks ein; das Hörspiel wurde anscheinend regelmäßig aufs Neue ausgestrahlt - bald dreißig Jahre lang. Ich habe mit dieser Story mehr Geld verdient als mit meinen vier serienunabhängigen Büchern zusammen. Da sage noch einer, das Schreiben von Kurzgeschichten lohne sich nicht!

Letztes Jahr dann feierten die Schreckmümpfelis ihr vierzigjähriges Bestehen, und aus Anlass dieses Jubiläums stellte man eine Auswahl der beliebtesten Gruselhörspiele ins Netz.

Und o Freude - "Brüderlein und Schwesterlein" waren auch dabei!

Was zur Folge hat, dass ihr euch, so ihr Horror und Hörspiele mögt, die entsprechende Folge jetzt kostenlos herunterladen könnt!

Viel Spaß damit!


P.S. Nach bald dreißig Jahren ist es mir nun endlich möglich, mein allererstes Hörspiel einmal selbst zu hören - was für eine Begegnung mit der Vergangenheit! Und, habe ich es schon getan? Nein. Noch scheue ich davor zurück. Das wird zelebriert werden müssen.


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English summary for foreign readers: My first radio play from 1989, "Brüderlein und Schwesterlein" (Little Brother and Little Sister), is now downloadable for free at Schweizer Radio Fernsehen.

Dienstag, 12. April 2016

Jetzt im Handel: PLAY2LIVE, das neue Buch von Kirsty McKay

Schon vor einigen Wochen trudelten hier die Belegexemplare meiner Übersetzung von Kirsty McKays jüngstem Jugendbuch ein, das im Original KILLER GAME heißt:

(Quelle: Carlsen)

Ich mag besonders das Schattenspiel: "play2die".

Umschlagtext

Endlich ist Cate dabei!

Die Spielregeln: Ein Mörder, zwölf Spieler und absolute Schweigepflicht.

Das Ziel: Den Mörder ausfindig machen, bevor man gekillt wird.

Ein beklemmender Thriller mit schwarzem Humor!

Das Buch ist wieder typisch Kirsty McKay, wenn auch diesmal nicht gar so knallbunt und sarkastisch wie die UNTOT-Romane - passend zur Ich-Erzählerin. Die ist zwar genauso zupackend - sisters are doing it for themselves! -, aber einen Tick stiller und nachdenklicher.

Mir hat die Übersetzung großen Spaß gemacht, und ich bin gespannt, wie die Geschichte bei euch ankommt! Unser 13jähriger hat das Buch jedenfalls binnen anderthalb Tagen verschlungen.



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English summary for foreign readers: My translation of Kirsty McKays latest book, KILLER GAME, recently hit the bookstores. The "German" title is PLAY2LIVE and I think, readers will love it.

Freitag, 8. April 2016

"Mit geradezu islamistischer Verbohrtheit"

Ich lese gerade zum zweiten Mal Peter Schneiders hervorragendes Buch REBELLION UND WAHN - MEIN '68, weil ich manchmal den Eindruck habe, dass Pegida & Co. so eine Art rechte APO darstellen und ich mich frage, ob wir gerade auf ein rechtes '68 zusteuern.

Neulich fand ich in seinen Memoiren eine Stelle, die sehr deutlich zeigt, wie historisch nahe uns eigentlich manches ist, was in islamisch geprägten Kulturkreisen heute passiert und das wir gern als von uns längst überwunden in vage mittelalterlich erscheinende, auf jeden Fall mindestens wilhelminische Zeiten zurückdatieren.

Schneider schreibt auf Seite 31 über die 1950er Jahre:

Es war die Zeit, da Ehefrauen ihre Männer noch um Erlaubnis fragen mußten, wenn sie arbeiten gehen, ein Konto einrichten oder den Führerschein machen wollten. Es war die Zeit, da eine Ehe oder ein Verhältnis zwischen Partnern, die nicht derselben Konfession angehörten, einer Familientragödie gleichkam - von der Verfemung homosexueller Partner ganz zu schweigen; es war die Zeit, da es im Münsterland noch üblich war, daß katholische und evangelische Schüler getrennt im Pausenhof herumspazieren und getrennte Toiletten benutzen mußten.

Im Chaos der Kriegs- und der ersten Nachkriegsjahre hatten die Mütter notgedrungen die Rolle des Familienoberhaupts übernommen. Aber schon in den frühen fünfziger Jahren hatten die heimgekehrten Väter die alte Ordnung wiederhergestellt. Die volle Wucht ihres Verlangens nach Respekt und Anerkennung bekamen vor allem die halbwüchsigen Frauen der jungen Republik zu spüren - ihre Töchter. Was war ihnen nicht alles verboten! Die Vorschriften regelten nicht nur den Zeitpunkt der Rückkehr von einem Tanzvergnügen, die Frage, mit welchem Freund sie Umgang pflegen durften, die Wahl eines "für Frauen geeigneten" Berufs - im Zweifelsfall Sekretärin oder Dolmetscherin. Mit geradezu islamistischer Verbohrtheit wurden den Töchtern auch ihre Kleidung und Kosmetik vorgeschrieben: die Farbe und der Auftrag des Lippenstifts, die Breite der Augenumrandung, der Knopf, bis zu dem die Bluse geöffnet werden durfte, die Rocklänge, die Strumpffarbe, die Höhe und Breite des Schuhabsatzes. Setzten sie sich über diese Vorschriften hinweg, wurden sie nicht selten handgreiflich an "die Grenzen des Anstands" erinnert. Die Mehrzahl der heranwachsenden Mädchen in den fünfziger Jahren dürfte noch mit den wilhelminischen Handswerkszeugen der Pädagogik - Hand, Stock, Teppichklopfer - erzogen worden sein.

Das ist historisch nicht weit weg - erzogen wurde damals die heutige Großelterngeneration.

Zwei Schlüsse möchte ich daraus ableiten:

Erstens - es wird sich noch herausstellen, inwieweit viele der heutigen harschen Vorschriften, die auf jungen Musliminnen lasten, wirklich ursächlich mit "dem" Islam zu tun haben und inwieweit sie ebenfalls schlicht auf Verstörungen und Traumatisierungen durch Krieg, Bürgerkrieg und Entwurzelung zurückzuführen sind und also relativ leicht überwindbar sein werden.

Zweitens - einem kulturellen Überlegensheitsgefühl, das bei mancher hässlichen Nachricht vielleicht in uns aufsteigt, ist zu misstrauen.


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English summary for foreign readers: Even in the nineteen-fifties, German wifes had to ask their husbands for permission to make a driver's license, and German daughters faced punishment if they didn't look "decent" enough. Catholic and evangelic pupils had to spent their lunch breaks in separated spaces of the playground and would use different bathrooms, interconfessional marriages were big problems for the family. Sounds kind of islamistic, right?

Donnerstag, 7. April 2016

"Operation Gnadenakt" für Deutschen Science-Fiction-Preis nominiert

Meine Story vom Januar 2015 um ein amerikanisches Geheimprojekt im Zusammenhang mit Nazideutschland hat es auf die Liste geschafft. Hurra! Hoch die Tassen!


Es ist, glaube ich, das erste Mal, dass ich für diesen Preis der deutschen SF-Fans nominiert worden bin. Das freut mich umso mehr, weil sie beim Preis der Profis ja durch den Rost gefallen ist ...

  • Mehr über den DSFP dort, und
  • die entsprechende Ausgabe von Phantastisch findet ihr dort.


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English summary for foreign readers: My story "Operation Gnadenakt" (Operation Act of Grace) about a secret US project since Nazi Germany is nominated for German Science Fiction Award. Yeah!