Dienstag, 25. August 2015

Drei richtig gute neuere SF-Romane. Mit einem Nachtrag

Freund und Autorenkollege Ruben Wickenhäuser schrieb neulich aus dem schönen Schweden

[...] brauche ich unbedingt eine kleine Aktualisierung, was sich so am SF-Himmel tut ... sprich was sich wirklich zu lesen lohnt

und da ich davon ausgehe, dass diese Frage auch einige von euch interessiert bzw. ihr vielleicht euren Senf dazu geben wollt, beantworte ich sie mal hier!

Der erste Roman, der mir richtig gut gefallen hat, ist erfreulicherweise der, den ich gerade übersetze: AFTERPARTY von Daryl Gregory (2014). Ein Krimi um Drogen aus dem Drucker, besonders um eine, die dich Gott sehen lässt. Ich habe hier schon darüber geschrieben, und dort findet ihr Gregorys Seite zum Buch.

Auch der zweite Roman wurde hier schon vorgestellt: THE DISESTABLISHMENT OF PARADISE von Phillip Mann (2013). Eine immer schamanischer werdende letzte Forschungsreise über einen Planeten, der von den Siedlern wieder aufgegeben wird. Manns Seite zum Buch findet ihr dort.

Fehlt noch der dritte, den ich erst kürzlich gelesen habe: SOMETHING COMING THROUGH von Paul McAuley (2015). Ein Multikulti-Krimi um Alien-Artefakte und -Meme, die nicht nur bei uns auf der Erde für Chaos sorgen, was nicht allen Beteiligten gefällt, manchen aber schon. Die Verlagsseite zum Buch findet ihr dort.

Alle drei Bücher haben gemeinsam, dass in ihnen keine Apokalypsen breitgewalzt werden, sondern dass sie kurz und knackig sind und ihr Blickwinkel ein lakonisch-optimistischer ist. Was mit ein Grund ist, warum sie mir so gefallen!

Richtig gut geschrieben sind sie natürlich auch, jedes mit seiner eigenen, klaren und vollen Stimme, SOMETHING am lebendigsten, AFTERPARTY am coolsten, PARADISE am virtuosesten.


Fragen, Anmerkungen, eigene Tipps für den guten Ruben bitte in die Kommentare!

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Nachtrag 26.08. - Paul McAuley führt übrigens auch ein lesenswertes Blog.



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English summary for foreign readers: The three recent sf novels I liked most in the last months

Freitag, 21. August 2015

Etymologische Notiz zum Blog-Titel

Heute beim zweiten Frühstück kam mir beim Blättern in einer Sammlung Grimmscher Märchen die Idee, hier einmal aufzuschreiben, was ich über den Titel meines Blogs weiß. Bitteschön:

"Böhmert" kommt am wahrscheinlichsten von Böheim oder Böhme, dem aus Böhmen Stammenden. Frühere Generationen glaubten Wikipedia zufolge, "das Volk der Böhmen neige besonders zur Vagabundage und zu künstlerisch buntem, zuweilen etwas lautem Auftreten".

(2015, Night of the Prog: Fränkie freut sich über den sehr guten Sekt im Thermobecher. Foto [Ausschnitt]: Rainer Stache)

Mit Böhmen waren Zigeuner gemeint. Siehe auch Bohème. So sind Böhmer, Böheimlein, Böhmlein denn auch alte Namen für den in seinem Wanderverhalten unberechenbaren Seidenschwanz, damals auch Spottvogel, Kriegvogel, Pestvogel genannt, "weil sein oft in schaaren erfolgender anflug krieg und tod verkünden soll" (Grimmsches Wörterbuch). Uh!

Davon abweichend: Vor vielen Jahren stieß ich in einem Antiquariat oder einer Bücherei auf ein Namensherkunftsbuch längst vergessenen Titels, in dem Böhmert auf Baumert zurückgeführt wurde, was ein alter Name für den Holzfäller, den Waldarbeiter gewesen sein soll.

"Hasenbrot" in der hier gemeinten Bedeutung ist "ein wetterauisches kinderwort für brot, das der jäger nicht auf der jagd verzehrt, sondern in seiner jagdtasche wieder mit nach hause bringt und als vom hasen herrührend den kindern gibt". Die Gebrüder Grimm zitieren außerdem ein Gedicht vom Ende des 18. Jahrhunderts, in dem es heißt: "herrlich, ohne teller, / schmeckt beim abendroth / heidelbeer und hasenbrot".

Vom Frühstück bis zum Abendbrot - der erzählerische Bogen ist geschlossen. Schönes Wochenende allerseits!


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English summary for foreign readers: Note on etymology. My surname, "Böhmert", probably comes from Böhmen, Bohemia. See also Bohemianism. And "Hasenbrot" means "rabbit's bread", that's the sandwich the hunter didn't eat in the woods and brought back to his children telling them he got it from the rabbit. Later the word was used for all lunchbreads fathers brought back from work. Most children loved "rabbit's bread" because all ingredients were so well infused.

Montag, 17. August 2015

Ein Fest des Lebens und der Liebe, eine zärtliche Geschichte über die Brutalitäten der Existenz

Lasst mich kurz den für mich besten Film der letzten drei Jahre vorstellen!

Damit ihr meine Meinung besser einordnen könnt, ich schreibe ja selten über Filme, hier erst mal der Trailer des Films, der mich damals so beeindruckt hat:



BEASTS OF THE SOUTHERN WILD habe ich seit der Kinoaufführung nicht wieder gesehen - wobei ich bestimmte Szenen immer noch vor Augen habe.

AME UND YUKI - DIE WOLFSKINDER habe ich in den letzten paar Wochen dreimal gesehen.

Worum geht's?

Eine junge Japanerin verliebt sich in einen Werwolf. Sie bekommen zwei Kinder. Wie mythische Wesen großziehen in einer Metropole des 21. Jahrhunderts?

Wie ist der Film erzählt?

Ruhig, mit einem großen Sinn für Schönheit und auch für Zurückhaltung in der Umsetzung. Dramatische oder schlimme Szenen sind meist ganz still erzählt; mit viel Bewegung und Effekten erzählt sind dagegen Momente der Lebensfreude, der Ekstase.

Was gefiel nicht so?

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Was gefiel?

  • Die genaue Darstellung, was Elternsein bedeutet
  • Die existenzielle Unsicherheit, die den Film durchzieht
  • Kleine, genau beobachtete Momente der Zärtlichkeit und der Solidarität
  • Es ist ein Alltagsfilm über ganz und gar nicht alltägliche Wesen.
  • Der hintersinnige Witz
  • Wie beiläufig manche Dinge erzählt werden, die eigentlich total wichtig sind, sprich: Mamoru Hosoda hält seine Zuschauer nicht für dümmer als sich selbst.
  • Die Stadt- und Naturlandschaften
  • Das Abfeiern des Daseins
  • Die Schönheit
  • Dabei unkitschig

Gute Stelle?

In einer Szene, die Familie lebt inzwischen auf dem Land, wundern sich bei einem Treffen die Nachbarn, dass ihre Felder von Wildtieren verwüstet wurden, die der Familie jedoch nicht, und fragen nach dem Geheimrezept. Es gebe keines, erklärt die Mutter. Da rennt eins der Wolfskinder an der Runde vorbei: "Ich muss mal!" Ende der Szene.

Nach ein paar Sekunden erst wurde mir klar: Das Kind setzt Duftmarken, und die Wildtiere trauen sich einfach nicht auf die Felder. Das wird so nebenbei miterzählt, dass es eine Freude ist; ich sehe den Regisseur richtig schmunzeln.

Zu empfehlen?

Auf jeden Fall. Ein Film für Leute, die diesen ganzen Angst- und Thrillerkram und die Hollywood-Aufgebretzeltheit und den Zynismus leid sind

Wo aufgestöbert?

Neulich beim Molosovsky-Besuch in Frankfurt

Und sonst?

Stille Freude bei jedem Denken an den Film; er ist mir eine Kraftquelle.




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English summary for foreign readers: For me, WOLF CHILDREN by Mamoru Hosoda is the best film of the last three years, since I saw BEASTS OF THE SOUTHERN WILD.

Dienstag, 11. August 2015

Abgeliefert: das gegengelesene Lektorat von Roxanne St. Claire, SCHÖN SCHÖNER TOT

Noch vor meiner zweiten kleinen privaten Deutschland-Rundreise dieses Sommers (über die erste könnt ihr hier ein bisschen was lesen) habe ich neulich das Lektorat meiner Übersetzung von SCHÖN SCHÖNER TOT gegengelesen. Das Jugendbuch von Roxanne St. Claire wird im Herbst bei Carlsen erscheinen:

(Bildquelle: Carlsen)

Ich glaube, wir werden eine tolle deutsche Fassung vorlegen, aber Junge-Junge, war das zwischendurch hakelig! In dem Buch kommen einige Schlüsselbegriffe vor, die einfach sitzen müssen, und der heikelste von allen hat uns ganz schön beschäftigt. Mein bester Vorschlag gefiel der kompletten Lektoratsrunde nicht; den Gegenvorschlag fand ich aus diversen Gründen nicht machbar, und erst ein Geistesblitz in buchstäblich letzter Minute fand dann allseitig Gefallen. So ist das manchmal!

Nun warte ich den Umbruch ab, der irgendwann in den nächsten Wochen zur Korrektur hier eintrudeln wird, und dann werden wir sehen, ob das jetzt wirklich an allen Stellen so funktioniert ...

So oder so - es wird ein toller, sehr lebendig geschriebener, schneller Thriller sein, den ihr dann im Herbst lesen könnt!



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English summary for foreign readers: Recently, I counter-checked the edited version of my translation of THEY ALL FALL DOWN by Roxanne St. Claire, an awesome fast-running thriller which will hit the German bookstores in October.

Sonntag, 9. August 2015

Kleine Kostprobe

Dann ertönte ein Urschrei, und dann barst die Klotür. Sie flog auf, knapp an MPs anderer Hand vorbei, knallte gegen die Kacheln, schlug dabei den Papierhalter entzwei und prallte wieder zurück gegen den Amerikaner, der die geplatzte Faserplatte abfing und einen Schritt ins Klo machte und MP an der Front seines lächerlichen Pullovers hochzerrte.

»Ich mach dich so was von fertig, Freundchen«, knurrte er.

Doch er ließ MP, der schützend die Hände hochgerissen hatte, unvermittelt los und wich zurück.

»Holy shit!«, keuchte er. »Was ist das? Hast du – was ist das? Das ist doch – oh my God.«

Der Amerikaner starrte auf seine eigenen Hände hinab, mit denen er MP angefasst hatte, und machte ein, zwei Schritte nach hinten. »Oh my God. Das ist Lepra. Dieser kleine Penner hat mich mit Lepra angesteckt.«

- aus meinem nächsten Roman für Golkonda, Rohfassung


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English summary for foreign readers: "Oh my God. That's leprosy. That little punk gave me leprosy." Sneak peek into the first draft of my next novel for Golkonda Verlag

Freitag, 31. Juli 2015

Na, soll ich euch mal die persönlichen Höhepunkte meines diesjährigen Rockfestivals verraten?

Bitteschön!

Die Entdeckung der diesjährigen Night(s) of the Prog auf der Loreley schlechthin waren für mich und auch für meinen großen Sohn Luna Kiss aus England. Sie eröffneten den zweiten Tag und bescherten mir trotz Mittagszeit und gleißender Sonne eine Gänsehaut nach der anderen. Frontmann Will Russell hat eine Stimme zum Reinkriechen, dazu kommen eine unglaublich singende, warme Gitarre, eine perfekte Balance zwischen laut und leise und heftig und zart und eine sympathische, unangestrengte Bühnenpräsenz. Es gibt leider kein Livevideo von ihnen, aber das hier lässt alles erahnen:



Ihre erste CD (von inzwischen dreien) läuft hier zu Hause derzeit mindestens einmal am Tag! Sowohl bei meinem Sohn als auch bei mir.

Beardfish aus Schweden habe ich zum dritten Mal gesehen, und sie haben mich natürlich auch diesmal wieder glücklich gemacht. Sie komponieren ernste Songs, die völlig frei zwischen Jazz und Prog und Blues und Hardrock changieren, sind live aber eine richtige Spaßband - Party pur für Leute, die ihre Musik gern komplizierter mögen:



Ich lasse mich besonders gern vom Basser Robert Hansen mitreißen, der so herrlich gemütlich ausflippen kann! Ihre aktuelle Scheibe läuft hier auch alle paar Tage.

Dann Camel. Leute, ich habe Camel live gesehen! Allein diesen Satz hier hinzuschreiben, treibt mir Tränen in die Augen. Andrew Latimer, ein britischer Gentleman wie aus dem Bilderbuch, nur im T-Shirt, war vor einigen Jahren schwer erkrankt und hatte nach seiner Genesung unter vielen Mühen noch einmal komplett Gitarre lernen müssen. Das nenne ich mal eine gelungene Physio! Hier ein Fanvideo, das sogar vom Konzert stammt:



Mitten im Konzert hatte ich einen großartigen Moment. Ich musste bei den langen Instrumentalpassagen immer die Augen schließen, das ging gar nicht anders, und als ich sie einmal wieder öffnete, zuckte ich richtig zusammen: Ach ja, ich bin ja auf der Loreley! Es ist zwar Nacht, aber ich sitze ja!

Ich hatte mich wieder in meinem Jugendzimmer befunden, als vielleicht Siebzehnjähriger auf dem Bett liegend, mit der plüschigen Leopardenfell-Tagesdecke unter mir und dem fetten schwarzen HiFi-Kopfhörer auf, der mich in den Klängen von THE SNOW GOOSE baden ließ.

Ein unglaublicher, sämtliche Sinne umfassender Moment der Erinnerung - herrlich. Was Musik alles vermag!

(Mein großer Sohn und ich leicht sonnenverbrannt und sehr glücklich im Kreis meiner diesjährigen Festivalbande, die privat bleiben soll)


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English summary for foreign readers: The three performances I liked most on this year's Night(s) of the Prog on Loreley were from Luna Kiss, Beardfish and Camel.

Dienstag, 28. Juli 2015

Ich übersetze demnächst den neuen Roman von Kirsty McKay

Dabei handelt es sich allerdings nicht um den abschließenden Band der UNTOT-Reihe - Kirsty ist eine andere Idee dazwischengekommen:

(Bildquelle: Chicken House)

Es handelt sich um einen Thriller, der auf einem Internat vor der englischen Küste spielt und keine fantastischen Elemente enthält. Der Ton ist diesmal nicht so witzig-aufgedreht, sondern eher nachdenklich. Charme versprüht die Ich-Erzählerin, wie wir es von Kirsty gewohnt sind, natürlich trotzdem wieder!

Worum geht's?

Um ein alljährliches Mörderspiel. Nur wenige Schüler werden zur Teilnahme eingeladen. Einer wird der "Mörder"; die anderen müssen versuchen, seinen "Anschlägen" zu entgehen und seine Identität herauszufinden. Ein spannender Spaß, doch dann werden die Streiche immer realistischer - und gefährlicher. Der diesjährige "Mörder" scheint ernst machen zu wollen.

Ich habe neulich schon ein paar Seiten vorab übersetzt, für den nächsten Leseproben-Reader von Carlsen.

Sobald der rauskommt, sage ich euch Bescheid!


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English summary for foreign readers: In late summer, early autumn I will translate KILLER GAME, the new thriller by Kirsty McKay, into German. I've done all her UNDEAD stuff, too. Big fun!