Mittwoch, 1. Oktober 2014

Es ist ein Hochgenuß, es mitanzuschauen wie allerlei zahmgemachte Dinge an uns vorüberziehen. Daher kommt es, daß sich so viele Menschen dort aufstellen, wo königliche Personen vorbei müssen.

Victor Hugo, DER LACHENDE MANN (1869)
Deutsch von Georg Büchmann
Erster Teilband, bei Golkonda

Dienstag, 30. September 2014

Unterhaltungen zwischen Büchern

Wer wie ich immer ungefähr ein halbes Dutzend Bücher parallel liest, kennt das Phänomen vielleicht: Manchmal treten die Bücher in einen direkten Austausch.

Neulich zum Beispiel.

Ich las in dem hier schon erwähnten tollen Bildband mit Indianerportraits Folgendes:

Wohin man in der weißen Gesellschaft auch geht - in Gerichtssäle, zu gesetzgebenden Versammlungen, ins Parlament, zu jeder Art von Versammlungen -, was man zu sehen und zu hören kriegt, ist ein Kampf - ein Krieg - mit Worten. "Übereinstimmung" wird durch Entzweiung erreicht.

Eigentlich ist das jedoch gar keine Übereinkunft, es ist ein Triumph der Mehrheit. Deswegen glaube ich, daß weiße Menschen ihre Sachen niemals in die Reihe kriegen können. Immer sind sie in Hunderte von Fraktionen zersplittert. Ihr demokratischer Entscheidungsprozeß hält sie in diesem Zustand. Jedesmal, wenn eine Übereinkunft erreicht ist, wird ein großer Teil der Bevölkerung - die Minderheit - unterdrückt. Besiegt. Deshalb gibt es nie irgendeine wirkliche Übereinkunft. Dafür aber eine verdammte Menge Bitterkeit und Haß.

Wilfred Peletier in:
Sabine Kückelmann, LOOK INTO THE HEART. LEBEN IN ZWEI WELTEN (1995)
Art Stock, nur noch antiquarisch erhältlich

Diese Kritik trifft, hm, ein bisschen zu - aber sie ist zu grob gekeilt; sie lässt das System der checks and balances und überhaupt die kompletten Funktionen des Interessenausgleichs außenvor.

Das fällt besonders auf, wenn man parallel auch die neue Autobiografie ENTSCHEIDUNGEN von Hillary Clinton über ihre Zeit als amerikanische Außenministerin schmökert. Wie oft sie da von parteiübergreifenden Gesprächen berichtet, von Republikanern und Demokraten, die versuchen, gemeinsam eine tragfähige Entwicklung in Gang zu setzen ... lauter kleine Teams von Rivalen ... eine mal mehr, mal weniger stark ausgeprägte Qualität der amerikanischen Demokratie seit den Zeiten Abraham Lincolns, also immerhin schon seit den 1860ern.

Für gereifte Demokratien gilt das Gebot der Einbindung der unterlegenen Seite erst recht - bestes Beispiel derzeit: Wie das Verhältnis zwischen Schottland und dem Vereinigten Königreich jetzt neu ausgehandelt werden wird.

Das übersehen Demokratie-Kritiker immer gern - wie auch die Tatsache, dass Demokratie einen Werkstattcharakter hat und immer genau dann stattfindet, wenn es stinkt und kracht. Anderenfalls kommt höchstens so eine geschmeidige, vernünftige, leise Scheindemokratie dabei heraus wie im Zukunftsteil von Sibylle Bergs großartigem Roman VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN - noch so eine Lektüre, die sich gerade immer kräftig in die anderen Bücher, die ich mir einverleibe, einmischt.

Montag, 29. September 2014

An Bofingers Grab

Als ich neulich hier Manfred Bofingers DER KRUMME LÖFFEL empfahl, sein wunderbar warmherziges Buch mit Kindheitserinnerungen, fiel mir erst auf, dass dieser ehemalige Straßennachbar von mir auf Alt-Stralau begraben liegt. Die Halbinsel Stralau ist einer meiner Lieblingsorte, wie auch die Leser von BERLIN 2037 kürzlich mitbekommen konnten, weil eine Schlüsselszene des Romans dort spielt. Was lag also näher, als sich Bofingers Grab am Wochenende einmal anzuschauen und dort vielleicht ein oder zwei seiner, wie es im Untertitel heißt, "Miniaturen einer Kindheit" vorzulesen?

Gesagt, getan. Gestern Nachmittag traf ich mich mit Ralf Steinberg, und wir statteten Bofingers Grab einen Besuch ab.

Als wir dort ankamen, musste ich lachen. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, selber so einen krummen Löffel zu bauen und ihm auf sein Grab zu legen, auf die Schnelle jedoch keinen passenden Stock gefunden.

Zum Lachen brachte mich, dass ganze fünf krumme Löffel dort in der Erde steckten; außerdem waren Glasmurmeln in die Erde gedrückt, mehrere kleine Spielzeugfiguren und selbstgebastelte Kleinigkeiten waren zu sehen, und in dem aufgeschlagenen Marmorbuch lagen Kastanien, Eicheln und andere schöne Fundstücke.

Ein berührender Anblick.

Zumal Bofinger jetzt schon seit acht Jahren tot ist. Die Leser von ALFONS ZITTERBACKE und Dutzenden anderen Kinderbüchern, die er illustriert und manchmal auch geschrieben hat, haben ihn nicht vergessen - damit hatte ich gerechnet.

Dass auch DER KRUMME LÖFFEL, seit Jahren vergriffen, immer noch so viele Leute bewegt - das hat mich umgehauen.

Es haut mich auch jetzt wieder um, während ich hier gerade tippe.

(Foto: icke)

Ralf hat ebenfalls über unseren Besuch geschrieben, mit etlichen Fotos mehr; das könnt ihr euch dort zu Gemüte führen, wenn ihr wollt.

Sonntag, 28. September 2014

Erstarrter Sturm?

Nach zwei einführenden Kapiteln spielt die Handlung für gefühlte zehntausend Seiten auf dem nächtlichen Meer. Ein Schiff versinkt im Sturm. Aber es sinkt nicht einfach. Es passiert fast gar nichts mehr. Hugo schreibt und schreibt und schreibt über Alles und Nichts, gelehrt, in einem Stil, den heute niemand mehr beherrscht - und in all dieser Wortflut gerinnt jegliche Handlung, selbst die denkbar dramatischste, zur Erstarrung.

Heute würde ein Lektor kommen und die ersten zweihundert Seiten auf vierzig zusammenstreichen. Selig die Zeiten, in denen die Diktatur des Lektorats noch nicht sämtliche Literatur in ihrem Würgegriff der Machbarkeiten und des Gängigen hielt. Selig wir Leser, die wir Hugos Gedankenfeuerwerk in all seiner Vielfalt und Wucht folgen dürfen, Seite um Seite um Seite, bis das Schiff endlich versunken ist und der Roman - erst danach, nach mehreren hundert Seiten - die eigentliche Hauptfigur einführt.

Epischer Atem ergibt epischen Sturm ergibt episches Versinken aller Leser.

Der geschätzte Berliner Kollege Tobias O. Meißner in seinem Vorwort zum ersten Band von
Victor Hugo, DER LACHENDE MANN (1869),
in vier Teilbänden bei Golkonda

Ich bin gespannt!

Samstag, 27. September 2014

Und was sagen sie im Forum von sf-fan.de über meinen Neo-Roman?

Nicht viel.

Bungle - der, wie ich weiß, schon so manche meiner Geschichten gelesen hat, schreibt kurz und knapp:

Er war für "Berlin 2037" auch irgendwie prädestiniert. :) Wobei ich mir ein bisschen mehr erhofft habe.

Worauf ein gewisser Wünsche anmerkt:

Frank gehört nach wie vor in die E[rst]A[uflage]! Das ist die Oberliga!

Das ist natürlich sehr schmeichelhaft, und es wäre eine Ehre, als Teamautor für diese große alte Serie zu schreiben. Allein: Dieser Autor hier ist fürs Serienromanschreiben auf Termin einfach nicht gemacht. Das haben die Redaktion und ich gerade erst wieder schmerzhaft erfahren müssen.

Ist einfach so. Müsst ihr mit leben. Genauso wie ich.

Freitag, 26. September 2014

Fünfmal fünf Sterne

Bei der Amazon-Kundschaft kommt mein Neo-Roman BERLIN 2037 offensichtlich sehr gut an - es gibt dort jetzt fünf Kundenrezensionen mit Höchstwertung und bislang keine Gegenstimmen.

"Schöner Einstieg", schreibt etwa ein Neuleser namens Art Hirtman und attestiert "eine glaubwürdige Zukunft".

Und Martin Militsch, den ich vom Berliner Perry-Rhodan-Stammtisch her kenne, stellt fest:

Was der Berliner Autor und Übersetzer schon mit 3 Perry Rhodan Taschenbüchern (bei Heyne) und 2 Heftromanen bewiesen hat, zeigt er auch bei seiner Rückkehr ins Perryversum: Er ist ein Spitzen Science Ficton Autor, der hier zudem eine farbige Zukunftsversion seiner Heimatstadt bietet! Einer der besten Perry Rhodan Neo Romane, qualitativ weit über dem Durchschnitt!!

Hach ja, so startet man doch gern in den Arbeitstag ...

(... den ich allerdings nicht mit dem Schreiben von Science Fiction verbringen werde, sondern mit der abschließenden Überarbeitung eines frisch von mir übersetzten parapsychologisch angehauchten Krimis.)

Donnerstag, 25. September 2014

Nehmen wir einmal an, die Ratshalle braucht ein neues Dach

Nehmen wir einmal an, die Ratshalle einer indianischen Gemeinschaft braucht ein neues Dach [...] Nun, alle wissen davon. Die ganze Zeit hatte es schon hier und da durchgeregnet, und es wird immer schlimmer. Die Leute haben wohl auch schon darüber gesprochen und gesagt: "Ich glaube, das alte Gemäuer braucht ein neues Dach." Und dann ist da eines Morgens auf einmal ein Typ auf dem Dach, der die alten Schindeln herunterreißt, und unten auf der Erde liegen mehrere Haufen von neuen, handgemachten Holzschindeln - wahrscheinlich nicht genug, um die ganze Arbeit fertig zu[ ]bekommen, aber genug, um erst einmal damit anzufangen. Nach einiger Zeit kommt dann ein anderer Typ vorbei und sieht den ersten auf dem Dach. Er geht zu ihm 'rüber, aber er sagt nicht etwa: "Was machst du denn da oben?"[,] weil das ja offensichtlich ist. Er würde statt dessen sagen: "Wie sieht's denn aus da oben? Ganz schön verlottert, was?" Irgend etwas in der Richtung. Und dann zieht er weiter, doch schon bald ist er mit einem Hammer oder einer Schindelaxt zurück und vielleicht ein paar Schindelnägeln oder ein paar Rollen Dachpappe. Am Nachmittag arbeitet schon ein ganzer Trupp auf dem Dach, unten hat sich ein Stoß von Material auf der Erde angesammelt, Kinder nehmen die alten Dachziegel fort - nehmen sie zum Anfeuern mit nach Hause -, Hunde bellen, Frauen bringen kalte Limonade und belegte Brote.

Die ganze Gemeinschaft ist dabei, und es gibt eine Menge Spaß und Gelächter. Vielleicht taucht am nächsten Tag ein anderer Typ mit noch mehr Dachziegeln auf. Nach zwei oder drei Tagen ist die ganze Arbeit fertig, und alles findet darin seinen Abschluß, daß man eine Riesenfete in der "neuen" Ratshalle abhält. Und das alles nur, weil ein Typ sich dazu entschloß, die Halle neu zu decken. Wer war nun dieser Typ? War er ein einzelnes, isoliertes Individuum? Oder war er die ganze Gemeinschaft? Wie kann man das sagen? Keine Versammlung ist einberufen worden, keine Komitees wurden gebildet, keine finanziellen Mittel erhoben. Es gab keine Streitereien darüber, ob das Dach mit Aluminium, Kunststoff, Blech oder Ziegeln gedeckt werden sollte, was das Billigste wäre, was am längsten halten würde und so weiter. Es gab keinen Meister dabei, niemand wurde eingestellt, und kein Mensch stellte das Recht dieses Typen in Frage, das alte Dach herunterzureißen. Und dennoch muß eine gewisse Form von "Organisation" geherrscht haben - weil nämlich die Arbeit fertig wurde. Und sie wurde viel schneller fertig, als wenn man richtige Dachdecker eingestellt hätte. Und vor allem: Es war keine Arbeit, es war Spaß!

Wilfred Peletier, Anishinaabe
aus: Sabine Kückelmann, LOOK INTO THE HEART. LEBEN IN ZWEI WELTEN (1995)
Art Stock, nur noch antiquarisch erhältlich

Dieser Kunstband mit Fotografien von Sabine Kückelmann und eigenen Texten der Portraitierten ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Wenn ihr nur ein einziges Buch über heutige nordamerikanische Indianer lesen wollt, dann nehmt dieses! Es kommen Angehörige aller möglichen Stämme zu Wort; ob alt oder jung, männlich oder weiblich, in der Stadt oder auf dem Land lebend, alle erzählen sie ihre Geschichte.

Drüben bei Sabine Kückelmann könnt ihr fünf kleine Blicke in das Buch werfen.